Hermann Beil liest Thomas Bernhard

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Gießen (dkl). Die alte Aula der Universität ist kein anheimelnder Ort. Eine breite Bühne mit weißer Rückwand in der Mitte, eine immens hohe Decke. Davor einsam und allein ein Duo aus Mikrofon- und Notenständer. Auf Letzteren legt ein weißhaariger Mann im hochgeschlossenen, schwarzen Anzug einen Stapel Papiere. Aufrecht steht er dort und liest nun 90 Minuten lang ohne Unterbrechungen. Äußerst sparsam sind die Bewegungen seiner herabhängenden Arme und in seinem Gesicht. Das Auge hat kaum Abwechslung, übt sich im Nuancensehen. Im Zentrum steht das gesprochene Wort. Beeindruckend in seiner Absolutheit. Beim Publikum konzentrierte Stille.

Gießen (dkl). Die alte Aula der Universität ist kein anheimelnder Ort. Eine breite Bühne mit weißer Rückwand in der Mitte, eine immens hohe Decke. Davor einsam und allein ein Duo aus Mikrofon- und Notenständer. Auf Letzteren legt ein weißhaariger Mann im hochgeschlossenen, schwarzen Anzug einen Stapel Papiere. Aufrecht steht er dort und liest nun 90 Minuten lang ohne Unterbrechungen. Äußerst sparsam sind die Bewegungen seiner herabhängenden Arme und in seinem Gesicht. Das Auge hat kaum Abwechslung, übt sich im Nuancensehen. Im Zentrum steht das gesprochene Wort. Beeindruckend in seiner Absolutheit. Beim Publikum konzentrierte Stille.

Derjenige, der das schafft, heißt Hermann Beil. Der 76-Jährige war Dramaturg und Regisseur, gilt als einer der renommiertesten Theatermenschen im deutschen Sprachraum. Er las den Text "Wittgensteins Neffe" (1982) des österreichischen Schriftstellers Thomas Bernhard (†). Hermann Beil ist gebürtiger Wiener, verbrachte seine Jugend in Hessen: Gymnasium in Dillenburg, sah im Stadttheater Gießen Opern-, Schauspiel- und Operettenaufführungen, Studium in Mainz, erstes Engagement an den Frankfurter Bühnen, wo er Hein Heckroth kennen- und schätzen lernte. Daher auch Beils Verbundenheit zur Gießener Heckroth-Gesellschaft, deren Ehrenmitglied er ist. Die Lesung war eine gemeinsame Veranstaltung mit dem Literarischen Zentrum und der Uni-Bibliothek.

Beil machte Karriere in der deutschsprachigen Theaterlandschaft. In Stuttgart lernte er Claus Peymann kennen, begleitete ihn 1979 ans Schauspielhaus Bochum und 1986 ans Burgtheater Wien, 1999 schließlich ans Berliner Ensemble. Die beiden sorgten dafür, dass die Stücke von Thomas Bernhard auf die Bühne kamen und immer wieder heftige Diskussionen auslösten. Bernhard bedankte sich auf seine Weise und setzte den beiden Theatermännern ein literarisches Denkmal mit dem Dramolett "Claus Peymann und Hermann Beil auf der Sulzwiese", dies erläuterte Bibliotheksdirektor Dr. Peter Reuter in seiner Einführung.

In "Wittgensteins Neffe" geht es um die Erinnerung an einen Freund. Der Ich-Erzähler liegt in der Wiener Lungenklinik, benachbart sein Freund Paul Wittgenstein in der Psychiatrie. Der Erzähler wechselt beständig zwischen Alltagsbeobachtungen in der Klinik, Erinnerungen an das Kennenlernen und gemeinsam Erlebtes, bis zu sprachphilosophischen Reflexionen. Zwar kommt die Komik in den Beschreibungen nicht zu kurz, doch ist der Inhalt letztlich traurig. "Man wartet nur darauf, dass einer stirbt", so ein Besucher.

Entlarvend und berührend

In vielen Wiederholungsschleifen kreist der Autor um die eigene Krankheit und seine Angst vor dem Tod, ebenso um die Erfahrungen des manisch-depressiven Freundes in der Psychiatrie, wo in den 60er Jahren noch Elektroschocks verabreicht wurden. Kein Bernhard-Text ohne Österreich-Beschimpfung, die Schilderung zweier Preisverleihungen sind entlarvend für die bürgerliche Elite.

Das Ende der Geschichte ist berührend intensiv, so mancher im Publikum mag sich ertappt gefühlt haben. Der Freund ist längst "ein Schatten seiner selbst", ist ein Sterbender und niemand will mehr Kontakt mit ihm haben. Auch der Ich-Erzähler nicht. Nicht mal bei der Beerdigung war er und das Grab hat er auch noch nicht besucht. Diese 90-Minuten-Lesung verging schneller als so mancher Sonntagabendkrimi. Begeisterter Applaus für diese beeindruckende Rezitationsleistung. (Foto: dkl)

Quelle: Gießener Allgemeine

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