Jörg Maurer liest bei Thalia aus "Oberwasser"

Abgründig-humorvoll, musikalisch-kabarettistisch und richtig schaurig-schön war’s: Der oberbayrische Krimiautor und Musikkabarettist Jörg Maurer las vor gut 200 Menschen in der Buchhandlung Thalia aus seinem vierten Alpenkrimi "Oberwasser".

Wer die drei Vorgänger "Föhnlage", "Hochsaison" und "Niedertracht" gelesen hat, begegnet in "Oberwasser" bekannten Protagonisten wie dem Ermittlerteam um Kommissar Hubertus Jennerwein und allen Liebhabern der Maurerschen Bajuwarenkrimipossen. Zur Freude sei vorweg gesagt: Das mafiöse Bestatterehepaar Ursel und Ignaz Grasegger ist wieder da. Eigentlich habe er die beiden ja im ersten Band sterben lassen wollen, erzählt der Autor, doch sie seien ihm einfach "sympathisch worn" und so ließ er sie entwischen und nun wieder auftauchen.

Maurer, der 2005 den Kabarettpreis der Stadt München, 2005 und 2006 den Agatha-Christie-Krimi-Preis sowie 2012 den Ernst-Hoferichter-Preis und de Publikumskrimipreis "Mimi" erhielt, malt in seiner Lesung literarisch und musikalisch ein pralles Alpenmilieu, geprägt von "Föhn und drohender Nähe zu Österreich", bevölkert von Menschen, die Sartre, Hegel und Kant lesen und für die Touristen "den Deppen spielen".

Mehr als nur Untermalung, sondern vergnügliche und bereichernde Illustration seines Krimis sind die musikalischen Kabaretteinlagen am Keyboard und lustigen kleinen Blasinstrumenten, in denen er quer durch die Musikgeschichte Richard Strauß, Bob Dylan, Blues, Gospel, Operette, Reggae und Krimi-Filmmusik hemmungslos adaptiert und mischt, Andre Heller oder Hans Moser gekonnt imitiert, Lieder singt wie den "Oberwasserblues" oder das Wildschützlied, dem "point faible" von Kommissar Jennerwein, und eine "Mords-Athmosphäre" im wörtlichen Sinn schafft. Und er malt mit Worten schaurig-schöne Bilder von Landschaften in fahlem Licht, assoziiert Wolken mit Schmalzbrot und überzieht selbst Requisiten mit augenzwinkernder Schauerpatina, wenn er von "Totentanz der Pleuelstangen", "Fahrzeugleichen" oder dem "Nussholzgemetzel" eines Schachspiels schreibt.

Den "Oberwasser"-Plot deutet er aus verständlichen Gründen in der Lesung nur an: Jennerwein und sein Team haben das Verschwinden eines BKA-Ermittlers aufzuklären – aber bitte in "verdeckter Ermittlung". Zur Verschleierung wird kurzerhand ein "Fake-Verbrechen" gesponnen, eine Wildererstory, die in dem oberbayerischen Kurort einen Hype auslöst: In der Zeitung bleiben die Todesanzeigen aus, weil keiner mehr sterben will, bevor er weiß, wie es mit dem Wilddieb ausgeht und die Geschichte inspiriert Friseur "Hairbert" zu Jäger- und Wildererfrisuren. Mit offensichtlicher Freude gezeichnet sind Milieu und Figuren, es tauchen Personen auf, die Namen tragen wie der "Mühlrieder Rudi" und die "Holzmaier Veronika", die bei ihrem – weil "jeweils verheiratet" heimlichen – Rendezvous zu ungewollten Zeugen werden.

Wohlig badet Maurer in Genreklischees aus seinen englischsprachigen Krimiautoren-Vorbildern und persifliert bewährte literarische und filmische Kunstgriffe zur Spannungserzeugung wie die berühmten drei Pünktchen ("doch es sollte keine Zeugenaussagen geben... ") oder ein "Tschechows Pistole" genannter, bedeutungsvoller Fokus auf ein Requist, in Maurers Fall ein Golfschläger.

Dem Publikum der Lesung gewährt Maurer biographische Einblicke, mit denen er sich selbst auf die Schippe nimmt: Einer seiner Großväter habe das "händische Wildern" erfunden, indem er Vierzehnender mit bloßen Händen erwürgte, er selbst schreibe ausschließlich im Herbst, weil der morbide Gedanken fördert, und liebe das Scheinwerferlicht – auch wenn es ihm als Geisterfahrer auf der Autobahn entgegenleuchtet. Statt einer – bei einer Lesung nicht üblichen – Zugabe legte Maurer noch eine überaus vergnügliche Dialektepisode drauf über den Mailverkehr zwischen Jennerwein und einem Mitarbeiter der fränkischen Versorgungsabteilung, Jennerweins Leberkäs-Semmel betreffend.

Um nicht allzu viel zu verraten bremst Maurer seine Kostproben aus "Oberwasser" geschickt ab – möglicherweise wenige Sekunden vor dem Mord? Ist Konrad Fingers Wildwasserexperiment tragischerweise sein letztes? Man weiß es nicht. Und das war offenbar gut so, wie die Menschenschlange am Verkaufsstand und vor dem signierenden Krimiautor zeigte. gbp

Quelle: Gießener Allgemeine

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