Gießens älteste Augenarzt-Praxis

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Urkunden oder private Schriftstücke sind nicht vorhanden, aber ein Blick ins städtische Adressbuch-Archiv gibt Auskunft: Gießens heute älteste Augenarztpraxis ist vor 100 Jahren von Dr. Franz Gros gegründet worden, als dieser sich vis-à-vis der Johanneskirche niederließ.

Das Jahr nach dem Ende des Ersten Weltkrieges war bewegend, vor allem politisch und gesellschaftlich, war eine Zeit großer Veränderungen und des (Neu-)Anfangs. Das gilt auch für Gießen und für individuelle Lebensplanungen. Im konkreten Fall für jene des jungen Augenarztes Dr. Franz Gros, der sich in einem Haus an der Kreuzung Goethestraße/Südanlage niederließ. Wie sich die Entwicklung der Praxis darstellte, beschrieben unlängst im Gespräch mit dieser Zeitung Inge Gros, die mit Dr. Günter Gros, einem von zwei Söhnen des Gründers, von 1986 an in zweiter Ehe verheiratet war, und Dr. Anneliese Alex, die die Praxis 1985 übernommen hatte.

Der 1885 geborene Franz Gros stammte aus Darmstadt, war Sohn des dortigen Hofapothekers, von 1903 an Medizinstudent in Gießen und – nach der Approbation 1908 – auch an der (1907 neu eröffneten) Augenklinik tätig. In seiner 1910 veröffentlichten Dissertation erörterte er sein ophthalmologisches Lieblingsthema: "Über die Staroperationen". Während des Studiums hatte Gros die Liebe fürs Leben kennengelernt, Susanne Biermer, eine Akademikertochter. Es folgten Hochzeit, Kriegseinsatz in Frankreich, 1915 die Geburt des ersten Sohnes – und dann die Niederlassung am Anlagenring.

Oft waren die Augenärzte damals mit Verletzungen konfrontiert. Arbeitsschutz in der heutigen Form etwa kannte man nicht. Neben Handel und Universität prägten Handwerk, Industrie und Militär das gerade 34 000 Einwohner zählende Gießen. Da ging es nicht zimperlich zu. Nicht zu vergessen der körperlich fordernde Alltag der Menschen im landwirtschaftlich geprägten Umland. Ansonsten waren vor allem Brillenverordnungen gefragt. Dazu versah Gros Konsiliardienste in Kliniken, hatte Belegbetten im Katholischen Schwesternhaus. Selbstredend widmete er sich, seinem Promotionsthema entsprechend, den Katarakt-Patienten.

1929 erwarben Franz und Susanne Gros das markante Nachbarhaus an der anderen Ecke zur Südanlage hin, richteten im ersten Stock Wohnung und Praxis ein. Als 1944 Bomben über Gießen niedergingen, wurde das Anwesen zerstört. Die Grosens zogen kurzzeitig in der Stadt um. Das Trümmergrundstück verkauften sie, allerdings mit der Vereinbarung, in den avisierten Neubau als Mieter ins erste Obergeschoss ziehen zu können. Also hatte die Familie zeitnah in die gewohnte Umgebung zurückkehren können.

In der Stadt "gut vernetzt"

An dieser Stelle wechselte das Gespräch zum 1920 geborenen Günter Gros, der kriegsbedingt erst 1945 mit dem Medizinstudium begonnen hatte. In Gießen machte er hernach seinen Facharzt in Augenheilkunde. Zum 1. Januar 1956, mit 35 und promoviert, übernahm er die Praxis seines Vaters. Die zählte weiter zu den ersten Adressen, auch weil der Augenarzt Gießener mit Leib und Seele war, einer der sich unter den Leuten aufhielt. Gern auch am Stammtisch, bei seinem "Dienstagskranz", und bei der Vereinigung der "Schlaraffen. Heute würde man sagen: Er war in seiner Heimatstadt "gut vernetzt".

Sprung in die frühen 1980er, als die aus Süddeutschland stammende Anneliese Alex in Gießen bei Prof. Karl-Wilhelm Jacobi und Prof. Herbert Kaufmann ihre Facharzt-Ausbildung absolvierte. Dass die Schwäbin hier schnell heimisch wurde, lag an mehreren Faktoren. "Hier herrscht ein freier Geist!" Nicht zu vergessen daneben, dass sie mit ihrem aus Köln stammenden Mann Jürgen mitten in die Stadt zog, in die Nähe der Universität. Alex, seit 1984 Mutter einer Tochter, klopfte Möglichkeiten einer Praxisübernahme ab und ganz konkret bei Gros an. Mit Erfolg. "Das war optimal. Für mich und für ihn." Denn ihr Vorgänger habe so "noch ein bisschen mitmachen" können, was ihr wiederum das Organisieren der jungen Familie erleichterte.

Umzug ins Nachbarhaus

Zur Praxisübernahme 1985 wurden die Räume im ersten Obergeschoss der Südanlage 11 zusammengelegt, um ausreichend Platz zu haben für augenheilkundliche Arbeit in zeitgemäßem Rahmen und mit Perspektiven für die Praxisstruktur. Dazu zählte unmittelbar eine Sehschule, eine Orthoptik-Abteilung, die seither von Susanne Schmidt geführt wird. 1996 trat Carolina Brudet als Äugenärztin in die Praxis ein, drei Jahre später folgte Dr. Beate Kloos-Drobner. 2009 kam die Kleinlindenerin Dr. Gudrun Koop hinzu, mit der man – in Räumen in der Frankfurter Straße 33 – das Praxisangebot um Operationen (Katarakt u.a.) erweitern konnte. Dr. Alex blieb daneben fach- und standespolitisch tätig, nahm insgesamt 20 Jahre lang Aufgaben einer ehrenamtlichen Sozialrichterin wahr.

2011 waren die ehemaligen Gros-Räume endgültig zu eng: Man zog, wie weiland Dr. Franz Gros, in einen Neubau gleich nebenan, in die Südanlage 10. Seit 2014 ist auch Susanne Scheibel als Augenärztin und Operateurin für die Gemeinschaftspraxis mitverantwortlich. Und vor nun zwei Jahren reduzierte Dr. Anneliese Alex ihre Arbeit auf zwei Tage privatärztliche Tätigkeit pro Woche: Ihren Platz im Quartett der teilhabenden Fachärztinnen übernahm ihre Tochter Dr. Anne Alex. Zusätzlich sind weitere Augenärzte tätig an drei Standorten. Zu denen zählt, neben der Südanlage 10 und dem OP in der Frankfurter Straße 33, die frühere Praxis der Drs. Krannig in der Katharinengasse 19.

Quelle: Gießener Allgemeine

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