Extremsport

Gießener Michael Rinn für wichtigsten Preis im Bergsport nominiert

  • Jens Riedel
    VonJens Riedel
    schließen

Die Nachricht gleicht einer Sensation: Michael Rinn ist als erster Gießener für den "Piolet d?Or" (Goldener Eispickel) nominiert worden. Dieser Preis gilt als Oscar der Alpinisten.

Nur relativ wenige Menschen haben die fast senkrechte Südwestflanke des Monarch Mountain (3572 Meter) in den kanadischen Coast Mountains je gesehen, geschweige denn Hand an sie angelegt. Das nächste Haus ist mehrere Tagesmärsche entfernt. Die Wand galt als der höchste undurchstiegene Fels in der 1600 Kilometer langen Gebirgskette zwischen Vancouver und Alaska – bis Michael Rinn diese stark vereiste, über 1500 Meter hohe Wand an dem »Monarch« in einer 32-Seillängen-Route zusammen mit dem Schotten Simon Richardson emporkletterte. Eine Seillänge entspricht einer vertikalen Höhe von rund 50 Metern. Drei Tage und zwei Biwak-Übernachtungen bei Minustemperaturen auf einem Felsvorsprung – klein wie ein Esstisch – benötigten die beiden Bergsteiger für die zuvor unbezwungene Route mit dem Namen »Game of Thrones«.

Lebensgefährliches Spiel

Ein lebensgefährliches Spiel – denn ab der Hälfte der Strecke ist eine Umkehr unmöglich. Der Schwierigkeitsgrad ist »ED2« – der zweithöchste Schwierigkeitsgrad, den die Hochtourenskala kennt. Stundenlanges Klettern in dieser permanenten Gefahrenzone macht müde, zermürbt, geht körperlich und psychisch an die Substanz.

Doch die beiden Extrem-Bergsteiger kämpften sich bis zum Gipfel – auch weil in der als »Schlechtwetterküche« verrufenen kanadischen Wildnis zum Zeitpunkt der Expedition im August 2017 sehr gute Bedingungen herrschten. Im über 8000 Kilometer entfernten Gießen hatte Rinns ebenfalls bergerprobte Lebensgefährtin Kirsten Steimel eine stabile Wetterlage rund um den Monarch Mountain ermittelt und per Satellitentelefon »grünes Licht« für die Besteigung gegeben. »Ist das Wetter nicht stabil, riskierst du da deinen Arsch. Im tiefsten Kanada kannst du bei Problemen nicht einfach ein Rettungsteam beiwinken«, sagt Rinn.

Rinn oder die Huber-Buam?

Mit dieser erfolgreichen Erstbesteigung kletterten der Gießener und sein schottischer Bergkamerad auch auf die Auswahlliste für den »Piolet d’Or« (französisch für »Goldener Eispickel«). Dieser Preis gilt als »Oscar für Alpinisten« und wird seit 1991 von der Zeitschrift »Montagne Magazine« und dem Extrem-Alpinistenverband »Groupe de Haute Montagne« vergeben. Die legendären »Huber-Buam« aus Berchtesgaden sind zwei Konkurrenten bei der diesjährigen Verleihung: Alexander Huber ist für eine neue Route in der Matterhorn-Nordwand nominiert, Thomas Huber für eine Erstbegehung am 6150 Meter hohen Cerro Kishtwar im indischen Himalaya.

»Die Hubers klettern eigentlich in einer ganz anderen Liga als wir, deshalb ist es Wahnsinn, dass wir da mit dabei sind«, freut sich Rinn. Auch wenn sein 58-jähriger Kletterfreund Richardson als Profi-Bergsteiger in Schottland fast Heldenstatus genießt und Rinn/Richardson schon vor zwei Jahren mit der Erstbesteigung einer 1600 Meter hohen Wand – dem Diamantgrat an den Grandes Jorasses (4208 Meter) im Mont-Blanc-Massiv – auf sich aufmerksam gemacht hatten.

Keine Spuren am Berg

Beide klettern puristisch im Alpinstil – also ohne Fremdhilfe, ohne zuvor präparierte Route, ohne Bohrmaschine, lediglich mit Seil, Karabinern, Klemmkeilen und mobilen Klemmgeräten (Camalots) ausgerüstet. »Wir hinterlassen keine Spuren am Berg und geben Nachfolgern die Möglichkeit, die Route ebenfalls unberührt zu erleben«, sagt Rinn.

Die Vergabe des »Goldenen Eispickels« findet Ende September statt. Ob die Nominierung dem Gießener viel bedeutet? Rinn winkt zunächst ab: »Man geht ja nicht in die Berge wegen eines Preises«. Aber es sei »schon toll, da jetzt mit dabei zu sein«. Wichtiger als Ruhm und Rekorde ist ihm das intensive Erlebnis in der Natur, zusammen mit Freunden der gemeinsamen Leidenschaft frönen. »Am Fels muss man sich völlig auf den Moment konzentrieren. Der normale Alltag gerät dabei komplett in den Hintergrund, das genieße ich.«

INFO

Zur Person

Michael Rinn (48) ist in Gießen geboren. Für die Berge begeistert er sich seit der Kindheit, in der er die Ferien regelmäßig in Mittenwald verbrachte. Dort ging er mit seinem Vater auf Bergtouren im Karwendel und Wettersteingebirge. Später kam die Leidenschaft für das Klettern hinzu. Als Trainer für Eisklettern und Hochtouren war Rinn über 15 Jahre lang bei der Sektion Gießen des Alpenvereins engagiert, bevor er in die Sektion Wetzlar wechselte. Rinn arbeitet hauptberuflich als selbstständiger Internet-Designer, er entwickelt Homepages für Unternehmen und betreut zum Beispiel auch die Website für das Ferienkarussell der Stadt Gießen. Zudem hat er die Firma »Die Gewerbekletterer« gegründet, die am Seil Arbeiten und Reparaturen an Bauwerken ausführt, unter anderem an der Burg Gleiberg. Nebenberuflich ist Rinn seit acht Jahren Dozent für die Kletterausbildung am Institut für Sportwissenschaft der Uni Gießen. Rinn veröffentlicht seine Expeditionen auf seiner eigenen Website unter www.vertikale-welten.de.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare