Wort zum Sonntag

Gott hält sich nicht die Ohren zu

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Manchmal ist es einfach zu laut; oder alle reden durcheinander; oder ich will das, was da gerade gesagt wird, gar nicht hören. Es ist mir zuwider. Wie gern würde ich mir einfach die Ohren zuhalten. Natürlich ist das ebenso keine Lösung, wie das Verschließen der Augen vor Problemen. Aber muss man deshalb alles an sich herankommen lassen?

Unser Gehirn ist ein Meister des Filterns. Nicht jedes akustische Signal, nicht jedes Geräusch dringt tatsächlich in unser Bewusstsein vor. Das kann natürlich problematisch werden, zum Beispiel im Straßenverkehr, wenn Gefahren nicht nur übersehen, sondern auch überhört werden.

Dass unser Gehirn sortiert und vereinfacht, ist aber oft auch sehr hilfreich. So haben wir keine großen Schwierigkeiten, mit einer Brahms-Symphonie, mit einem Oratorium von Bach oder mit einem rasanten Gitarrenlauf bei einem Heavy-Metall-Konzert klarzukommen. Man kann sagen: Wir hören nur das wirklich, was wir hören wollen, worauf wir uns konzentrieren und was zu unseren bisherigen Erfahrungen passt. Das andere wird ausgeblendet. Politisch und gesellschaftlich ist aber genau das mittlerweile zum Problem geworden. Lager stehen sich gegenüber, ohne dass es zu einer Verständigung kommt.

Auf der anderen Seite möchte ich natürlich selbst auch gern gehört werden. Stellen Sie sich vor, Sie sagen etwas und Ihr Gegenüber hält sich die Ohren zu! Es reicht eigentlich schon, wenn er während des Gesprächs mit dem Smartphone spielt.

Reden und Hören sind eine riskante Angelegenheit für alle Beteiligten. Nicht selten kommt es zu Missverständnissen, Enttäuschungen und Verletzungen. Man kann etwas in den falschen Hals kriegen oder mit einem unbedachten Wort alles zunichtemachen. Umso glücklicher, wenn das Reden und Hören gelingt: Wenn ich endlich verstehe, was der andere meint und was ihm wichtig ist. Wenn es mir gelingt, die andere Meinung zu respektieren, auch wenn ich sie nicht teile. Wie wohltuend ist es auch, wenn ich das Gefühl habe, von jemandem verstanden zu werden. Selbstverständlich ist das nicht. Der Sonntag an diesem Wochenende trägt in der christlichen Tradition den Namen "Exaudi". Das bedeutet so viel wie: Höre! Erhöre! Nimm wahr! Man kann sagen: Das ist der Sonntag des Hörens. Seinen Namen hat er von dem biblischen Vers: "Herr, höre meine Stimme, wenn ich rufe; sei mir gnädig und antworte mir! (Psalm 27,7). Die Hoffnung dabei ist, dass Gott sich nicht die Ohren zuhält.

Pfarrer Dr. Gabriel Brand

ev. Andreasgemeinde Gießen

Quelle: Gießener Allgemeine

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