Preisträger Prof. Sascha Feuchert mit Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz (r.) und Laudatorin Dr. Regula Venske, Präsidentin des PEN-Zentrums Deutschland. FOTO: MÖ
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Preisträger Prof. Sascha Feuchert mit Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz (r.) und Laudatorin Dr. Regula Venske, Präsidentin des PEN-Zentrums Deutschland. FOTO: MÖ

Hedwig-Burgheim-Medaille

Höchste Gießener Auszeichnung verliehen

  • Burkhard Möller
    vonBurkhard Möller
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Mit Prof.Sascha Feuchert ist am Freitagabend ein zwingend logischer Preisträger mit der Hedwig-Burgheim-Medaille der Stadt Gießen geehrt worden. Als langjähriger Leiter der Arbeitsstelle Holocaustliteratur der JLU bewahrt er beweiskräftig das Andenken an die sechs Millionen toten Juden - und damit auch an Hedwig Burgheim.

Literatur hat mit Vorstellungskraft zu tun, die manchmal an die Schmerzgrenze gehen muss. So wie am Freitagabend im Atrium des Gießener Rathauses, als Prof. Sascha Feuchert seine Dankesrede für die Verleihung der höchsten Auszeichnung der Stadt Gießen mit den Worten beginnt: "Sie hatte keine Chance". Gemeint ist Hedwig Burgheim, die am 27. Februar 1943 in einem Transport mit 1200 jüdischen Menschen an der Selektions-Rampe des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz ankommt. 651 Menschen aus dem Transport, darunter die 55-jährige Pädagogin Burgheim, schickt die SS ins Gas. In einer Minute rekonstruiert Sascha Feuchert vor den coronabedingt nur gut 100 Gästen die letzten vier Stunden im Leben von Hedwig Burgheim. Sie und die anderen 650 Menschen aus dem Transport müssen sterben, "weil sie Juden waren".

Dass es den Nazis nicht gelungen ist, "mit den Menschen auch die Erinnerung an sie auszulöschen", wie Feuchert sagt, dazu trägt der Preisträger seit vielen Jahren mit seiner wissenschaftlichen Arbeit und seinem gesellschaftlichen Engagement bei. Unter anderem als Mitherausgeber der Chroniken des Ghettos Lodz/Litzmannstadt hat der 49-jährige Gießener alten und neuen Nazis einen Strich durch die Rechnung gemacht.

"Wer zeugt für die Zeugen?", hatte zuvor Dr. Regula Venske, Präsidentin des PEN-Zentrums Deutschland, bei ihrer Laudatio für ihren Vorstandskollegen in Anspielung auf Paul Celan ("Niemand zeugt für den Zeugen") rhetorisch gefragt. Sascha Feuchert sei durch seine beharrliche Arbeit zum Zeugen für die Zeugen geworden, lautet Venskes Antwort. Mit der "tapferen Frau", nach der die Medaille benannt ist, verbinde den Preisträger einiges, sagt Venske: "Das Pädagogische, das Kümmern, die Leidenschaft für Wahrheit und Gerechtigkeit, die klare Haltung und eine gewisse Kompromisslosigkeit." Die Laudatorin verliest auch einige Grußbotschaften aus der Schriftstellervereinigung PEN, bekannte Namen wie der des in der Türkei einst inhaftierten Journalisten Can Dündar oder der Schriftstellerin Tanja Kinkel, sind darunter.

Ein weiteres Grußwort, verlesen von Dr. Dow Aviv, dem Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde, kommt aus Gießens Partnerstadt Netanya. Tommy Breuer, Preisträger 2018 und Holocaust-Überlebender, bedankt sich für die "großartige Arbeit", die unter Leitung von Sascha Feuchert in Gießen an der Universität geleistet werde.

Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz, wie stets bei der Verleihung der Hedwig-Burgheim-Medaille mit Amtskette, erinnert zunächst an das Wirken der Pädagogin, die in Gießen im Fröbel-Seminar rund 800 Erzieherinnen ausbildete. Burgheim sei ein "doppeltes Opfer" der Nationalsozialisten geworden, als "moderne, unabhängige Frau und als Jüdin". Leider sei 75 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz der "alte Hass wieder salonfähig", zitiert Grabe-Bolz Verfassungsschutzpräsident Haldenwang und sieht ein Vordringen des Antisemitismus "bis in bürgerliche Kreise".

Botschaft an die Landesregierung

Auch vor diesem Hintergrund sendet der Preisträger zum Ende seiner Dankesrede einen deutlichen Appell nach Wiesbaden, denn mit dem Ende des kommenden Wintersemesters läuft die hauptsächliche Finanzierung der Arbeitsstelle Holocaustliteratur durch das Wissenschaftsministerium aus. "Erinnerungsarbeit erfordert Geld und professionelles Personal", sagt Feuchert unter Beifall.

Die Veranstaltung endet, wie sie begonnen hat: mit Sopranistin Sybille Plocher und Pianistin Tatjana Dravenau.

Quelle: Gießener Allgemeine

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