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Hier hat alles angefangen: Reinhard Thies in der Margaretenhütte zusammen mit Gemeinwesenarbeiter Dirk Scheele und Mieterrätin Ilona Peter. Foto: Schepp

"Ich habe die Wohnbau sozial ausgerichtet"

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Knapp sieben Jahre lang war Reinhard Thies Chef der Wohnbau, also des größten Vermieters der Stadt. Jetzt geht er in den Ruhestand. Im Interview blickt er zurück.

Nach knapp sieben Jahren endet Ihre Zeit als Wohnbau-Chef. Blicken Sie mit einem lachenden oder weinenden Auge zurück?

Ach, schon mit einem lachenden. Ich bin mit mir und dem, was ich hier hinkriegen konnte, recht zufrieden. Aber natürlich gibt es auch ein weinendes Auge. Es ist ja nicht nur ein beruflicher, sondern auch ein persönlicher Schnitt. Die Frage, wie es privat weitergeht, hat eine große Bedeutung für mich. Ich habe jetzt fast 16 Jahre lang nicht mit meiner Frau zusammengewohnt. Sie arbeitet auf Rügen. Das müssen wir jetzt wieder üben (lacht).

Bei Ihrem Antritt haben Sie ihre Vorgänger gelobt. Wie lautet nun Ihr Fazit?

Alle meine Vorgänger haben sich darum bemüht, die Wohnbau als ein Unternehmen der öffentlichen Daseinsversorgung zu organisieren. Sie ist nie privatisiert worden. Das ist gut so. Andere Dinge, die besonders meinen direkten Vorgänger betreffen, sehe ich hingegen kritisch. Da wurden auch Fehler gemacht.

Zum Beispiel?

Die mit energetischen Sanierungen einhergehenden Mietsteigerungen haben zu sozialen Kollateralschäden geführt. Manche Mieter konnten das nicht stemmen. Deshalb haben wir das Konzept "Soziale Miete" neu diskutiert und einen Konsens gefunden. Nämlich die Deckelung der Mieten für Bestandsmieter und Haushalte mit Wohnberechtigungsschein. Wir haben somit für eine Mietpreisbremse auf dem Gießener Wohnungsmarkt gesorgt. Meine Vorgänger hatten zudem den Neubau außer Acht gelassen. Außerdem bestanden Unklarheiten mit der Wohnbau-Genossenschaft. Inzwischen haben wir eine Entflechtungsvereinbarung. Die 6,5 Millionen Euro, die wir als Anteile beigesteuert haben, werden zurückfließen.

Die Wohnbau-Tochter Mieterservice GmbH wurde ebenfalls von Ihrem Vorgänger gegründet. Der jüngste Geschäftsbericht weist ein erhebliches Minus auf.

Deswegen haben wir einen Konsolidierungsprozess eingeleitet. Die Mieterservice GmbH war vor meiner Zeit auf 150 Mitarbeitern angewachsen. Das war viel zu ambitioniert. Derzeit stehen wir bei 100 Mitarbeitern. Wir müssen aber noch weiter daran arbeiten. Natürlich unter sozialverträglichen Bedingungen.

Vor dem Ende Ihrer Amtszeit gab es negative Schlagzeilen. Sie trafen sich mit Mitarbeitern vor Gericht. Hätten Sie sich ein versöhnlicheres Ende gewünscht?

Es ging um die Fragestellung, wie die Wohnbau künftig geleitet wird. Wir haben uns sehr schwergetan, dieses gemeinsame Führungskonzept - ein Geschäftsführer, drei Prokuristen - hinzukriegen. Durch den gerichtlichen Weg ist es in die Schlagzeilen geraten. Der Prozess hat aber auch einiges geklärt, für meine Nachfolgerin wurde ein guter Weg bereitet.

Würden Sie im Nachhinein trotzdem etwas anders machen? Es gab auch Kritik an ihrem Führungsstil.

Das war eine Wechselwirkung. Der Betriebsrat hat sehr scharf auf meine Klärungsversuche reagiert. Ich stehe dazu, dass die Dinge, die ich eingeleitet habe, richtig waren. Ob der Stil von allen Seiten immer der richtige war? Da kann man ein Fragezeichen setzen.

