»Lucky Streik« vor 20 Jahren

Als Gießen der Nabel der Uni-Welt war

  • Karen Werner
    VonKaren Werner
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Gießen war der Ausgangspunkt: 1997 legte der »Lucky Streik« über 100 deutsche Hochschulen lahm. Welche Rolle spielte dabei das junge Internet? Und was genau läuft heute besser an den Unis?

Frust im Audimax. Seminare sind überfüllt, Bildungsbudgets schrumpfen. Nicht einmal 200 Studierende sind zu Beginn des Wintersemesters 1997 zur »Vollversammlung« an der Justus-Liebig-Universität gekommen. Wieder einmal wird zu Protesten aufgerufen. Doch diesmal weiten sie sich schnell aus. Der »Lucky Streik« erfasst von Gießen aus über 100 Hochschulen in ganz Deutschland und wird zur größten studentischen Protestwelle seit der 68-Bewegung.

Belächeltes "Provinznest"

»Dieser Erfolg hatte viel mit dem Internet zu tun«, sagt 20 Jahre später Manuel Heinrich. Das erste Mal hätten Studierende Informationen direkt ausgetauscht – schnell und ohne Filterung etwa durch den Asta. »Wir haben wohl etwas in den Köpfen bewegt«, ergänzt Bianca Biniarz, die damals ebenfalls zu den Organisatoren gehörte. Die Proteste hätten zur besseren Ausstattung der Hochschulen beigetragen, bestätigt JLU-Präsident Joybrato Mukherjee der GAZ.

Man war stolz darauf, aus Gießen zu kommen

Manuel Heinrich

Der angehende Haushaltswissenschaftler Heinrich war »eigentlich gar nicht betroffen« von den schlechten Bedingungen. Doch der heutige Pressesprecher des Regionalmanagements Mittelhessen hatte sich früh ins Internet eingearbeitet. Er vernetzte sich digital mit unzufriedenen Studierenden allerorten. Die Folge: Gießen, zunächst von Kommilitonen in Großstädten als »Provinznest« belächelt, wurde zum Nabel der Hochschulwelt.

Server brach mehrmals zusammen

»In kleineren Städten kennt man sich. Das hat zur Effizienz beigetragen«, meint Biniarz, die heute Lehrerin ist. Heinrich berichtet: »Der Uni-Server brach mehrfach zusammen«, so groß war das Interesse an Streik-Nachrichten. »Jeder konnte sehen: Wofür kämpfen die, betrifft uns das auch, wer macht alles mit? Es gab gemeinsame Symbole und den Namen ›Lucky Streik‹.« Studierende fühlten sich als Teil einer großen Bewegung, die eine Eigendynamik entwickelte.

Wir müssen nicht mehr für jeden Bleistift drei Formulare ausfüllen

Joybrato Mukherjee

»Wir hatten das Gefühl, dass wir politisch Druck machen können«, sagt Biniarz. Ministerpräsident Hans Eichel (SPD) erklärte im Audimax zunächst: »Es gibt nicht mehr Geld. Wir haben keins.« Eine Woche später kündigte er erste Erleichterungen an. Unter anderem wurde die eigentlich geplante 1000-Euro-Prüfungsgebühr für Lehramts- und Rechtsreferendare gestrichen.

Mit Antoniterkreuz nach Bonn

Bei der Großdemo in Bonn war Gießen stark vertreten mit drei Rednern und rund 1500 Teilnehmern. Viele von ihnen hatten sich das Antoniterkreuz vom Uni-Wappen auf die Wange gemalt. »Man war stolz darauf, aus Gießen zu kommen«, so Heinrich.

Der 43-Jährige hebt im Rückblick das konstruktive Miteinander hervor. Der damalige Uni-Präsident Heinz Bauer setzte auf Dialog. Einige Organisatoren des blieben hochschulpolitisch aktiv und setzten mit ihrem Pragmatismus neue Akzente.

Symptom für gesellschaftliche Probleme

»Große studentische Proteste sind immer ein Symptom für gesellschaftliche Entwicklungen«, meint Mukherjee, der damals Doktorand war. 1997 habe »Stillstand« in der Spätphase der Kanzlerschaft Helmut Kohl geherrscht. In den unterfinanzierten Hochschulen habe man sich »abgehängt« gefühlt.

Die Wende kam ab 1998 mit Regierungswechseln, so Mukherjee: In Berlin sorgte Rot-Grün, in Wiesbaden Schwarz-Gelb für Investitionen und für Unabhängigkeit. »Wir müssen nicht mehr für jeden Bleistift drei Formulare ausfüllen.« Die Lehre profitiert von mehr Geld und besserer Organisation.

Der Uni-Präsident weist hin auf weitere Protestwellen in den letzten Jahren gegen Studiengebühren und die Bologna-Reformen. Eine Vernachlässigung der Universitäten wie in den achtziger und neunziger Jahren sei allerdings kaum noch denkbar. Ein Grund dafür: Bei bundesweit fast drei Millionen Studierenden »sind Hochschulen mitten in der Gesellschaft verankert«.

"Lucky Streik"

Große Demos, überfülltes Audimax

Einen Boykott von Lehrveranstaltungen und Besetzungen von Uni-Gebäuden hatte es an der Justus-Liebig-Universität schon vor 1997 immer wieder gegeben. Nun aber hielten Studierende öffentlichkeitswirksam Alternativveranstaltungen ab und erreichten mit fantasievollen Aktionen breite Bevölkerungsschichten. Am 6. November waren etliche Hochschulmitarbeiter und Sympathisanten unter den 8000 Demonstranten, die durch Gießen zogen. Am 25. November waren 10 000 Studierende aus Hessen bei einer Kundgebung in Frankfurt, zwei Tage später versammelten sich 40 000 Menschen zum Protest »gegen Bildungs- und Sozialabbau« in Bonn. Zahlreiche Politiker stellten sich mehrstündigen Diskussionen im überfüllten JLU-Audimax. Weil sich Verbesserungen abzeichneten und den Kommilitonen möglichst nicht ein ganzes Semester verloren gehen sollte, wurde der Streik Anfang Dezember beendet.

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