Angesichts der Verteuerung von Gas, Strom und Fernwärme raten die Stadtwerke ihren Kundinnen und Kunden, ihren Energieverbrauch zu senken.
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Angesichts der Verteuerung von Gas, Strom und Fernwärme raten die Stadtwerke ihren Kundinnen und Kunden, ihren Energieverbrauch zu senken.

Energie

„Mit einem Wort: extrem“: Gas- und Strompreise auch in Gießen gestiegen

  • Kays Al-Khanak
    VonKays Al-Khanak
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Die Gas- und Strompreise gehen durch die Decke. Experten bezeichnen die Kostensteigerungen als extrem - auch in Gießen

?Wie haben sich die Gas- und Strompreise in den vergangenen Monaten entwickelt?

»Mit einem Wort: extrem«, sagt der Sprecher der Stadtwerke Gießen (SWG), Ulli Boos. »Bislang war noch nie etwas auch nur annähernd Vergleichbares auf dem deutschen oder europäischen Energiemarkt zu beobachten.« Aktuell ist der Preis für eine Gigawattstunde Erdgas auf dem langfristigen Terminmarkt für 2022 etwa dreieinhalbmal höher als im Januar. Noch krasser fallen die Steigerungen auf dem kurzfristigen Spotmarkt aus. Hier haben sich die Preise seit Jahresbeginn verfünffacht. Beim Strom fallen die Steigerung nach Aussage der SWG nicht ganz so drastisch aus, brechen jedoch ebenfalls alle bisherigen Rekorde. Derzeit kostet eine Gigawattstunde Strom an der Terminbörse für 2022 zweieinhalbmal so viel wie noch im Januar.

?Was sind die Gründe für die extremen Preissteigerungen beim Gas?

Der Hauptgrund ist nach Einschätzung des SWG, dass die globale Wirtschaft nach den Corona-Monaten wieder richtig in Schwung kommt. Diese Entwicklung geht mit einem überdurchschnittlichen Energiebedarf einher, was zu einem Preisanstieg führt. Je größer die Nachfrage - aktuell brauchen vor allem Unternehmen im asiatischen und südamerikanischen Raum viel Energie -, desto höher klettern die Preise. Dazu kommt, dass sich das Angebot an anderer Stelle verknappt. So haben einige Betreiber von Förderplattformen und Pipelines Wartungsarbeiten coronabedingt verschoben und holen diese jetzt nach. Hinzu kommt: Der letzte Winter in Europa war vergleichsweise lang und kalt. Somit seien die Reserven in den Gasspeichern weitgehend aufgebraucht, und im Sommer konnten die Lager witterungsbedingt nicht aufgefüllt werden: Einige Staaten in Südeuropa hatten mit extremer Hitze zu kämpfen. Und der Strom für die Klimatisierung entsteht meist in Gaskraftwerken.

Stadtwerke Gießen nennen Gründe für massiv gestiegenen Strompreis

?Und was sind die Gründe für den höheren Strompreis?

Zum einen haben sich laut SWG als Folge der Situation auf dem Energiemarkt die Preise für CO2-Zertifikate in den vergangenen 24 Monaten mehr als verdoppelt. Das wirke sich auf den Strompreis aus, weil hierzulande immer noch viel Strom aus fossilen Energieträgern entsteht. Zum anderen ist es in Deutschland so, dass das letzte Kraftwerk, das zur Deckung des Bedarfs zugeschaltet wird, den Preis setzt. Dies übernehmen oft Gaskraftwerke, weil sie schnell anlaufen und wieder abgeschaltet werden können. Deren Betrieb hat sich zuletzt massiv verteuert.

?Welche Auswirkungen hat diese Entwicklung für die Planungen der Stadtwerke Gießen?

Die SWG haben als Reaktion auf die Entwicklung bestimmte Tarifmodelle vom Markt genommen, die sie nicht mehr kostendeckend anbieten können. Kundinnen und Kunden werden zu den vertraglich vereinbarten Bedingungen weiter versorgt. Auf die Einkaufsstrategie, sagt Boos, »werden diese hoffentlich einmaligen Verwerfungen keine massiven Auswirkungen haben«. Um ihre Kundschaft zu marktgerechten Konditionen zu beliefern, beschafften die Stadtwerke Gießen kontinuierlich nur relativ kleine Mengen kurzfristig. »Daraus folgt, dass wir nie den günstigsten Einkaufspreis haben, aber auch nie den teuersten, sondern eben einen Durchschnittspreis über mehrere Jahre«, erklärt Boos. Deshalb seien die SWG deutlich weniger anfällig als Lieferanten, die sich kurzfristig eindecken und extrem günstige Preisen anböten, sagt der Unternehmenssprecher.

Stadtwerke Gießen wünschen sich kurzfristig schlankere Bürokratie

?Welche Schritte würde sich die SWG von der Politik in diesem Zusammenhang wünschen?

In einer globalisierten Welt entfalten nationale oder regionale Eingriffe nur eine vorübergehende Wirkung. Die Krise lehre, teilen die SWG mit, dass es nicht den einen Grund gibt, sondern dass die (Energie-)Welt komplex sei und viele globale Themen die Preise bestimmen. »Wir brauchen eine internationale, mindestens europäische Abstimmung, was die Energiepolitik angeht«, sagt Boos. »Objektiv betrachtet ist die Weltgemeinschaft aber davon noch weit entfernt.« Helfen könnte aber eine schlankere Bürokratie - vor allem weniger komplexe Regulierungen und beschleunigte Genehmigungsverfahren, um effizienter zu arbeiten und die Energiewende schneller zu vollziehen. Mehr Energie ökologisch zu erzeugen, verbessere die CO2-Bilanz und reduziere zum Teil auch die Abhängigkeit von Energieimporten.

?Mitte September gab es die Nachricht, dass auch die Fernwärme deutlich teurer wird. Welchen Ausblick geben die SWG ihren Kunden in diesem Bereich?

Angesichts massiver Preissteigerungen eigentlich aller Energiearten gehen die Stadtwerke davon aus, dass auch die Fernwärmepreise spürbar anziehen werden.

Stadtwerke Gießen wollen Kunden helfen, Energieverbrauch zu senken

?Welche Lösungen oder Alternativen gibt es angesichts steigender Energiekosten?

Neben dem Preis ist der Verbrauch ein Faktor für die Energiekosten. Dort wollen die SWG einen Hebel ansetzen. Kundinnen und Kunden sollen unterstützt werden, ihren Energieverbrauch zu senken. So bieten SWG an drei Donnerstagen jeweils ab 18 Uhr kostenlose Online-Vorträge an. Das Thema Stromsparen im Haushalt wird am 11. November behandelt. Um hydraulischen Abgleich geht es am 18. November. Mehr über das korrekte Heizen und Lüften erfahren die Teilnehmenden am 25. November. Wer Interesse an den Online-Vorträgen hat, meldet sich per E-Mail an energieberatung@stadtwerke-giessen.de. Die Energieberater der SWG sind unter Telefon 06 41/708-14 35 erreichbar.

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