Was sind Ihre größten Erfolge als Wohnbau-Chef?

Ich bin der einzige, der altersbedingt nur eine Amtszeit tätig war. Aber in dieser Übergangszeit habe ich das Unternehmen sozial ausgerichtet. Wir haben das Leitbild "Soziales Wohnen" entwickelt und die Mietermitbestimmung gestärkt. Auch das Wohnraumversorgungskonzept sehe ich als Erfolg an, auch wenn es von der Politik auf den Weg gebracht wurde. Ich sage aber auch ganz selbstbewusst: Wenn ich dieses Thema und die Notwendigkeit, neue Sozialwohnungen zu bauen, nicht immer wieder ins Rathaus getragen hätte, gäbe es dieses Konzept in dieser Form nicht.

Und auf welche baulichen Maßnahmen sind Sie stolz?

Insbesondere das Flussstraßenviertel war eine Herausforderung. Uns ist es gelungen, in der Fuldastraße 6 und 8 die ersten Neubauten fertigzustellen. Natürlich auch die Gummiinsel, wo durch die Sanierung wieder menschenwürdiges Wohnen möglich ist. Und dann wäre da noch die alte Pumpstation in der Margaretenhütte. Heute stehen dort Sozialwohnungen, die als zukunftsweisend für ganz Gießen gelten können.

Was sind die größten Niederlagen?

Von Niederlagen würde ich nicht sprechen. Aber es gibt Dinge, bei denen ich gerne schon weitergekommen wäre. Zum Beispiel bei der Anzahl der fertiggestellten Neubauten. Auch bei der Sanierung der Gummiinsel. Durch viele Formalismen war der Prozess sehr stockend. Aber wie gesagt, ich sehe das nicht als Niederlagen an. Das ist eher meiner Ungeduld geschuldet.

Gibt es ein Vorhaben, das Sie noch gerne umgesetzt hätten?

Ich hätte gerne das Projekt, das gerade in der Weserstraße entsteht, noch weiter begleitet. Ein Mehrgenerationenhaus, in dem ältere Menschen im Quartier verbleiben können und eine Unterstützung erhalten - einen Treffpunkt für Alt und Jung sowie eine Praxis für Physiotherapie. Gleichzeitig entsteht eine U3-Kita. Hier entwickelt sich gerade etwas, das ich für absolut zukunftsweisend erachte.

Die einstigen sozialen Brennpunkte sind Ihnen wichtig. Das liegt auch an Ihrer eigenen Geschichte.

Ja. Ich war angehender Lehrer und wollte wissen, wo die Kids herkommen, die ich später in der Schule unterrichte. Also habe ich Mitte der 70er Jahre als Gemeinwesenarbeiter in der Margaretenhütte angefangen. Mit der Zeit habe ich aber gemerkt, dass man mit Pädagogik alleine die Probleme nicht lösen kann. Man muss an die "Hardware". Also bin ich in den Bereich Stadtentwicklung gegangen.

Wie würde der junge Thies über den Wohnbau-Chef Thies urteilen?

Ich weiß nicht, ob ich mir damals hätte vorstellen können, dass es mal eine Wohnbau geben würde, die so intensiv mit Gemeinwesenarbeit zusammenarbeitet. Damals hatte man Behausungen am Rande der Stadt und musste für gute Wohnverhältnisse kämpfen. Heute ist die Wohnbau ein Akteur, der den Menschen Gehör gibt. Aus Gegnerschaft ist Partnerschaft geworden. Trotzdem hätte der junge Thies wohl gesagt, der Wohnbau-Chef müsste viel mehr tun, um seinen sozialen Ansprüchen gerecht zu werden.

Welche Bedeutung haben solche Gebiete für die Stadtgesellschaft?

Räumliche und soziale Randlagen gibt es überall. Dabei ist es wichtig, dass eine Stadt in sich stabil bleibt und die Gesellschaft nicht auseinanderdriftet. Deswegen ist es problematisch, wenn hunderte Sozialwohnungen auf der grünen Wiese gebaut werden. Ich begrüße daher, dass die Stadt in großen Baugebieten wie Rinn’sche Grube oder Alter Flughafen Quoten für Sozialwohnungen vorsieht. So gelingt eine soziale Eingliederung. Die Wohnbau trägt dazu einen nicht unwesentlichen Teil bei. Zum Beispiel durch die Ombudsleute und die Gemeinwesenarbeiter. Die Wohnbau-Mitarbeiter machen das ebenfalls hervorragend. Sonst hätte die Stadt deutlich mehr Probleme.

