+
Jannick Grimm (r.) und Robin Jörg haben in dem kleinen Raum ein Ökosystem geschaffen. 

Existenzgründer

Gießener Start-up setzt auf essbare Keimpflanzen

  • schließen

Die Klimaerwärmung hat Auswirkungen auf die Landwirtschaft. Ackerbau sehen manche als Auslaufmodell; für sie findet die Zukunft in Lagerhallen statt. Zwei junge Gießener haben ein Unternehmen gegründet: Mit Farm Up produzieren sie Mikrogrün.

In dem 15 Quadratmeter großen Hinterzimmer entwickelt sich gerade ein ausgeklügeltes Ökosystem mit Fischen, Muscheln und Garnelen. Bald werden Eintagsfliegen, Spinnen und Marienkäfer hier leben. Ein kleiner Wasserfall rauscht in Kaskaden an der Wand herunter. Morgens geht die per App gesteuerte LED-Sonne auf, und abends unter - begleitet von Musik von Mozart. Hier im Norden Gießens haben zwei Männer eine Farm für Mikrogrün - junge, essbare Keimpflanzen - geschaffen. Sie wollen das Superfood vermarkten - und haben mit den kleinen Pflanzen große Pläne.

Jannick Grimm und Robin Jörg könnten Brüder sein, so ähnlich sehen sie sich. Jörg ist 27 Jahre alt und gelernter Einzelhandelskaufmann; Grimm ist ein Jahr älter und hat eine Ausbildung im Industriebereich gemacht. Sie sind sehr gute Freunde - und enthusiastische und klar strukturierte Junggründer. Ihre Firma Farm Up haben sie 2018 gegründet. Seitdem gehen sie Schritt für Schritt, um eine Marke in der Superfood-Branche zu werden.

Unter Superfood fällt auch das Mikrogrün, das in der Entwicklung zwischen Sprosse und Pflanze liegt. Mikrogrün hat eine höhere Nährstoffdichte, als ausgewachsene Pflanzen. Ein wenig Brokkoli-Mikrogrün habe mehr Nährstoffe als zwei Brokkoliköpfe, sagt Jörg. Zum Einsatz kommt es zum Beispiel in der Gastronomie, um Gerichte nicht nur optisch aufzuwerten. Wer zum Beispiel einige wenige Radieschen-Keimlinge probiert, erlebt ein scharfes, geschmacksintensives Wunder.

Dafür verbringen die beiden Männer in ihrer Stadtfarm am Wißmarer Weg zusammen viel Zeit. Wenn Feierabend ist, sagen sie nicht "Bis morgen", sondern "Bis gleich", weil sie sich digital von Zuhause aus weiter mit ihrem "Baby" befassen. Kennengelernt haben sich Jörg und Grimm über einen Bekannten, erzählen sie bei einem Glas Ingwertee und Loungemusik im Hintergrund. Beide sind Vegetarier und interessieren sich für gesunde Ernährung. So keimte in ihnen der Wunsch, sich in diesem Bereich selbstständig zu machen.

Ein halbes Jahr nach der Firmen-Gründung standen die Pläne: Sie renovierten mit Familie und Freunden ein leerstehenden Geschäft, in dem früher erst Fische, dann Blumen verkauft wurden. Im Dezember 2019 begannen die Planungen für das Ökosystem, in dem das Mikrogrün wachsen soll. Das Zauberwort heißt Aquaponik. Dabei handelt es sich um ein Verfahren, das die Aufzucht von Fischen (Aquakultur) mit der Kultivierung von Nutzpflanzen (Hydroponik) verbindet. Das Wasser für die Bewässerung der Pflanzen ist gleichzeitig Lebensraum für Fische; Pflanzen und Fische gehen eine Symbiose ein: Der Fischkot dient als natürlicher Dünger für die Pflanzen. Diese entziehen dem Wasser die Nährstoffe und geben den Tieren frisches Wasser zurück.

Im Gegensatz zu anderen gängigen Aquaponik-Anlagen werden bei Farm Up keine Nährstoffe künstlich beigefügt. Dafür gibt es die anderen Tierarten: "Jedes Lebewesen hat eine Funktion und trägt zur Effizienz des natürlichen Nährstoffkreislaufes bei", sagen die Gründer. Ein weiterer Vorteil der angestrebten Artenvielfalt: "Je komplexer ein Ökosystem ist, desto stabiler ist es", sagt Grimm.

Der enge Raum steckt voller High-Tech: Die Luftfeuchtigkeit wird bei 80 Prozent gehalten, aus den Boxen dringt Vogelgezwitscher, Sensoren kontrollieren ständig den pH-Wert des Wassers. Das Rauschen des kleinen Wasserfalls wirkt meditativ. In einem großen Wasserbehälter tummeln sich 60 Nil-Tilapias. 50 weitere Fische dieser robusten Buntbarschart sollen noch dazukommen. Garnelen finden sich ebenso im Gewässer wie Muscheln. Zwei große Regalsysteme mit neun Etagen füllen den Raum. Die Schubladen sind mit speziellem Harz behandelt, um Schimmel zu vermeiden.

In diesen Fächern befinden sich die Jungpflanzen auf Hanfmatten. Mittels eines Ebbe- und Flutsystems werden sie bewässert - drei Tage lang in einer Art Dunkelkammer, drei Tage lang im Hellen. Dann können sie geerntet werden. Insgesamt 5000 Liter laufen durch das System; nur ein Bruchteil muss wegen der Verdunstung nachgefüllt werden. Dadurch könne man im Vergleich zur konventionellen Landwirtschaft bis zu 95 Prozent Wasser einsparen.

In dem kleinen Produktionsraum könnten jeden Monat 12 000 Hanfmatten mit Mikrogrün geerntet werden. Der Plan von Jörg und Grimm sieht vor, vor Ort bald zwei weitere Räume umzubauen. Die beiden führen wegen der Vermarktung Gespräche mit konventionellen und Bio-Supermärkten. Und sie suchen nach einem stillen Investor für eine weitere Expansion. Die beiden Jungunternehmen haben einen Plan - und gehen ihn Schritt für Schritt.

Quelle: Gießener Allgemeine

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare