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Jens Dapper, Geschäftsführer der AWO Gießen, beobachtet die Skandale um die AWO Frankfurt und Wiesbaden mit Sorge. FOTO: SCHEPP

Awo Gießen

Gießener AWO-Chef: "Missstände hier unvorstellbar"

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Die Arbeiterwohlfahrt in Frankfurt kommt aus den Schlagzeilen nicht heraus. Der Gießener AWO-Geschäftsführer Jens Dapper erläutert, warum er ähnliche Missstände hier für ausgeschlossen hält.

Herr Dapper, wie oft werden Sie derzeit gefragt, was für einen Dienstwagen Sie fahren und was Führungskräfte bei der AWO Gießen verdienen?

Jens Dapper: Wahrscheinlich weniger als Sie vermuten, aber in der Tat deutlich mehr als in früheren, ruhigeren AWO-Zeiten. Beide Fragen kann ich im übrigen gut mit dem Verweis auf unsere Anwendung des öffentlichen Tarifvertragswerkes beantworten.

Aber mal im Ernst: Horrende Honorare, fragwürdige Tochterfirmen, persönliche Bereicherung, überhöhte Gehälter, Personalklüngel bei der Arbeiterwohlfahrt Frankfurt und Wiesbaden. Befürchten Sie eine Rufschädigung für den sozialen Dienstleister AWO Gießen?

Dapper: Zunächst ist mir wichtig zu sagen, dass die aktuellen Untersuchungen zu den Vorfällen noch laufen und ich hier keinen Einblick habe, wie der genaue Stand ist. Von daher kann ich mich zu den Entwicklungen dort nur bedingt äußern. Aber alleine die Berichterstattungen geben uns allen ausreichend Anlass zur Sorge, dass hier Verantwortliche in den Kreisverbänden mit ihrem Verhalten der AWO sehr geschadet haben. Der AWO vornehmlich da, wo es passiert ist, nämlich in Frankfurt und Wiesbaden, aber da die AWO bundesweit agiert, damit auch in Teilen der AWO insgesamt.

Der Ruf der AWO Gießen leidet also auch?

Dapper: Ja, das befürchten wir. Auf der anderen Seite können die meisten Menschen vor Ort aber sehr wohl differenzieren, dass es sich hier um personifizierte Fehlhandlungen einer begrenzten Anzahl von Funktionären handelt, die bei eigenständigen AWOs tätig waren. Solche Fehlhandlungen sind absolut aufzuklären und zwingend zu ahnden. Klar ist aber auch, dass es kein isoliertes Problem der AWO ist, sondern so etwas kommt leider immer wieder in der gesamten Wirtschaft und auch in der Politik vor. Von daher rufschädigend - ja, aber bei genauer Betrachtung ein gesamtgesellschaftliches Problem.

Zu Ihren ersten Amtshandlungen gehörte es 2015, Transparenz zu schaffen. Wie sieht die aus? Was hat sich im Gegensatz zu früher geändert?

Dapper: Die AWO hier in Gießen war 2015 finanziell nicht gerade auf Rosen gebettet und ist es im Übrigen auch noch heute nicht. Das heißt, wir müssen aufgrund eng begrenzter finanzieller Mittel immer wieder innerhalb und auch außerhalb des Unternehmens erklären, warum bestimmte, durchaus sinnvolle Investitionen nicht getätigt werden können. Beispielsweise stehen sehr viele Renovierungs- und Modernisierungsmaßnahmen unserer Gebäude an, die wir aufgrund anderer Priorisierungen leider immer weiter vor uns her schieben müssen. Die Mitarbeitenden kennen von daher heute besser als früher unsere Spielräume und können nun besser einschätzen, warum bestimmte Entscheidungen im Management getroffen werden und warum vielleicht der ein oder andere Vorschlag zur Investition eben (noch) nicht umgesetzt wird. Information ist eben auch Motivation, und so halten wir das auch in Zukunft.

Wo kommt denn das Geld her? Wie finanziert sich die AWO?

Dapper: Das ist ein ganz wichtiger Punkt. Wir bekommen - entgegen verbreiteter Meinung - keine staatlichen Zuwendungen, bis auf einen Zuschuss von 2000 Euro von der Stadt. Wenn man weiß, das unser Gesamtumsatz 23 Millionen Euro beträgt, sieht man, dass dieser Beitrag nicht ins Gewicht fällt. Wir finanzieren uns über unsere erbrachten Dienstleistungen. Darüber hinaus erhalten wir über unsere Mitgliedsbeiträge jährlich 2300 Euro, und wir erhalten dankenswerterweise Spenden. Dieses Aufkommen erreicht jedoch in keiner Weise eine Dimension zur Finanzierung des Kreisverbandes. Im Mittel der letzten fünf Jahre lagen die Spendeneinnahmen insgesamt bei jährlich rund 18 800 EUR.

Wie sehen die Strukturen der AWO aus?