Ihre Nachfolgerin steht schon in den Startlöchern. Was erwartet sie?

Sie wird sich sicherlich fragen, ob sich die Wohnbau mit der Kappung der Miete wirtschaftlich überfordert. Wir haben den Mietpreis trotz energetischer Sanierungen auf einem niedrigen, sozialverträglichen Niveau festgeschrieben, damit er für die Bewohner bezahlbar bleibt. Es wird eine Herausforderung, das beizubehalten. Meine Nachfolgerin muss mit der Politik reden und darum kämpfen, eine wirtschaftlich angemessene Ausstattung zu erhalten. Dieser Diskurs muss gelingen.

Muss sich die Wohnbau mehr für die Mittelschicht öffnen?

Wir haben aus dem unteren Einkommensniveau eine ganz große Nachfrage. Gleichzeitig hat es aber auch die untere Mittelschicht immer schwerer, bezahlbaren Wohnraum zu finden. Wir haben uns daher beim Ministerium bemüht, den Wohnberechtigungsschein II nach Gießen zu holen. Dadurch sollen Menschen profitieren, die knapp oberhalb der Einkommensgrenze liegen. Das geht aber auch nur durch den Bau neuer Wohnungen. Sonst würde man die unteren Einkommensgruppen zu sehr einschränken.

Nun heißt es Ruhestand. Werden Sie auf Rügen die Füße hochlegen?

Nein. Ich werde auch weiterhin arbeiten, als selbstständiger Berater. Aber zu meinen persönlichen Bedingungen. Für Projekte, die mir Freude bereiten. Und dort, wo ich gebraucht werde. Das kann überall in Deutschland sein. Ich gehe dorthin, wo ich Entwicklungen unterstützen und Impulse geben kann.

Sie haben anfangs erzählt, dass Ihre Frau auf Rügen lebt. Werden Sie dort hinziehen? Oder wird Gießen Ihr Lebensmittelpunkt?

2020 wird mein Sortierungsjahr. Ein Jahr später geht dann meine Frau in Ruhestand. Dann werden wir sehen. Unser gemeinsames Haus auf Rügen steht neben einer 750 Jahre alten Kirche, die nicht nur als Gotteshaus, sondern auch als Kulturzentrum genutzt wird. Ich bin im Vorstand des Freundeskreises, der den "Landower Musiksommer" organisiert. Ich mache auch noch selber Musik. Eigentlich stand fest, dass dort unser Lebensmittelpunkt sein wird.

Aber?

Die sechs Jahre haben mich nach Gießen zurückgeholt. Hier hat alles angefangen, in der Margaretenhütte. Mich verbindet sehr viel mit der Stadt. Auch privat: Hier habe ich einen großen Freundeskreis, hier wohnt die Familie meines Sohnes mit zwei meiner Enkelkinder. Keine leichte Entscheidung also. Mal sehen, was die Zukunft bringt.

Zur Person

Reinhard Thies ist in Nordrhein-Westfalen aufgewachsen. 1974 ging er zum Studieren nach Gießen. Die Margaretenhütte interessierte ihn mehr als Mathe und Musik, trotzdem legte er das erste Staatsexamen ab und setzte ein Pädagogikstudium obendrauf. In Wettenberg engagierte er sich zudem bei den Grünen. Später arbeitete Thies zunächst als Mitarbeiter und später als Geschäftsführer für die Landesarbeitsgemeinschaft "Soziale Brennpunkte Hessen". 2005 wechselte er zur Diakonie in Berlin, wo er Bundesreferent für soziale Stadtentwicklung und Gemeinwesenarbeit wurde. Zudem übernahm er den Vorsitz der Bundesarbeitsgemeinschaft "Soziale Stadtentwicklung". 2013 wurde er Chef der Gießener Wohnbau. Thies und seine Ehefrau Monika haben zwei Kinder und fünf Enkelkinder.

Quelle: Gießener Allgemeine

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