Wo Glas süchtig macht

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Tiffany-Glaskunst verbindet handwerkliche Arbeit und künstlerische Kreativität. Viele Teilnehmerinnen des Kurses an der Volkshochschule Gießen sind schon seit Jahrzehnten dabei. Lehrerin Renate Vogl besuchte einst selbst solch einen VHS-Workshop. Seit mittlerweile 27 Jahren brennt sie für ihre Leidenschaft.

Niemand geht mit leeren Händen. Und auch einen Haufen Scherben soll möglichst keiner nach Hause schleppen. Dass jeder Teilnehmer ihres Tiffany-Kurses an der Volkshochschule am Ende des zweitägigen Workshops ein persönliches Erfolgserlebnis hat, findet Renate Vogl nämlich besonders wichtig. Zwei Gründe sprechen für diese Prämisse. "So kommen beim nächsten Mal alle gerne wieder", nennt die Glaskünstlerin das erste, eher pragmatische Motiv. Und nach einem Wochenende voller Arbeit hat man sein selbst gemachtes Kunstwerk einfach verdient.

Diese Erkenntnis stellt sich schon nach wenigen Minuten mit der Gruppe ein. Vier Frauen und ein Mann sind an diesem Samstag zu Vogls Kurs erschienen. Die Künstlerinnen kennen sich untereinander und dürfen, was Glaskunst betrifft, ruhig als alte Häsinnen gelten. Anders der einzige Herr im Raum: "Eher selten" hätten sie überhaupt einen Mann im Kurs, sagen die Frauen. Ob er den Exotenstatus nun auskosten oder lieber ausblenden soll, hat Micha Pönichen derweil noch nicht entschieden. Der Tiffany-Novize wohnt in Marburg. Dort und in Kassel habe er bereits Goldschmiedekurse besucht, sagt er. Jetzt bastelt er an Gläsern für Teelichter – und zwar mit sichtbarer Begeisterung.

Erfunden hat die Form der Glaskunst, die dem Jugendstil nahesteht, Mitte des 19. Jahrhunderts der US-Amerikaner Louis Comfort Tiffany. Im Grunde handelt es sich um eine spezielle Technik, Glas zu verarbeiten. Dabei fügt man fast beliebig viele Einzelteile mosaikartig zusammen. Jede Komponente wird zunächst auf buntem Glas skizziert, dann ausgeschnitten, geschliffen und verlötet. Mit Kupfermantel und Zinn erwachsen 3-D-Gebilde wie Lampenschirme oder Figuren.

Sie selbst habe vor 27 Jahren ihre Leidenschaft für Tiffany entdeckt, berichtet Vogl. Angefangen habe alles als Schülerin der Volkshochschule – "als meine Tochter gerade geboren war und ich mit dem Handball aufgehört habe". Es folgten weitere Lehrjahre, die Übernahme des Kurses sowie 1997 die erste eigene Ausstellung. "Glas macht süchtig", steht im Flyer für eine solche Schau. Der Satz scheint zum Motto des Kurses geworden zu sein. Im Laufe des Nachmittags fällt er jedenfalls öfter.

Zum Beispiel im Gespräch mit Ingrid Brück. Sie schätzt am Kurs nicht nur das Fachsimpeln unter Gleichgesinnten, sondern ebenso die Chance, "mal acht Stunden ungestört zu arbeiten". In den eigenen vier Wänden war das in 20 Jahren Tiffany offenbar die Ausnahme. Was Brücks Schaffenskraft jedoch keinen Abbruch getan hat: Eine Lampe aus 3500 Teilen und ein Bild mit deren 700 gehörten zu ihren größten vollendeten Projekten, sagt sie. Silvia Sillgut hat anfangs "eine ganz einfache Lampe" gebaut. Ob das 25 Jahre her ist oder 27, weiß sie nicht mehr genau. 50 bis 60 Ideen habe sie inzwischen aber bestimmt verwirklicht.

Wer denkt, Tiffany-Kunst entspringe meist einem dunklen Hobbykeller, den belehrt Annette Jones eines Besseren. Glas mache nicht nur süchtig, "Glas braucht vor allem Licht". Jones ist zum ersten Mal seit zehn Jahren wieder in Vogls Kurs und fühlt sich gleich wie zu Hause: "Es entsteht hier immer eine rege Kommunikation." Wenn nötig, packen die Kolleginnen auch mit an. Gerade bei 3-D-Gebilden habe sie oft "das Gefühl, dass zwei Hände nicht reichen", meint Sylvia Zimmermann.

Nach 90 Minuten endet der Werkstatt-Besuch. Es ist Samstag, 16 Uhr. Zwei Stunden wird die Gruppe noch weiter zeichnen, schneiden, schleifen und löten. Sonntag folgt Tag zwei – wie üblich ab 9.30 Uhr. Und so viel steht fest: Abends um sechs geht niemand mit leeren Händen, schon damit sich für den nächsten Kurs am 25. und 26. Mai möglichst alle wieder anmelden. Neulinge seien genauso willkommen, betont Renate Vogl. Zehn bis zwölf Tiffany-Fans könne sie locker aufnehmen. Anmeldeschluss: 16. Mai.

Quelle: Gießener Allgemeine

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