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Heimlicher Held

Gießener wird vom Drogen-abhängigen zum Helfer

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Die Volksbank ehrt jedes Jahr "Heimliche Helden". Auch Marc Zahn wurde geehrt. Weil er Süchtigen hilft, clean zu werden. Zahn weiß, wovon er spricht. Er war selbst ein Junkie.

Marc Zahn wirkt seriös. Er trägt Anzughose, Hemd und eine klassische Frisur. Der 44-Jährige hat eine kräftige Statur, vermutlich treibt er Sport. Alles in allem vermittelt Zahn einen gepflegten und gesunden Eindruck. Vor neun Jahren gab er ein anderes Bild ab. Wirrer Blick, kaputte Zähne, Pusteln im Gesicht. Und er wog 25 Kilo weniger. Weil er sich nicht von Lebensmitteln ernährte, sondern von Marihuana, Speed, Ecstasy, Kokain und Crystal Meth. "Ich war ein verwahrloster Junkie", sagt Zahn. Sein Absturz ging so weit, dass er sich das Leben nehmen wollte. Also setze er sich ins Auto und steuerte einen Brückenpfeiler an.

Zahn ist dieser Tage von der Volksbank Mittelhessen zum "Heimlichen Helden" gekürt worden. Die Bank zeichnet damit Ehrenamtliche aus, die sich für andere einsetzen. Zahn wurde diese Ehre zuteil, weil er seine Sucht in etwas Positives umgemünzt hat.

"Ich bin in der ehrenamtlichen Suchthilfe tätig", sagt Zahn. Bei der Gießener Diakonie hat er zum Beispiel die Info- und Motivationsgruppe "Junge Süchtige" gegründet. Einmal in der Woche trifft er sich mit Betroffenen, darunter auch Insassen der Gießener Justizvollzugsanstalt, und unterstützt sie beim Kampf gegen ihre Abhängigkeit. Zudem besucht Zahn als Suchthilfelotse die Entgiftungsstationen von Vitos und Uniklinik und versucht, die Süchtigen trotz ihrer hohen Schamgrenze zur Teilnahme an Selbsthilfegruppen zu bewegen. Damit es gar nicht erst so weit kommt, widmet sich der 44-Jährige auch der Prävention, zum Beispiel bei der Christiane-F.-Foundation. "Wir gehen in Schulen und leisten Aufklärungsarbeit", erklärt Zahn. Der Einsatz gegen Abhängigkeiten ist ihm so wichtig, dass er sich neben seinen ehrenamtlichen Tätigkeiten auch hauptberuflich damit befasst. Als Referent und Trainer konzentriert er sich auf betriebliche Suchtprävention. "Etwa fünf, sechs Prozent der Gesellschaft sind süchtig", sagt Zahn, "das betrifft also auch viele Arbeitsplätze." Bei seinen Besuchen will er die Verantwortlichen sensibilisieren - und zeigen, wie man Mitarbeitern mit roten Augen oder einer "Fahne" am besten helfen kann.

Zahn würde niemals die Wirkung von Therapeuten und Medizinern herunterspielen, im Grunde verdankt er solchen Profis sein Leben. Er sieht sein Angebot daher auch nicht als Alternative, sondern als Zusatz. Denn Zahn kann die Betroffenen auf einer anderen Ebene erreichen. Wegen seiner eigenen Geschichte.

Erst Speed, dann Kokain

Zahns Drogenkarriere begann wie alle anderen. Er war 14 oder 15, als das erste Mal ein Joint herumgereicht wurde. "Ich wollte dazu gehören und den Älteren imponieren. Also griff ich zu." Auf den ersten Zug folgte die erste Line. Erst Speed, dann Kokain. Anfangs am Wochenende, mit der Zeit regelmäßiger. "Ich habe 20 Jahre lang illegale Drogen konsumiert", sagt Zahn. "Die letzten fünf, sechs Jahre war es richtig schlimm."

Mittlerweile zog er schon nach dem Aufstehen seine erste Line, Crystal Meth kam dazu, irgendwann nahm er sich eine zweite Wohnung, um seine Sucht ungestört befriedigen zu können. So gelang es ihm, seinen Drogenkonsum geheim zu halten. Auch vor seiner heutigen Ehefrau. Dann wurde sie schwanger. "Ich hatte immer gedacht, wenn ich mal Vater werde, höre ich auf mit dem Scheiß. Aber ich habe es nicht geschafft. Die Sucht war stärker."

Die Geburt des zweiten Kindes endete fast in einer Katastrophe. Während seine Frau im Geburtshaus mit den Wehen kämpfte, schlich Zahn immer wieder zu seinem Auto, um Drogen durch die Nase zu ziehen. Nach der Entbindung kam es zu Komplikationen, seine Frau musste mit dem Notarztwagen ins Krankenhaus gebracht werden. "Die Hebammen haben gesagt, ich müsste mit dem gerade mal eine Stunde alten Kind hinterherfahren. Also bin ich total zugedröhnt mit meinem Baby auf dem Beifahrersitz über die Autobahn gebrettert." Für den Vater ein Tiefpunkt.

Danach kapselte sich seine Frau immer mehr von ihm ab. Sie wusste zwar nichts genaues, die Folgen der Sucht blieben ihr aber natürlich nicht verborgen. Zahn kümmerte sich nicht um die Kinder und verschwand ganze Tage in seiner geheimen Wohnung. Wenn er zurückkehrte, war er gereizt und aggressiv, weil ihm das Crystal Meth tagelang wachgehalten hatte. "Meine Familie ist daran fast zerbrochen", sagt Zahn. Er wurde depressiv, Suizidgedanken kreisten in seinem Kopf. Also stieg er in den Wagen und wollte sein Leben beenden.

Zahn ist nicht gegen den Brückenpfeiler gerast. Stattdessen fuhr er nach Hamburg zu seinem besten Freund und vertraute sich ihm an. Er fand eine Entgiftungsstelle, machte eine stationäre Therapie und besuchte Selbsthilfegruppen. "Es war eine harte Zeit", sagt Zahn. Aber auch eine erfolgreiche. Heute ist er im neunten Jahr drogenfrei.

Diese Lebensgeschichte erzählt Zahn regelmäßig anderen Süchtigen. "Ich will zeigen, wie zerstörerisch eine Sucht sein kann. Ich will aber auch Beispiel dafür sein, dass ein Leben danach möglich ist." Heute lebt Zahn glücklich mit seiner Frau und den Kindern zusammen. Er hat sich ihr Vertrauen wieder erarbeiten müssen. Es war ein langer Weg dorthin. Doch am wichtigsten war der erste Schritt. FOTO: SCHEPP

Quelle: Gießener Allgemeine

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