Thomas Reis im Mathematikum.
+
Thomas Reis im Mathematikum.

Kabarettist Thomas Reis regt sich im Mathematikum auf

Das halsbrecherische Tempo, mit dem Kabarettist Thomas Reis auf Einladung des Vereins KulTour2000 seine Verbal-attacken auf das Publikum im Mathematikum niedergehen ließ, forderte höchste Aufmerksamkeit.

»Tor! Toor! Tooor! Angela ist Weltmeister!« Thomas Reis hat sich in Rage geredet. Hineingesteigert in eine Fußballreportage über das »politische Spitzenspiel der erstbesten Bündnisliga«, ein dreckiges Scharmützel auf dem Rasen, besetzt mit dem gesamten Politpersonal. Vielleicht antizipiert er bereits die kommende Fußball-WM, aber der Kölner ist in erster Linie Kabarettist. Und so sind Gregor Gysi im körperbetonten Osterhasenkostüm und Claudia Roth im froschfarbenen Tutu noch die eher harmlosen Imaginationsangebote, bevor Reis die Kanzlerin das entscheidende Tor – nach dem Schlusspfiff – schießen lässt, denn: »Angela tritt, aber niemals zurück.«

Ja, Thomas Reis ist erregt. Vielleicht, weil Fußball eine der letzten Männerdomänen in einer zunehmend weiblicher werdenden Welt darstellt, in der seit Ursula von der Leyen selbst der Krieg keine Männersache mehr sei. Doch Gründe, sich zu erregen, findet er viele. Daher rührt der Titel seines aktuellen Kabarettprogramms: »und Sie erregt mich doch!« Wobei mit »Sie« nicht ausschließlich »die Merkel« gemeint ist.

Über zwei Stunden lang trug Reis am Mittwochabend im Mathematikum aus seinem persönlichen »Erregungsalmanach« vor und fand darin reichlich Zündstoff: Den Irrsinn der Finanzwelt, die EU als »ökonomische Schicksalsgemeinschaft«, den amazon-Skandal (»Wir haben wieder Lager in Deutschland!«) oder den NSU, der im Direktvergleich mit der »guten alten RAF« den Kürzeren ziehen musste.

Dabei präsentierte sich Reis als Virtuose des intelligenten Sprachspiels, niveauvoll, in Teilen bitterböse und stets unterhaltsam. So auch, wenn er in andere Rollen schlüpfte, darunter Marcel Reich-Ranicki oder Gott persönlich, um als Sigmund Freud die Ursache aller menschlichen Probleme festzuhalten: »Sex ist, was die Welt im Innersten zusammenhält.« Von dort war der Sprung zum ewigen Feld der Geschlechtsunterschiede nicht weit (»Das Wort Blödmann ist eine Tautologie«), während Reis die Evolution mit einem trockenen »Das Gehirn ist das Auslaufmodell unter den Speichermedien« quittierte.

Das halsbrecherische Tempo, mit dem er seine Verbalattacken auf das Publikum niedergehen ließ, forderte hohe Aufmerksamkeit. Blieb einem das Lachen ob eines grenzwertigen Kalauers zu lange im Halse stecken, war Reis schon drei Pointen weiter. Tatsächlich: Nicht jede Zote war jedermanns Geschmack. Alles andere wäre auch verdächtig gewesen. Reis, der sein Publikum als »Elite der Gesellschaft« begrüßt hatte und sich über die »intime Atmosphäre« im Mathematikum freute, hätte den Seitenhieb auf Mario Barth (»ein Stadion wäre mir lieber gewesen«) gar nicht nachschieben müssen, um auf das Qualitätsgefälle hinzuweisen – das unzweifelhaft zu seinen Gunsten entschieden würde. Julian Wessel

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare