Mensch, Gießen

Der große Schlammbeiser: Axel Pfeffer im Porträt

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Die Gießener werden Schlammbeiser genannt. Aber auch wenn in unserer Stadt über 80 000 Menschen leben, gibt es nur einen, der diese Bezeichnung mit Haut und Haaren ausfüllt: Axel Pfeffer.

Wenn Axel Pfeffer aus dem Fenster schaut, kann er die Veränderungen sehen, die seine Heimatstadt durchlebt hat. Wo sich heute Wohnblöcke aneinanderreihen, breitete sich einst eine große Wiese aus. "Da unten habe ich mit meiner Mutter die Wäsche zum Trocknen ausgelegt", erinnert sich der Gießener. Es war eine Zeit, als man von der Löberstraße noch bis zur Südanlage blicken konnte. Heute ist diese Sicht verbaut. Zumindest fast. Denn über den Dächern blitzt die Spitze der Johanneskirche auf. Und wenn Pfeffer die sieht, wird sein Lächeln noch ein wenig breiter.

Man könnte eine ganze Zeitung füllen über das Leben von Pfeffer. Er ist ein Urgestein der Fassenacht und graue Eminenz des Tennis-Clubs Rot-Weiß. Seit 18 Jahren sitzt der Christdemokrat zudem in der Stadtverordnetenversammlung. Die Fördervereine Landesgartenschau und Johanneskirche sind ihm eine Herzensangelegenheit. Der 74-Jährige ist auch Präsident des Dienstagskranzes sowie ehrenamtlicher Richter am Sozial- und am Arbeitsgericht. Für seinen Einsatz hat er etliche Auszeichnungen erhalten, zum Beispiel den Ehrenbrief des Landes Hessen, die Ehrenplakette der Stadt Gießen sowie die Bundesverdienstmedaille. Kurzum: Es gibt wenige Menschen, die sich derart an der Gestaltung Gießens beteiligt haben.

Axel Pfeffer: In der Löberstraße zu Hause

Pfeffer ist im Sommer 1944 geboren. Jenem Jahr, in dem große Teile der Stadt durch britische Bomber zerstört wurden. "Meine Familie hat im Keller Schutz gesucht. Wir hatten Glück", sagt der Gießener. Seine Nachbarn konnten ebenfalls aufatmen: Während sich andernorts die Trümmer türmten, war die Löberstraße verschont geblieben. Pfeffer erinnert sich noch genau an den Lärm der Sägen, der ihn in den folgenden Jahren beim Aufwachsen begleitete. Oder das Hämmern und Dröhnen aus den anderen Hinterhöfen. "Das war eine Handwerkerstraße. Hier gab es Weißbinder, Maler, Schreiner und Dachdecker." Und natürlich Schlosser.

Das Handwerk hat in der Familie Tradition. Bereits Pfeffers Großvater übte den Beruf aus. "Er war Waagener und hat vor allen Dezimal- und Babywaagen hergestellt. Aber auch Schlosserarbeiten gehörten dazu." Pfeffer selbst legte 1964 die Gesellenprüfung ab. Als er zwei Jahre später im Hinterhof des elterlichen Anwesens seinen Betrieb eröffnete, war er der jüngste selbstständige Schlossermeister Deutschlands. Fortan fertigte er Treppen, Türen und Balkongeländer für seine Mitbürger an. Mit seinen Kunstschmiedearbeiten hat er zudem das Gießener Stadtbild ein kleines bisschen mitgeprägt. 2016, ein halbes Jahrhundert nach der Betriebsgründung, schraubte er das Firmenschild ab. Es war Zeit für die Rente.

Vielen Menschen fällt es schwer, nach einem arbeitsreichen Leben in den Ruhestand zu wechseln. Für Pfeffer gilt das nicht. "Ich vermisse nichts. Ich kann gut Abschied nehmen. Ich bin zufrieden und meistens sogar richtig glücklich." Pfeffer weiß, dass er dieses Glück in erster Linie seiner Familie zu verdanken hat. Vor allem aber seiner Marga.

Ich bin zufrieden und meistens sogar richtig glücklich

Axel Pfeffer

Kennengelernt hat er seine spätere Ehefrau 1965. "Wir waren in einer Clique in der Plockstraße", erinnert sich Pfeffer. "Marga ist dann immer mit ihren Freundinnen zum Steno-Kurs in die Volkshochschule gegangen." Irgendwann konnte er die gebürtige Großen-Lindenerin aber überzeugen, die Zeit lieber mit ihm zu verbringen. Kein leichtes Unterfangen, wie Pfeffer schmunzelnd einräumt. "Sie war anfangs nicht so begeistert von mir." Er wusste aber, wie er ihr Herz erobern konnte. "Ich habe schnell gemerkt, dass der Weg über ihre Mutter führt. Wir haben uns sehr gut verstanden. Irgendwann hat sie dann zu Marga gesagt: Wenn du ihn nicht nimmst, nehme ich ihn." 1966 heirateten die beiden, ein Jahr später kam Sohn Markus auf die Welt. "Die beiden standen mein ganzes Leben hinter mir", betont Pfeffer. Vor allem bei seinen diversen Tätigkeiten im Tennis-Verband. Schon als Jugendlicher habe Markus bei der Organisation von ATP- und Davis-Cup-Turnieren geholfen, sagt der Senior, aber nur dank Marga sei sein vielfältiges Engagement erst möglich gewesen. Pfeffer muss lächeln, wenn er daran denkt, wie er mit seiner Frau auf dem Wohnzimmerboden lag und stundenlang Spielberichtsbögen kontrollierte. "Sie hat mich immer unterstützt."

Heute ist der Wohnzimmerboden jemand anderem vorbehalten. Vor dem Sofa liegt ein Spielteppich, an der Stehlampe baumelt ein Mobile. Vor knapp zwei Jahren ist Pfeffer Großvater geworden, seine Schwiegertochter Geraldine brachte Zwillinge zur Welt. Pfeffer strahlt, wenn er über die Enkel spricht. "Die beiden bereiten mir große Freude. Michel ist der Rocker und Lilli der Feingeist."

Es gibt Menschen, denen muss man jedes Wort aus der Nase ziehen. Und es gibt Menschen wie Pfeffer. Ihm reicht ein Stichwort, um in Erinnerungen zu schwelgen. Er weiß, wie man Geschichten erzählt, mit persönlichen Erfahrungen garniert und einer schmissigen Anekdote Leben einhaucht. Kein Wunder, schließlich hat er genau das jahrelang gemacht. Beim Fasching, bei Stadtführungen oder bei Firmenevents. Mit der Stange in der einen und dem Eimer in der anderen Hand.

Axel Pfeffer: In Prunksitzung als Schlammbeiser

"Ich bin das erste Mal 1988 bei einer Prunksitzung als Schlammbeiser aufgetreten", sagt Pfeffer und fügt an, durch ein uraltes Gedicht auf die Figur der einstigen Kanalarbeiter gestoßen zu sein. Viele Jahre lang streifte er sich die Montur über und erzählte den Gießenern Wissenswertes über ihre Heimatstadt. Als dann die drei Schwätzer aufgestellt wurden, fand Pfeffer, es sei an der Zeit, auch dem Schlammbeiser ein Denkmal zu setzen. Und so warb er für seine Idee, ging Klinkenputzen und sammelte genug Spenden, damit aus seiner Vision Realität werden konnte. Am 18. November 2005 war es soweit. Gemeinsam mit Volker Bouffier enthüllte er die Bronzestatue gegenüber des Kirchenplatzes. Und wer sich die Figur genauer ansieht, der wird eine verblüffende Ähnlichkeit zu Pfeffer feststellen. Der Senior lacht, als er darauf angesprochen wird. Er beteuert aber, dem Bildhauer Hans-Ulrich Erhardt seinerzeit gesagt zu haben, die Figur nicht nach seinem Ebenbild zu fertigen.

Politik, Gesellschaft, Handwerk, Kirche, Sport: Es gibt kaum ein Feld, auf dem Pfeffer keine Spuren hinterlassen hat. Manch einer sagt, mit der Statue am Kirchenplatz hätte er sich selbst ein Denkmal gesetzt. Man kann das so sehen. Es ist aber nicht sein in Bronze gegossenes Konterfei, das ihm ein Platz in den Gießener Geschichtsbüchern sichern wird. Es sind seine Taten.

Am Ende des Gesprächs schaut Pfeffer noch einmal aus dem Fenster. "Mein Sohn reist gerne. Kürzlich war er in den USA, um sich Basketball, Football und Eishockey anzusehen. Oder Bangkok: Er habe einen ganz billigen Flug bekommen, hat er mir gesagt." Der Vater gönnt es seinem Sohn, kein Zweifel. Aber er fühlt anders. Warum in die Ferne schweifen, wenn das Glück so nahe liegt? Pfeffer lächelt noch einmal. Dann sagt er: "Ich muss nicht in den Urlaub fahren. Mir reicht der Blick auf die Johanneskirche."

Quelle: Gießener Allgemeine

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