Der große "Schweiger"

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Gute Traditionen fortsetzen und Neues ermöglichen – das will der neue Vorsitzende des Kunstvereins Gießen. Unter seinem Künstlernamen Melchior B. Tacet ist er in Gießen längst ein "alter Bekannter".

Der Neue Kunstverein (NKV) Gießen hat seit wenigen Wochen einen neuen Vorsitzenden, der zwar schon länger Mitglied ist, aber bislang nicht öffentlich in Erscheinung trat. Melchior Tacet hat in Gießen Angewandte Theaterwissenschaft studiert und ist derzeit künstlerischer Leiter im Theater neben dem Turm (TnT) Marburg. Was plant er für den Kunstverein?

Tacet pendelt beruflich zwischen Organisation, Dramaturgie und eigenem künstlerischen Schaffen. Organisatorisch war er in Gießen aktiv als Koordinator der "TanzArt ostwest 2015". "Das war ein straffes Pensum", erinnert er sich. Er beeindruckte stets mit seinem eleganten Auftreten im Anzug, geschmückt mit einem besonderen Schal.

Er wurde 1984 in West-Berlin geboren, hat als Kind und Jugendlicher dort die Wiedervereinigung erlebt. "Gezeugt wurde ich in der DDR, aber meine Eltern sind dann in den Westen rüber", sagt er mit einem Schmunzeln. Er studierte zunächst in Bayreuth Germanistik und Theaterwissenschaft mit Schwerpunkt Musiktheater. Nach der Zwischenprüfung zog es ihn zu den Angewandten Theaterwissenschaften in Gießen, wo er neu begann und 2013 als einer der letzten den Diplom-Abschluss machte; also vor der Bachelor-/Master-Einführung. Eine Regie-Assistenz an einem etablierten Theater kam danach nicht zustande, er tauchte in die freie Szene ein und ist heute froh darüber. Die beruflichen und persönlichen Freiheiten bedeuten ihm viel.

Seine eigenen künstlerischen Arbeiten bewegen sich zwischen den Genres Mediale Performance, Experimentalfilm und Installationskunst. Er ist Teil des Künstlerkollektivs [GALAKTIKON], das mit dem Medium Film arbeitet und es als raumgreifende Installation inszeniert. Themen sind die Kritik an der Kleinfamilie, Deutschtümelei und Militarismus, auf das Theater bezogen: die Blackbox, also der schwarze Bühnenraum, und tradierte Aufführungspraxen. Alles wird dekonstruiert und neu zusammengesetzt. Ganz im Sinne des postdramatischen Theaters, was bedeutet, eine Erzählung fragmentarisch über mehrere Ebenen darzustellen.

Leitung als Teamleistung

Das Nebeneinander von widersprüchlichen Auffassungen und Lebensweisen, das interessiert ihn, auch in der Literatur des 19. Jahrhunderts. Aktuell erarbeitet die Gruppe ein Stück zur Räterepublik nach Ende des Ersten Weltkriegs. Was wäre heute, wenn diese Idee sich durchgesetzt hätte, ist die Fragestellung. Doch Utopien zu entwickeln, das ist ganz schön schwierig, ist eine erste Erkenntnis dazu.

Tacet arbeitet auch als freischaffender Dramaturg in verschiedenen personellen Konstellationen, in den Bereichen Tanz, Musiktheater, Performance und bildende Kunst. Das brachte ihn zu seinem Job im Leitungstrio des Theaters neben dem Turm (TnT), das auf dem Gelände des ehemaligen Marburger Gaswerks neben dem Café Trauma liegt.

Künstlername: Melchior B. Tacet

Wie kam er zu dem neuen Ehrenamt beim Kunstverein Gießen? Der vorherige Vorsitzende Till Korfhage (Teil des Kollektivs Mobile Albania) hatte ihn schon vor längerer Zeit gefragt. Tacet hatte also Zeit zum Überlegen, es gab Gespräche und eine Vorstellung bei der Mitgliederversammlung. Er wurde als Neuer gewählt, hat aber mit Caroline Streck eine bereits erfahrene zweite Vorsitzende zur Seite. Auch Andreas Walther ist im Beirat geblieben. Denn eines ist klar: "Für Malerei habe ich keine Expertise", da sind die anderen zuständig. Gemeinsam wollen sie weiterhin ein qualitativ gutes Programm liefern, interessante Künstler nach Gießen holen und damit einen wichtigen Kulturbeitrag für die Stadt Gießen leisten. Er möchte die Vernetzung ausbauen und Kooperationen ermöglichen. So wie es Ende August zum zehnjährigen Jubiläum der Kunsthalle geschieht. Auch bewegt ihn die Frage, wie man Studierende für den Kunstverein motivieren kann. Er freut sich auf die Aufgabe, in Gießen ein bisschen mitgestalten zu dürfen, und hat schon einige Gespräche geführt.

Und woher kommt Melchior Hoffmanns Künstlernachname? Für Lateiner ergibt sich schnell die Bedeutung von "tacet" (er schweigt). Seine Ableitung kommt aus der Musik. In Orchesterpartituren steht immer wieder tacet, was bedeutet: Das Instrument schweigt. Er habe im Schulorchester Harfe gespielt und die schweige halt häufiger. Sein anderes Instrument ist das Klavier, erzählt er noch, bei beiden betrachte er sich als Laie. Dennoch hat er kürzlich ein Solostück erarbeitet, bei dem er Klavier spielt und singt. Es handelt von den Stimmen verstorbener Opernsängerinnen. Im November gibt es im TnT eine Wiederaufnahme.

Quelle: Gießener Allgemeine

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