Sascha Feuchert erhält die Hedwig-Burgheim-Medaille der Stadt Gießen.
+
Sascha Feuchert erhält die Hedwig-Burgheim-Medaille der Stadt Gießen.

Kein Vergessen

  • vonSebastian Schmidt
    schließen

Sascha Feuchert erhält in diesem Jahr die Hedwig-Burgheim-Medaille der Stadt Gießen. Mit ihr sollen Menschen geehrt werden, die sich um die Verständigung und das Verständnis zwischen den Menschen verdient gemacht haben. Der Gießener Professor spricht im Interview über Respekt, Erinnerung und Aufklärungsarbeit.

Herr Feuchert, man sieht immer öfter Selfies und Schnapschüsse aus Auschwitz auf Instagram. Viele halten das für respektlos. Wie ist Ihre Meinung?

Ich sehe das auch immer wieder, aber die Gruppen, mit denen ich nach Auschwitz fahre, machen das nicht, sondern nehmen das selbst als störend war. Man erkennt daran die Notwendigkeit einer Vorbereitung solcher Besichtigungen. Ich halte das für einen Ausdruck von Unbedarftheit und Hilflosigkeit. Diese Jugendlichen, und es sind in der Mehrzahl junge Leute, die unangebrachte Fotos machen, wissen nicht richtig, wo sie sind, und wie sie sich verhalten sollen. Meine Erfahrung ist, dass so etwas nicht vorkommt, wenn Schüler auf den Besuch vorbereitet sind.

Warum sollten Schüler überhaupt Holocaust- Gedenkstätten besuchen? Was erfahren sie dort, was Dokumentationen oder Texte nicht zeigen?

Das Vor-Ort-Sein vermittelt einen ganz anderen Eindruck. Auf einer sehr basalen Ebene zeigt es die Realität des Geschehens: Man ist an dem Ort, an dem es stattgefunden hat. Wenn man diese Fahrten vorbereitet und die Schüler einzelne Geschichten der Opfer kennen, werden sie den Ort anders wahrnehmen. Das hinterlässt einen großen Eindruck. So etwas kann man im Schul- oder Seminarraum nicht erreichen.

Ab welchem Alter ergibt solch ein Besuch Sinn?

Gedenkstätten kann man sinnvoll ab der neunten Klasse besuchen. Da verfügen die Schüler über das nötige historische Wissen. Ich war aber gerade in einer Grundschule zu Gast. Da wird natürlich noch nicht über Konzentrationslager gesprochen, aber Geschichten in denen die Mechanismen der Ausgrenzung und des Antisemitismus vorkommen, kann man auch dort schon mit Kindern besprechen. Gedenkstättenbesuche kommen da aber noch nicht in Frage.

Unternehmen Sie Fahrten zu Gedenkstätten nur mit Schülern?

Nein, auch Studierende sind eine wichtige Zielgruppe. In der Germanistik zum Beispiel sind 60 bis 70 Prozent der Studierenden angehende Lehrer. Das sind später wichtige Akteure der Erinnerungskultur. Sie werden mit dafür verantwortlich sein, ob und wie in Schulen an den Holocaust erinnert wird.

Bieten Sie die Exkursionen nur für Gießener Schüler und Studierende an?

Grundsätzlich bekommen wir für unsere Arbeit wie zum Beispiel zu Projekttagen Anfragen aus ganz Deutschland. Die Gedenkstättenfahrten haben aber einen ganz starken regionalen Fokus. Da arbeiten wir mit Schulen aus der Stadt Gießen, dem Landkreis und dem Vogelsbergkreis zusammen.

Wie finanzieren sich diese Fahrten?

Da muss man unterscheiden. Fahrten mit Schulklassen bekommt man ganz gut finanziert, zum Beispiel über die Landeszentrale für politische Bildung oder die Chambré-Stiftung in Lich. Bei den angehenden Lehrern sieht es schlechter aus. Bei denen muss man die Fahrten zum Teil aus sechs oder sieben unterschiedlichen Quellen finanzieren. Die Politik möchte zwar, dass solche Lehrfahrten stattfinden, aber sie stellt kaum Förderinstrumente zur Verfügung, um diejenigen auszubilden, die diese Fahrten später mit Schülern durchführen sollen. Das ist ein Widerspruch. Und der ärgert mich sehr.

Warum unternimmt eine Arbeitsstelle, die sich mit Literatur beschäftigt, überhaupt Exkursionen zu Gedenkstätten?

