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Spurensicherung im Februar 2011 nach der Entdeckung einer Leiche in einem Mehrfamilienhaus im Anneröder Weg. Schon Wochen zuvor ist der Mann ermordet worden.

Mordserie

Trübes Leben, grausiges Ende: Nach einem Mord in Gießen Leiche nur zufällig gefunden

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Eigentlich wollen die Beamten nur einen Haftbefehl gegen einen Rentner vollstrecken. Doch im Anneröder Weg finden sie seine Leiche. Der Mord liegt Wochen zurück, wird aber schnell aufgeklärt. Nach einem Indizienprozess lautet das Urteil für einen 38-Jährigen "Lebenslänglich".

Gießen - Niemand hat ihn vermisst. Acht Wochen lang hat der 65-Jährige tot in seiner Wohnung am Anneröder Weg gelegen, bevor er im Februar 2011 entdeckt wird. Von Amts wegen geöffnet wird seine Wohnungstür an jenem Dienstag nur, weil der Rentner nicht zu einem Gerichtstermin erschienen ist. Seine Leiche liegt im Badezimmer – mit massiven Verletzungen und um den Kopf geknoteten gelben Säcken. Schnell stellt sich heraus: Offenbar ist er Mitte Dezember mit einer Kurzhantel erschlagen worden. Er war betrunken, der Blutalkoholwert lag bei über drei Promille. 

Einige Nachbarn in dem Sechs-Parteien-Haus haben in den letzten Wochen zwar mal einen "komischen" Geruch im Treppenhaus bemerkt, und der Briefkasten quillt über. Doch niemand schlägt Alarm, weil der Senior sich nicht mehr blicken lässt. Er ist erst in Sommer in die Siedlung gezogen und hat zuvor lange in Kleinlinden gelebt. 

Mord in Gießen: Späteres Opfer sorgte selbst für Schlagzeilen

Dort war der Lkw-Fahrer alles andere als ein beliebter Mitbürger. Immer wieder sorgte er durch antisemitische Ausfälle für Schlagzeilen, wurde mehrfach wegen Beleidigung und Volksverhetzung angezeigt. Einer dieser Fälle beschäftigte 2007 auch den Ortsbeirat. Nun war er erneut wegen Volksverhetzung angeklagt. Weil er bei der Verhandlung fehlt, wird Haftbefehl erlassen. Den wollen Beamte vollstrecken. Sie finden eine durchwühlte Wohnung und die Leiche im Bad vor. Zwei Tage später rufen Polizei und Staatsanwaltschaft in den Medien zu Zeugenhinweisen auf. 

Ganz auf sich gestellt war der 65-Jährige nicht, finden die Ermittler schnell heraus. Fast täglich hat er sich mit einem 37-Jährigen getroffen, mit diesem Alkohol getrunken und ihm immer wieder Geld geliehen. Seit dem 12. Dezember indes hat sich der junge Familienvater nicht mehr um seinen Kumpan gekümmert. Zugleich besaß er plötzlich viel Bargeld. Schon seit Herbst 2010 hat der 37-Jährige des Öfteren Beträge zwischen 1000 und 2500 Euro auf sein Konto eingezahlt, das zuvor oft ins Minus gerutscht war. Er lieh Freunden 2000 Euro und deponierte um den Jahreswechsel herum größere Summen bei Bekannten. Und das, obwohl er seit Sommer arbeitslos war. 

Mord in Gießen: Opfer hortete Geld "wie ein Eichhörnchen"

Im Rahmen der Fahndung wird der 37-Jährige im März in seinem neuen Wohnort am Niederrhein festgenommen. Er bestreitet, den Rentner getötet zu haben. Erst nachdem ein Handytelefonat nachgewiesen ist, gibt er zu, dass er ihn am Abend des 11. Dezember besuchte. Zur Herkunft des plötzlichen Reichtums lügt er zunächst und räumt erst später ein, das Geld stamme von seinem Freund. Nicht erklären will er eine DNA-Spur: Eine Hautschuppe von ihm haftete an den Tüten um den Kopf des Opfers. Vor Gericht bleibt er stumm und lässt seine Verteidiger seine Unschuld beteuern. 

In über 20 Verhandlungstagen versucht die Fünfte Große Strafkammer am Gießener Landgericht im Herbst 2011 den Ablauf zu klären. Die Aussagen von Zeugen und Gutachtern werfen Schlaglichter auf ein freudloses Leben, das grausig endete. Auf keinen Fall sei ihr Verhältnis freundschaftlich gewesen, betont beispielsweise ein 61-Jähriger, der das Mordopfer seit 1956 gekannt hat. Der Mann sei aggressiv und misstrauisch gewesen – auch gegenüber Banken. Deshalb habe er sein Bargeld zu Hause "gehortet wie ein Eichhörnchen", berichtet der Zeuge. Er habe sparsam gelebt und arm gewirkt. Laut den Ermittlern waren es 47.000 Euro, die der Täter beim Durchwühlen der Wohnung oder im Auto des Opfers gefunden und geraubt haben soll. 

Mord in Gießen: Viele Nachbarn kannten späteres Opfer nicht

Nachbarn berichten, dass sie mit dem Rentner höchstens mal einen Gruß austauschten. Viele kannten seinen Namen nicht, bis die Polizei ihnen ein Foto zeigte. Der 65-Jährige sei viel mit dem Fahrrad unterwegs gewesen, habe oft sein Auto gewaschen und sich um ein Beet am Haus gekümmert, lauteten die spärlichen Auskünfte. 

Die drei Berufsrichter und zwei Schöffen verurteilen den mittlerweile 38-Jährigen schließlich zu lebenslanger Haft wegen Mordes in Tateinheit mit Raub mit Todesfolge. Finanzielle Sorgen, ein Umzug und familiäre Probleme hätten zu dem Entschluss geführt, den Rentner zu töten, so die Überzeugung des Gerichts. Der Angeklagte habe den 65-Jährigen "heimtückisch" von hinten angegriffen. Er sitzt noch immer hinter Gittern, erklärt die Staatsanwaltschaft Gießen auf Anfrage. Frühestens im Jahr 2026 wird er wieder auf freien Fuß kommen.

Info: Erinnerung kann trügen

Wie unzuverlässig Zeugenaussagen sein können, zeigten beim Mordprozess die Bemühungen, den Todeszeitpunkt zu bestimmen. Das Gericht kam letztlich zur Überzeugung, dass der 65-Jährige in der Nacht vom 11. auf den 12. Dezember 2010 zu Tode kam. Doch ein Zeuge beteuerte, seine Frau sei dem Mann noch Tage später begegnet: "Das ist für sie unumstößlich." Eine Frau meinte sich zu erinnern, noch "zwischen den Jahren" das Flimmern des Fernsehers wahrgenommen zu haben. Ein Nachbar behauptete, er habe das Opfer im Januar gesehen. Zahlreiche Studien bestätigen die Erfahrung von Juristen, dass die Erinnerung gründlich trügen kann, was den Zeugen meistens gar nicht bewusst ist. Gerichte sind daher verpflichtet, sich eine eigene Überzeugung zu jeder Aussage zu bilden. In diesen Fällen lautete sie. Das kann nicht stimmen.

Quelle: Gießener Allgemeine

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