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Gießener Bulldogge Helene kann kaum atmen - Teure OP soll sie von Qualen erlösen

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Von: Sophie Röder

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Englische Bulldoggen und Pekinesen sind oftmals wegen ihres süßen Äußeren beliebt. Doch einige Exemplare dieser Rassen, wie die Bulldogge Helene und die Pekinesen Mika und Fuksik, leiden unter gesundheitlichen Einschränkungen.
Englische Bulldoggen und Pekinesen sind oftmals wegen ihres süßen Äußeren beliebt. Doch einige Exemplare dieser Rassen, wie die Bulldogge Helene und die Pekinesen Mika und Fuksik, leiden unter gesundheitlichen Einschränkungen © Oliver Schepp

Bulldogge Helene aus dem Tierheim Gießen hat Atemwegsprobleme. Die Ursache sind Qualzuchtmerkmale. Zwei Expertinnen erklären, was es damit auf sich hat.

Gießen - Das Tierheim Gießen hat eine neue Bewohnerin: die Englische Bulldogge Helene. »Helene ist über den Tierschutz zu uns gekommen«, sagt Leiterin Hannah Wern. »Eine Frau hat sie bei Ebay gesehen. Als sie zum Verkäufer gefahren ist, hat sie die Missstände erkannt und versucht, die Hündin rauszuholen.« Helene sei schließlich freigekauft und über ehrenamtliche Tierschützer an das Gießener Tierheim übergeben worden.

Der Ortswechsel allein reicht aber nicht aus, damit es Helene besser geht. Die Hündin muss operiert werden. Das Problem: Sie kann kaum atmen. »Ihr Atemgeräusch ist super laut«, sagt Wern. Sobald sie sich mehr bewegt, bekommt sie noch schwerer Luft. Die Geräusche, die sie dann macht, klingen nach dem Grunzen eines Schweines und nicht nach dem Hecheln eines Hundes. »Was für andere Hunde normal ist, zum Beispiel Herrchen oder Frauchen zu begrüßen, kostet Helene viel Kraft, weil sie schlecht Luft bekommt.« Im Winter sei die Atmung etwas besser, doch im Sommer eine Katastrophe. In der Hitze drohe ein Kollaps.

Tierheim Gießen: Eingriff für Hündin Helene kostet über 3000 Euro

Um der fünf Jahre alten Hündin wieder Lebensqualität zu verschaffen, will das Tierheim eine spezielle Operation machen lassen und damit das brachyzephale Syndrom behandeln. »Damit die Hündin wieder frei atmen kann«, sagt Wern. »Das verschafft ihr Linderung, aber leider nicht zu 100 Prozent. Oftmals müssen diese Eingriffe wiederholt werden.«

Astrid Paparone, Vorsitzende des Tierschutzvereins Gießen und Umgebung, ergänzt: »Der Eingriff kostet deutlich über 3000 Euro.« Auch berge die Operation Risiken. Daher habe sich das Tierheim für eine Tierklinik entschieden, die Erfahrung mit dieser Operation hat. Dort hat Helene auch schon einen Vorstellungstermin. »Helene ist kein Einzelfall. Wir helfen immer wieder Tieren, die von ihren Besitzern nicht unterstützt wurden. Doch die Kosten bringen uns als privaten Verein in die Bredouille.« Daher hoffe das Tierheim auf Spenden von Tierfreunden.

Verschiedene Hunderassen, wie die Englische oder Französische Bulldogge leiden unter sogenannten Qualzuchtmerkmalen. »Das hat in den vergangenen Jahren stark zugenommen, da die Nachfrage nach diesen Hunden sehr groß ist, und ›Hinterhof-Vermehrer‹ nicht darauf achten, ob die Hunde für die Zucht geeignet sind oder sich dadurch die Merkmale in der nächsten Generation verschlimmern«, sagt Paparone.

Gießener Bulldogge Helene als Beispiel: Zucht muss sich verändern

Die Rasse der Englischen Bulldogge habe sich von ihrem Ursprung bis heute stark verändert. Was bei vielen zu gesundheitlichen Beschwerden führe. »Bei Helene ist die Nase eingedrückt, ebenso der Oberkiefer, der Unterkiefer hingegen steht vor. Doch während ihr Kopf kleiner ist, um dem ›Kindchenschema‹ zu entsprechen, das vielen bei diesen Hunden gefällt, hat sie genauso viele Zähne wie ein großer Hund«, erklärt Wern. Daher sei alles zu eng und nicht genügend Platz, um frei zu atmen.

Auch die Falten im Gesicht der Hündin könnten zu Problemen führen. Durch diese seien die Augen oft entzündet. Um den Auswirkungen entgegenzuwirken, habe sich die Zucht dieser Rasse in den vergangenen Jahren verändert: Englische Bulldoggen würden wieder mit längeren Nase gezüchtet, um die Qualen der Tiere zu verhindern. Doch ein Problem liege weiterhin bei den »Vermehrern«. Diese vermehren Hunde, ohne darauf zu achten, ob die Eltern gesund seien oder Beschwerden hätten, die besser nicht vererbt werden sollten. So wurde auch Helene mehrfach als Mutterhund genutzt, obwohl sie starke Atemprobleme hat.

Tierheim Gießen: „Menschen müssen genauer hinschauen“

Daher raten Wern und Paparone - besonders, wenn jemand an einer Rasse interessiert ist, bei der Qualzuchtmerkmale vorkommen - sich vorher genau zu informieren, wo man den zukünftigen Hund holt. Vermehrer erkenne der Laie daran, dass ein Treffen mit der Mutter nicht möglich sei. Auch gebe es bei diesen keine Papiere. Zudem empfehlen die beiden, einen Experten mitzunehmen. Vor dem Kauf könne man sich auch mittels Ratgeber oder über die Tierschutzorganisation PETA informieren. »Wenn die Menschen genauer hinschauen würden, ob der Hund frei atmet, und es nicht nur gesagt wird, würde die Vermehrung von solchen Tieren zurückgehen«, sagt Paparone.

Platzmangel

Im Tierheim in Gießen ist es eng geworden in den vergangenen Wochen und Monaten. Es wurden viele Tiere aus der Ukraine aufgenommen. Die Tierschützer brauchen deshalb noch mehr Unterstützung als eh schon.

Unter schwerer Atmung und an entzündeten Augen leiden auch die beiden Pekinesen Mika und Fuksik. Sie sind über das Veterinäramt ins Tierheim gekommen. »Mika hat überhaupt keine Nase«, sagt Wern. »Bei Fuksik ist die Nase etwas ausgeprägter. Gut Luft bekommen sie beide nicht.« Zudem störe permanent das Fell in den Augen.

Von Qualzuchtmerkmalen sind nicht nur Hunde und Katzen betroffen, sondern auch Zwergkaninchen, deren Köpfe für ihre Zähne ebenfalls zu klein seien. Auch bei Tauben komme es vor. Es gibt Exemplare, die Federn an den Füßen haben, die sie beim Fliegen behindern, oder deren Schnäbel so gezüchtet sind, dass sie die Körner nicht picken können. Wern sagt: »Leider kümmert sich kaum einer um Tauben, da sie als Schädlinge angesehen werden.« (Sophie Mahr)

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