Wir verbinden mit den Besuchen die Arbeit mit schriftlichen Zeugnissen von Überlebenden und Opfern. Diese Zeugnisse spielen unserer Meinung nach eine immer wichtiger Rolle. Denn wenn es keine Zeitzeugen mehr gibt, werden die Texte die einzigen Zugänge sein, die wir zu den individuellen Schicksalen erhalten können. Auch in den Schulen sollten die Exkursionen flankiert werden von einem Geschichtsunterricht, der vor allem faktenbasiert den Hintergrund vermittelt, aber auch vom Deutschunterricht, weil der den Schülern über literarische Texte und Zeugnistexte noch einmal einen anderen Zugang ermöglicht.

Haben Sie einen Wandel festgestellt?

Ich mache das seit 1996 und ich glaube, es ändert sich die Art und Weise, wie Jugendliche auf das Thema zugehen. Die heutigen Schüler sind immer weiter von den beteiligten Generationen entfernt. In meiner Generation zum Beispiel waren es die Großeltern, die den Zweiten Weltkrieg erlebt hatten. Da kam es auch schon zu Auseinandersetzungen, weil sie sich mitunter angegriffen fühlten, wenn sich ihre Enkel mit dem Thema beschäftigt haben. Das fällt heute weg. In der Regel kennen die Schüler niemanden mehr aus dieser Generation. Ich habe das Gefühl, sie fragen dadurch unbefangener. Für die Erinnerungsarbeit bedeutet das, dass man den Schülern andere Brücken zu dem Thema bauen muss. Auch deswegen versuchen wir, einen Zugang über individuelle Lebensgeschichten zu erreichen. Die Schüler sollen dadurch in die Lage versetzt werden, die Perspektive von Zeitzeugen einzunehmen und Empathie zu entwickeln.

Es gibt den Vorwurf, zum Beispiel zum Holocaust-Mahnmal in Berlin, dass diese Art der Erinnerungskultur rückwärtsgewandt sei und man das Geld besser zur Bekämpfung des modernen Antisemitismus ausgeben sollte.

Ich würde das nicht gegeneinander ausspielen. Bei der Arbeit in den Gedenkstätten versucht man ja immer auch die Brücke in die Gegenwart zu schlagen. Dabei wird gerade mit Schülern auch über moderne Formen des Antisemitismus gesprochen. Die Erinnerung an den Holocaust und die Bekämpfung von aktuellem Antisemitismus hängen intensiv miteinander zusammen. Ich glaube ganz sicher nicht, dass die Arbeit gegen den modernen Antisemitismus effektiver werden würde, würde man Gedenkorte weniger finanzieren. Das Gegenteil wäre der Fall.

Sollte der Besuch von Gedenkstätten für Schüler verpflichtend sein?

Ich bin gegen eine solche Pflicht, wie sie etwa auch der Zentralrat der Juden fordert. Denn Zwang erzeugt immer Abwehr. Denken sie an Ihre eigene Schulzeit, an die Zwangs-Lektüre im Deutsch-Unterricht. Selbst wenn ein Buch richtig gut war, hat man es doch nicht ganz so gerne gelesen, weil man es eben musste. Statt über eine Pflicht zu sprechen, möchte ich deswegen lieber über ein Recht zum Besuch von Gedenkstätten sprechen, das jeder Schüler haben soll. Es muss vor allem dafür gesorgt sein, dass in den Lehrplänen von Schülern und Studierenden genügend Freiräume für solche Veranstaltungen vorhanden sind. Außerdem müssen die Fahrten komplett finanziert werden, damit jeder daran teilnehmen kann, der das möchte, auch die Studierenden.

Es gibt auch in Gießen zahlreiche Orte, die an die Verbrechen im Dritten Reich erinnern. Wie wichtig sind die bei der Aufklärungsarbeit?

Sehr wichtig. Wir müssen den Schülern und den Studierenden klarmachen, dass das alles keine Ereignisse sind, die irgendwo stattgefunden haben, sondern dass das alles hier in der Nachbarschaft begonnen hat. Die Schulen, mit denen wir kooperieren, gehen sehr vorbildlich damit um. Die Lehrer beziehen sich im Unterricht immer auch auf lokale Ereignisse. Dafür gibt es in Gießen auch zahlreiche Möglichkeiten und Hinweise, zum Beispiel die Stolpersteine, oder Gedenkplaketten, wie zum Beispiel an der Goethe-Schule, wo die Deportierten zusammengepfercht wurden. Die Schüler müssen wissen, dass solche Spuren da sind und dass sie sie noch immer finden können.

Quelle: Gießener Allgemeine

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare