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Frank Schulze am Gründerstammtisch der FDP im "Gianoli".

Vor 15 Jahren vom Osten in den Westen

Frank Schulze (FDP) kam vor 15 Jahren aus Frankfurt/Oder nach Gießen und wurde hier zum Liberalen.

Gießen (mö). Manchmal verstehen ihn seine Parteifreunde einfach nicht. Zum Beispiel, wenn er in der Osthalle beim Basketball sitzt und den Bayern aus München die Daumen drückt. "Das ist das einzige Spiel in der Saison, bei dem ich nicht zu den 46ers halte", sagt Frank Schulze. Egal ob Basketball oder Fußball: Der Vorsitzende der Gießener FDP ist ein glühender Bayern-Fan. Das sind viele in Deutschland, aber wahrscheinlich nicht so viele östlich von Berlin. Denn der 35-Jährige Speditionskaufmann kommt aus Frankfurt/Oder.

Ein "Ossi" an der Spitze eines Stadtverbands der FDP, die es gerade in den östlichen Bundesländern enorm schwer hat. Das macht neugierig. Aber schnell wird klar, dass Frank Schulzes ostdeutsche Biografie mit jedem Jahr weiter schrumpft. Seit 2001 und damit ja schon fast die Hälfte seines Lebens lebt der in Strausberg bei Berlin geborene Kommunalpolitiker in Gießen. Wie viele Zugereiste nennt Schulze seine Wahlheimat an der Lahn eine "Liebe auf den zweiten Blick". "Als ich damals hierherkam, dachte ich: Ist ja fast wie Frankfurt/Oder."

Es war der Beruf, der den Abiturient vor nunmehr 15 Jahren nach Gießen führte. Über einen Kontakt und einen Test bei der Deutschen Angestellten Akademie kam er nach Frankfurt/Main, wo sein jetziger Chef Peter Plank auf den jungen Mann aufmerksam wurde und ihn in seine Gießener Spedition holte. Bei Hellmold & Plank im Europaviertel ist der für die Abfertigung von Sendungen und Fahrern zuständig.

Mitglied in der FDP ist er seit 2006. Damals war er auf einer Parteiveranstaltung und kam mit dem FDP-Promi Wolfgang Gerhardt ins Gespräch. "Das hat mich beeindruckt, dass sich ein bekannter Politiker eine Viertelstunde Zeit nimmt, um mit mir einfach so zu reden", erinnert sich Schulze. "Politisch interessiert war ich schon immer, aber nicht auf eine Partei festgelegt." Kreisvorsitzender Andreas Becker habe ihm dann einen Mitgliedsantrag in die Hand gedrückt. "So war das", sagt Schulze.

Seit Mai 2015 ist er nun sogar Vorsitzender des Gießener FDP-Ortsverbands. Ins Stadtparlament wird er als Nummer sieben auf der Liste wohl nicht einziehen. Für Schulze war das aber klar: "Vorne müssen die bekannten Namen stehen, die Stimmen ziehen." Seine Familie, die teilweise noch in Brandenburg lebt, habe es "spannend" gefunden, dass er bei der FDP gelandet sei. Für ihn ist das irgendwie logisch. "Jeder muss die Freiheit haben, selbst über seinen Lebensweg zu entscheiden", sagt Schulze.

Mit seiner Herkunft aus dem Osten habe dieser Freiheitsdrang aber nichts zu tun. "Ich war neun, als die Mauer gefallen ist. Die DDR habe ich nicht wirklich mitbekommen, und die Kinderkrippe hat mir nicht geschadet." An seinen ersten großen Westmoment kann er sich aber noch gut erinnern. "Das war so ein bunter Kaugummi. So etwas gab es bei uns ja nicht." Seine Familie habe ein eher typisches DDR-Leben geführt. Die Mutter war Erzieherin, der Vater zeitweise FDJ-Sekretär, der Opa Offizier bei der Nationalen Volksarmee.

Frank Schulze ist ein ruhiger Vertreter und hält diese Ruhe auch in der Politik für nachhaltiger. "Wenn Politik marktschreierisch wird, hören die Leute nicht mehr zu", ist seine Erfahrung. Klare Antworten, Lösungen aufzeigen und eingebunden werden, das wollen die Bürger, ist der FDP-Chef überzeugt. Am Stadtparlament, dessen Sitzungen er häufig verfolgt, stört ihn eine gewisse Ineffizienz und Rituale wie das "bewusste Falschverstehen" sowie persönliche Anwürfe.

Frank Schulze, der an Gießen die Dynamik und das vielfältige Kulturangebot schätzt, wünscht seiner FDP am 6. März natürlich viele Prozente und Sitze, aber er hat auch noch ein anderes Ziel in diesem Jahr: Den Fünf-Kilometer-Stadtlauf beim Stadtfest im August will er in einer halben Stunde bewältigen. Dann wird auch seine Mutter wieder zu Besuch kommen – und für ein Wochenende Teil der Gießener FDP-Familie sein.

Neun aus 336
336 Kandidaten bewerben sich am 6. März um die 59 Sitze im Stadtparlament. Die Gießener Allgemeine Zeitung porträtiert bis zum Wahltag von jeder der neun Listen eine/n Bewerber/in, aber nicht die im Rampenlicht stehenden Spitzenkandidaten. Heute ist Frank Schulze von der FDP an der Reihe. Er steht auf Platz 7 der 34 Namen umfassenden FDP-Liste. Gegenwärtig haben die Liberalen zwei Sitze, sie kamen bei der Wahl vor fünf Jahren auf 3,6 Prozent. (mö)

Quelle: Gießener Allgemeine

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