Masken sind auf Gießens Straßen allgegenwärtig. Das drängt auch die Verbreitung der Grippe deutlich zurück.
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Masken sind auf Gießens Straßen allgegenwärtig. Das drängt auch die Verbreitung der Grippe deutlich zurück.

Dank Mundschutz

Gießen: Deutlich weniger andere Infektionskrankheiten durch Corona

  • Christoph Hoffmann
    vonChristoph Hoffmann
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Die Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie haben zu einem deutlichen Rückgang anderer Infektionskrankheiten geführt. Doch was bedeutet das für das Immunsystem?

Der Winter ist überwunden. Zumindest aus meteorologischer Sicht. Die Nordhalbkugel befindet sich seit dem 1. März offiziell im Frühling. Damit endet nicht nur die kalte Jahreszeit, sondern auch die Grippesaison. Wobei es die in diesem Jahr im Grunde gar nicht richtig gegeben hat. Desinfektionsmittel, Kontaktbeschränkungen, Händewaschen und Gesichtsmasken haben dafür gesorgt, dass Tröpfcheninfektionen in diesem Winter kaum eine Chance hatten. Laut dem Robert-Koch-Institut wurden bis Ende Februar des vergangenen Jahres fast 100 000 Influenzavirusinfektionen gemeldet. In diesem Jahr waren es im gleichen Zeitraum nur 438.

Gießen: Kein einziger Grippefall am UKGM

Influenzaviren werden genau wie Sars-CoV-2 durch kleinste Tröpfchen in der Luft übertragen, die beim Sprechen, Niesen oder Husten freigesetzt werden. »Durch das Abstandhalten und Maske tragen ist diese Infektionskette unterbrochen worden«, sagt Doreen Ziedorn, die am Uniklinikum als Ärztin in der Krankenhaushygiene tätig ist. Am UKGM habe das große Auswirkungen gehabt. Während der Wintersaison 2019 seien im Klinikum 80 Patienten mit Influenza behandelt worden, 2020 bis zum ersten Lockdown waren es laut Ziedorn 120. Und in der zurückliegenden Saison? »Wir hatten bis jetzt keinen einzigen Fall, weder bei Patienten noch beim Personal«, betont die Ärztin und fügt hinzu: »Das ist wirklich erstaunlich.« Und für das Krankenhaus ein Glücksfall.

Vergleichsweise wenige Menschen kommen nur wegen einer Grippe ins Krankenhaus, sagt Ziedorn. »Die meisten Patienten haben schon eine Grunderkrankung, die Influenza kommt dann on top.« Gerade für ältere Menschen oder vorerkrankte Kinder sei das gefährlich.

Auch Christoffer Krug, der Leiter des Kinder- und Jugendarztzentrums in der Marburger Straße, kann diese Entwicklung bestätigen. »Die klassischen Winterrotznasen und Infekte in den Bronchien hatten wir dieses Jahr so gut wie gar nicht.« Auch Magen-Darm-Infekte, die sonst im Winter Hochsaison hätten, seien deutlich zurückgegangen.

Deutlich weniger Infektionskrankheiten: Hat das negative Folgen für das Immunsystem?

Das gestiegene Bewusstsein für Hygiene hat also positive Effekte. Aber gibt es auch negative? Schließlich ist jede Rotznase wie eine kleine Impfung und härtet das Immunsystem ab. Kinderarzt Krug will diesbezüglich keine Prognose stellen. »Solch eine Situation gab es bisher schließlich nicht.« Möglich sei jedoch, dass die Phase des »Immuntrainingslagers« künftig etwas länger andauere und sich auch bis in das fortgeschrittene Kindergartenalter hineinziehe.

Auch Ziedorn weiß um die Vorteile eines gestärkten Immunsystems. »Als ich noch in der Kinderklinik gearbeitet habe, habe ich anfangs auch jeden Schnupfen mitgenommen. Mit der Zeit wird man aber robuster und nicht mehr gleich krank.« Aus Sicht der Krankenhaushygiene sei die Entwicklung aber durchweg positiv zu werten. Denn auch andere Infektionskrankheiten würden durch Händewaschen, Abstand, Desinfektionsmittel und Co. zurückgedrängt. »Die Verbreitung des Norovirus ist bei uns ebenfalls deutlich zurückgegangen«, sagt Ziedorn. Demnach waren es 2019 im Klinikum 50, vergangenes Jahr 22 und 2021 bisher nur 2 Fälle.

Mit Blick auf die Grippe kommt neben der Hygiene noch ein weiterer Aspekt zum tragen. Das betont Ziehdorns Kollege Dennis Albert, der ebenfalls als Arzt in der Krankenhaushygiene des UKGM arbeitet. »Die Impfbereitschaft ist deutlich gestiegen. Das darf gerne so bleiben. In der Vergangenheit wurde diese Möglichkeit nicht sehr gut angenommen.« Und auch mit Blick auf die Hygiene hofft der Mediziner auf nachhaltige Veränderungen. »Niemand möchte, dass es so weitergeht wie bisher. Aber wenn man sich das ein oder andere auch künftig ins Gedächtnis ruft und sich zum Beispiel nicht mehr so häufig ins Gesicht fasst, wäre das ein großer Gewinn.«

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