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Der König liest im Rathaus

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Das alles und noch viel mehr, würd’ er machen, wenn er König von Deutschland wär: Ralf König vor seinem gezeichneten Ensemble.	(Foto: juw)
Das alles und noch viel mehr, würd’ er machen, wenn er König von Deutschland wär: Ralf König vor seinem gezeichneten Ensemble. (Foto: juw) © Julian Wessel

Wenn David Goliath liebt: Comic-Lesung mit Ralf König im Rathaus. Die Veranstalter nennen die Show »Vorprogramm zum Christopher Street Day«.

Waren Adolf Hitler und Goethe schwul? Wenn Ralf König seine knollennasigen Figuren über solche Fragen diskutieren lässt, dann gehört das zu den eher harmloseren Themen in seinem Werk. Denn die Comics des 55-Jährigen haben es in sich. Es werde »sehr schwul«, hatte der Zeichner seiner Lesung im Rathaus vorausgeschickt. Er hätte auch sagen können: »Die folgenden zwei Stunden werden drastisch, vulgär und sind nur für Leute geeignet, die keine Probleme mit der tabulosen Darstellung schwuler Sexualpraktiken haben.«

Als »Vorprogramm zum Christopher Street Day« hatten der CSD-Verein und das Büro für Gleichstellungsfragen den erfolgreichen Zeichner eingeladen, der sich seit über 30 Jahren mittels Zeichenstift und Sprechblasen für Homosexuelle und Gleichberechtigung einsetzt. Und das mit großem Erfolg: In 15 Sprachen übersetzt, haben Königs pfiffige Comics eine Gesamtauflage von sieben Millionen erreicht. Sie lieferten auch die Vorlage für erfolgreiche Kinofilme wie »Der bewegte Mann« und »Kondom des Grauens«.

König präsentierte ausgewählte Geschichten aus seinem Jubiläumsband »Der dicke König«, die er an die Wand hinter sich projizierte. Die Sprechblasen las er laut vor, verlieh jeder Figur eine eigene Stimme und sorgte so bald für eine ausgelassene Stimmung im gut besuchten Saal. Zwischen Kaffee und Torte erklärt da ein schwuler Sohn seiner Mutter den Analverkehr. Die Hunde Roy und Al leiden unter den ausufernden Sexualpraktiken ihrer Herrchen: »Nie habe ich etwas so Ekelhaftes gesehen!« Was ein geballtes Maß an Selbstironie für die einen war, geriet zur wunderbaren Toleranzübung für die anderen.

Zwischendurch gab es Anekdoten zu den Hintergründen der Geschichten. So hatte König einmal in einem Interview Fußball als »heterosexuelle Unsitte« bezeichnet. Ein Fauxpas, den er in einer Bildgeschichte über einen fußballsüchtigen Schwulen verarbeitete. Eine andere Story hieß »Coming-out«. Ein Sohn gesteht seinen Eltern seine Homosexualität. Diese reagieren nicht mit Abneigung, sondern überhäufen den Sprössling derart mit guten Ratschlägen für sein schwules Leben, dass dieser sich am Ende kleinlaut für eine Elektroschocktherapie entscheidet.

Sein eigenes Coming-out, erzählte König, habe er 1979 im Kontext von »Homolulu« gehabt und anschließend in einer Frankfurter Kneipe gefeiert, dass die Schwulen-Demonstration in den Abendnachrichten vorgekommen war.

Ein anderer großer Themenkreis widmete sich der Religion. Vor allem im Alten Testament findet König reichlich Stoff für hinter- und abgründige Satiren. In seiner Interpretation von »David und Goliath« verliebt sich das »Hühnchen« David in den muskelstarken Hünen.

Zu Goethe und Hitler lässt der Kölner seine Figuren schließlich zu einer Art Fazit kommen. So sei der Dichterkönig eindeutig hetero gewesen, schließlich stieg er noch im Greisenalter jungen Mädchen hinterher. Und auch Hitler sei, zumindest was die Sexualität angehe, rehabilitiert. Schließlich seien »Faschist und Massenmörder ziemlich unschwule Berufe.« Julian Wessel

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