Dapper: Die Strukturen der AWO in Gießen sind naturgemäß eng mit der Entwicklung der AWO in ganz Deutschland verbunden. Mit der Gründung der AWO 1919 damals in Berlin entstanden in der gesamten Republik die ersten Ortsvereine, die sich bereits damals zu Kreisverbänden zusammengeschlossen haben. Diese Kreisverbände sind eigenständige Vereine und in ihren Vereinsaktivitäten eigenverantwortlich tätig. Die Kreisverbände haben sich in den Bundesländern nochmals in Landesverbänden organisiert, und zudem gibt es darüber den AWO Bundesverband, der die Klammer über alle AWOs in Deutschland bildet.

Hessen tanzt hier aus der Reihe.

Dapper: Ja, hier gibt es keinen Landesverband, sondern zwei Bezirksverbände mit analogen Aufgaben: Hessen Süd und Hessen Nord. Die AWO hat aktuell bundesweit über 318 000 Mitglieder und aktuell etwa 231 000 Beschäftigte. Die AWO in Gießen hat 637 Mitglieder und derzeit 485 Beschäftigte. Bezogen auf die AWO hier in Gießen gibt es zudem die Besonderheit, dass es in unmittelbarer Nachbarschaft zwei Kreisverbände gibt, einmal den "AWO Stadtkreis Gießen", bei dem ich tätig bin und die "AWO Gießen Land" mit Sitz in Lollar. Beide AWOs haben wie oben beschrieben Ortsvereine, wir hier im Stadtkreis Gießen direkt drei.

Und was hat es mit den GmbH der AWO auf sich?

Dapper: Mit den immer größer werdenden Herausforderungen beim Betrieb von Kindertagesstätten und von pflegerischen Unternehmungen wurde im Rahmen notwendiger professioneller Strukturen zwei GmbH gegründet. In den GmbH werden die wirtschaftlichen Unternehmungen abgebildet, die nicht das Vereinswesen betreffen. Im Übrigen mit allen Haftungsthemen für Geschäftsführer, exakt wie in der Privatwirtschaft auch.

Es gibt also mit diesen beiden Säulen auch zwei Kontrollmechanismen?

Dapper: Genau. Es gibt zum einen den Verein mit entsprechenden Vereinsstrukturen und zum anderen zwei GmbHs mit entsprechenden Strukturen wie es das BGB vorgibt. Wir haben also eine doppele Kontrolle: Einmal die vom Verein, mit den gewohnten Erfordernissen zur Kontrolle der Vorstandsmitglieder, u.a. durch Kreisrevisoren und zum zweiten die von den GmbHs. Das heißt, es wird analog der Strukturen in der freien Wirtschaft geprüft, unter anderem durch unabhängige Wirtschaftsprüfungsgesellschaften.

Solche Kontrollen gibt es theoretisch in Frankfurt auch…

Dapper: Wie es gelingen kann, all diese Kontrollmechanismen auszuhebeln - wie gesagt, wenn es denn alles so stimmt, wie bislang in Frankfurt und Wiesbaden zumindest angedeutet -- ist mir schleierhaft. In Gießen könnte es mit den aktuellen Mechanismen aus meiner Sicht nicht zu solchen Missständen kommen.

Die AWO spielt im sozialen Gefüge der Stadt eine große Rolle. Wie beschreiben Sie die Zusammenarbeit mit der Stadt Gießen?

Dapper: Die Stadt Gießen ist in den letzten Jahren sehr stark gewachsen und damit auch die verbundenen Herausforderungen. Nicht nur, aber eben auch gerade solche Herausforderungen, die ein soziales Miteinander der Bürger betreffen. Um in dieser Geschwindigkeit Themen wie Kinderbetreuung, Inklusion und Pflege gut zu managen, braucht die Stadt verlässliche Partner. Die AWO wie auch die anderen Wohlfahrtsverbände in und um Gießen haben meines Erachtens bewiesen, dass wir alle verlässliche Partner für die Entwicklung der Stadt sind. Und hier geht es nicht um Farbenspiele in der Politik, sondern um echte Dienstleistung. Dienstleister, die dauerhaft mit den Beteiligten in Politik und Verwaltung im Dialog stehen und immer wieder für realisierbare Lösungen stehen.

Zur Person: Jens Dapper

Jens Dapper stammt aus Grünberg. Er ist seit 2015 Geschäftsführer der Arbeiterwohlfahrt. Zuvor war der 52-Jährige Hauptabteilungsleiter der AOK Hessen und zuständig für 850 Mitarbeiter. Vor fünf Jahren kehrte er in seine Heimatregion zurück. Dapper ist leidenschaftlicher Sportler; er trainiert die Handball-Oberligamannschaft der HSG Pohlheim. Die AWO Gießen hat derzeit 485 Mitarbeiter. Sie ist einer der großen sozialen Dienstleister in der Stadt und betreibt Senioreneinrichtungen und Kindertagesstätten; zudem bietet sie Hilfen für Wohnungslose und Menschen mit Suchtproblematik.

Quelle: Gießener Allgemeine

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