In Gießen verwurzelt

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Das Kopfkino läuft. Bilder in Schwarz-Weiß. Uniformkrägen mit dem Totenkopf. Wütend bellende Schäferhunde, die an den Leinen zerren. Stacheldraht, Scheinwerfer, Viehwaggons. Frauen mit Kindern, Alte, zusammengedrängt auf der Verladerampe. Mäntel mit dem aufgenähten Judenstern. Panik und Todesangst in den Gesichtern. Diese drei Minuten, in denen Georgi Kalaidjiew das Thema aus Steven Spielbergs Holocaust-Epos "Schindlers Liste" in der Jüdischen Gemeinde auf seiner Violine spielt, gehen jedem im Saal unter die Haut. Vorne steht auf einem Ständer ein Foto von Helmut Josef Stern, den alle nur "Jossi" nannten. Seine Eltern und seine Schwester wurden in Auschwitz ermordet. "Sie haben nicht einmal ein Grab bekommen", sagt Dow Aviv, Vorsitzender der Gießener Gemeinde.

Das Kopfkino läuft. Bilder in Schwarz-Weiß. Uniformkrägen mit dem Totenkopf. Wütend bellende Schäferhunde, die an den Leinen zerren. Stacheldraht, Scheinwerfer, Viehwaggons. Frauen mit Kindern, Alte, zusammengedrängt auf der Verladerampe. Mäntel mit dem aufgenähten Judenstern. Panik und Todesangst in den Gesichtern. Diese drei Minuten, in denen Georgi Kalaidjiew das Thema aus Steven Spielbergs Holocaust-Epos "Schindlers Liste" in der Jüdischen Gemeinde auf seiner Violine spielt, gehen jedem im Saal unter die Haut. Vorne steht auf einem Ständer ein Foto von Helmut Josef Stern, den alle nur "Jossi" nannten. Seine Eltern und seine Schwester wurden in Auschwitz ermordet. "Sie haben nicht einmal ein Grab bekommen", sagt Dow Aviv, Vorsitzender der Gießener Gemeinde.

Etwa 60 Personen sind am Mittwoch in die Synagoge im Burggraben gekommen, um sich von "Jossi" Stern zu verabschieden. Der am Marktplatz geborene Stern war Ende Januar im Alter von 97 Jahren in seiner zweiten Heimat Haifa gestorben. Gemäß dem jüdischen Ritual darf 30 Tage nach dem Tod öffentlich getrauert werden, erklärt Aviv den nichtjüdischen Gästen der Gedenkstunde.

Bundesverdienstkreuz, Hedwig-Burgheim-Medaille, Ehrenvorsitzender der Christlich-Jüdischen Gesellschaft: Stern war in seiner Geburtstadt, die er 1936 verließ, ein hochdekorierter Mann. Auch am Mittwochabend ist vom "Brückenbauer" und "Versöhner" die Rede, der trotz der eigenen Familiengeschichte Deutsche und Juden nach dem Krieg wieder zusammengebracht hatte und in Haifa den Verein der ehemaligen Gießener Juden gründete.

"Wir nehmen Abschied von einem ganz besonderen Menschen, der viel bewegt hat in seinem Leben", sagt Stadträtin Astrid Eibelshäuser. Die Verbindung in seine alte Heimat sei für "Jossi" Stern trotz allem "unauflösbar" gewesen. "Seine Wurzeln zu Gießen konnte er nicht kappen", sagt Eibelshäuser. Er sei ein typischer Jude aus Deutschland gewesen, ein "echter Jecke" eben, beschreibt Dow Aviv den Verstorbenen. Und Marion Balser, die Vorsitzende des Partnerschaftsvereins Gießen-Netanya, steuert diesbezügich eine Andekdote über ihren bescheidenen Gastgeber "Jossi" bei. "Wir sollten ihm ein Heft mit deutschen Kreuzworträtseln mitbringen, das war sein einziger Wunsch."

Alle, die Reden halten, während vor den Fenstern die Sonne in einem Farbspektakel untergeht, waren irgendwann Gäste bei "Jossi" und Ela Stern in Haifa. Der Theologe Prof. Eckhard von Northeim war bei Israel-Exkursionen mit seinen Studenten dort. "Sichtlich beeindruckt" seien die jungen Leute von den Sterns gewesen. "Sie werden das als Lehrer an ihre Schüler weitertragen. Dafür bin ich ›Jossi‹ Stern dankbar", sagt von Northeim.

Stadtarchiv übernimmt Akten

Cornelius Mann, Vorsitzender der Christlich-Jüdischen Gesellschaft, verliest eine Grußbotschaft seines Vorstandskollegen Wolfgang Grieb, der Stern einen "väterlichen Freund" nennt. "Jossi" Stern habe es "sehr berührt", dass das Archiv des Vereins der ehemaligen Juden aus Gießen vom Gießener Stadtarchiv übernommen wird. Es handelt sich um 30 Leitzordner, in denen "Jossi" Stern in akribischer Arbeit über Jahrzehnte die Lebensläufe von ehemaligen Gießener Juden aufzeichnete, die die Shoa in die ganze Welt vertreut hatte.

Und natürlich fehlt es nicht an Versicherungen, dass das "Vermächtnis" von "Jossi" Stern mit der Übernahme des Vereinsarchivs durch die Stadt Gießen nicht erfüllt ist. "Wir nehmen die Verantwortung in unsere Hände", verspricht Stadträtin Eibelshäuser.

Geistlich umrahmt wird die Gedenkstunde von Rabbiner Shimon Großberg, für die musikalische Begleitung sorgen neben Georgi Kalaidjiev Detmar Hönle (Flöte) und Wolfgang Wels (Klavier). (mö/Foto:mö)

Quelle: Gießener Allgemeine

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