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»Jedes Stück ist einzigartig«

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Von: Sophie Röder

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In ihrer Freizeit verbringt Ann-Christin Veeger viel Zeit auf ihrem Dachboden und drechselt. © Sophie Mahr

Ihre Kreativität hat die Lehramtsstudentin Ann-Christin Veeger bereits in ihrer Kindheit ausgelebt. Seit rund zwei Jahren hat sie ein neues Hobby: Sie drechselt Schmuck und Alltagsgegenstände in ihrer eigenen Werkstatt - auf dem Dachboden.

An den Wänden hängen Aquarellbilder. Auf dem Küchentisch stehen Pfeffermühle und Salzstreuer. Alles selbst gemacht von Ann-Christin Veeger. Die 24-Jährige studiert Kunst und Englisch auf Lehramt. Nebenbei verkauft sie seit Anfang des Jahres ihre eigenen Kunstwerke - auch bekannt als Lieblingsstücke.

Der Ansporn dazu kam durch eine Freundin: »Ich habe ihr einen Tropfen geschenkt, aus Holz gedrechselt. Es sollte ein Schlüsselanhänger werden, doch sie wollte lieber eine Kette«, sagt Veeger. Auf die Kette sei die Freundin oft angesprochen worden. Daher habe sie der Gießenerin geraten, ihre Stücke zu verkaufen. »Ich wollte schon früher Selbstgemachtes verkaufen, aber nur Bilder fand ich zu wenig. Nachdem meine Freundin mir das gesagt hatte, habe ich einfach losgelegt.«

Kreativ sei sie schon immer. »Mit dem Malen habe ich wie jedes kleine Kind angefangen.« Heute malt Veeger am liebsten mit Aquarellfarben. »Ich finde Aquarell cool, da kann man so schön Verläufe hineinbringen.« Die meisten Produkte, die sie auf ihrer eigenen Internetseite verkauft, sind gedrechselte Stücke.

Dieses Hobby hat die 24-Jährige während des Studiums durch einen gemeinsamen Wochenend-Drechselkurs mit ihrer Mutter für sich entdeckt. »Der Kurs hat mir viel Spaß gemacht. Aber um Drechseln wirklich zu lernen, muss man es regelmäßig machen.« Da solche Kurse teuer seien, sie aber mehr drechseln wollte, hat sich Veeger eine gebrauchte Drechselbank gekauft. Diese steht auf dem Dachboden der Studentin - ihrer Werkstatt.

Das Malen und Drechseln ist für sie ein guter Ausgleich neben der Arbeit vor dem Laptop. Gerade in Corona-Zeiten sei das Drechseln eine willkommene Abwechslung gewesen. »Das war etwas, was man gut machen konnte, dafür braucht man keine sozialen Kontakte.«

Abwechslungsreich sind auch die Stücke, die Veeger fertigt: So hat sie neben Schmuckstücken wie Ketten und Ohrringen Nützliches wie Flaschenöffner und -stopfen, Korkenzieher und Brieföffner hergestellt. Für die Weihnachtszeit hat sie kleine Deko-Weihnachtsbäume angefertigt. Zukünftig will Veeger Pfeffermühlen und Salzstreuer für den Verkauf herstellen, wie sie es bei dem Drechselkurs lernte. Dafür fehle ihr allerdings ein Forstnerbohrer. Doch dieser hat seinen Preis. »Da ist Malen schon günstiger. Man kauft einfach Farbe und legt los.«

Erschwingliche Preise möchte die Studentin bei ihren Produkten abrufen. »Natürlich brauche ich die Materialkosten zurück. Doch es ist mir wichtig, dass auch Studenten die Lieblingsstücke kaufen können.« Daher hat sie in ihrem Freundes- und Bekanntenkreis herumgefragt, was diejenigen bereit wären, für ein handgemachtes Produkt zu zahlen. Letztlich sei es ein Mittelwert geworden, aus dem, was die Studierenden gesagt hatten und aus dem, was diejenigen zahlen würden, die bereits in Vollzeit arbeiten.

Warum eigentlich Lieblingsstücke? »Weil es alles meine Lieblingsstücke sind. Ich stecke da so viel Arbeit und Herzblut hinein. Und hoffe, dass es auch von jemand anderem ein Lieblingsstück wird«, sagt Veeger. Kurz nach Eröffnung des Onlineshops sei es für die Kunsthandwerkerin komisch gewesen, ihre Sachen an jemanden zu verkaufen, den sie nicht kenne. »Vorher habe ich nur Geschenke für meine Freunde und Verwandten gemacht. Ich freue mich immer, wenn ich sehe, dass sie die Anhänger tragen. Dann denke ich; ›Cool, den habe ich gemacht.‹ Als die ersten positiven Rückmeldungen von Kunden kamen, habe ich mich aber sehr gefreut.«

Holz aus der Region

Inzwischen hat Veeger rund 50 Lieblingsstücke für den Verkauf gedrechselt. »Ich wollte einen kleinen Vorrat, bevor ich die Sachen anbiete.« Zudem nimmt sie Auftragsarbeiten entgegen.

Die Zeit, die sie mit den einzelnen Arbeiten verbringt, ist unterschiedlich. »Für eine Kette brauche ich 30 Minuten, um den Anhänger zu drechseln. Und noch einmal 15 Minuten, um diesen mit dem Band zu verbinden.« Manchmal fertigt sie ein Stück von Anfang bis Ende. Manchmal drechselt sie in der Werkstatt mehrere Stücke, die sie dann in der Küche fertig zusammensetzt. »Es hängt immer davon ab, wie neugierig ich darauf bin, das fertige Stück zu sehen. Jedes Stück ist einzigartig.« Das liege nicht nur an der individuellen Fertigung, sondern auch an den verschiedenen Holzarten. »Sie unterscheiden sich nicht nur an der Sorte. Apfelbaum sieht anders aus als Pflaume, aber auch jedes Stückchen der gleichen Baumart hat eine individuelle Maserung, die sich in den Anhängern wiederfindet.« Die meisten Arbeiten macht Veeger mit Holz aus der Region. »Wenn jemand einen speziellen Wunsch hat, wie zum Beispiel Ebenholz, muss ich dieses bestellen.«

Auch wenn Veeger als Verkäuferin aktiv ist, soll das Drechseln ein Hobby bleiben. »Ich habe keine festen Drechselzeiten. Ich bin in der Werkstatt, wenn mir danach ist. Und je nachdem, wie viel ich für die Uni zu tun habe.« Ein wichtiger Faktor sei auch das Wetter: Auf dem Dachboden sollte es nicht zu heiß und nicht zu kalt sein.« Und wenn sie mal keine Lust aufs Drechseln hat, »kann ich immer noch auf der Couch sitzen und malen«.

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smf_Kette_310522_4c_1 © Sophie Mahr

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