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Rollenspiel: Stephan Opitz (l.) liest Marcel Reich-Ranicki, Joachim Kersten (r.) seinen Briefpartner Peter Rühmkorf. (Foto: juw)

Geliebte Feinde im Briefwechsel

Der Briefwechsel zwischen Marcel Reich-Ranicki und Peter Rühmkorf wurde im Literarischen Zentrum vorgestellt. Mit Stephan Opitz und Joachim Kersten waren profunde Kenner der Materie und glänzende Vorleser im Einsatz.

In seiner Autobiografie "Mein Leben" erwähnt Marcel Reich-Ranicki den Schriftsteller Peter Rühmkorf nur am Rande. Das lässt nicht gerade auf eine intensive Beziehung zwischen dem Literaturkritiker und dem Lyriker schließen. Und doch gab es sie. Jahrzehntelang arbeiteten und stritten sie miteinander, vor allem seit Rühmkorf ab 1974 Rezensionen für die "Frankfurter Anthologie" verfasste, die Reich-Ranicki in der "FAZ" herausgab. Dabei ist ein reger Briefwechsel entstanden, der nun im Literarischen Zentrum vorgestellt wurde. Er enthält die wechselvolle Beziehung zweier schwieriger Geister. Die 287 Briefe, die im Verlauf von mehr als drei Jahrzehnten zwischen Hamburg und Frankfurt wechselten, sind nun im Wallstein-Verlag erschienen: Für die beiden Protagonisten nicht nur "Früchte der Zuneigung", sondern oft genug "abgeschossene Pfeile". Sie erzählen von gegenseitigem Respekt, einem beinahe freundschaftlichen Verhältnis, aber auch stetiger Kritik. Dann der große Krach, langjährige Fehde, schließlich Versöhnung.

Mit Stephan Opitz und Joachim Kersten waren nicht nur profunde Kenner der Materie ins Literarische Zentrum gekommen, sondern auch glänzende Vorleser, die mit sichtlicher Freude und sicherem Gespür die Untertöne und Subtexte der Briefe herauspräparierten. Der Rechtsanwalt Kersten ist Rühmkorfs Testamentsvollstrecker und übernahm dessen Rolle. Opitz als Herausgeber des Briefwechsels las Reich-Ranicki und schaffte es, gänzlich ohne Parodie, dessen Stimme und Tonfall in Erinnerung zu rufen.

Für die Zuhörer gab es dabei viel zu schmunzeln und zu lachen. Denn beide Briefeschreiber offenbaren sich als glanzvolle Stilisten, fast jeder Brief gerät unter ihrer Feder zum Kabinettsstück. Selbst ihre, so scheint es, liebevoll vergifteten Pfeile wissen die beiden so zu zielen, dass der Aus- und Abtausch stets auf Augenhöhe bleibt.

"Lesen Sie selbst und schütteln Sie sich", kündigt Rühmkorf da eine Arbeit über Thomas Mann an, die Abneigung des Feuilletonisten antizipierend. Ranicki lobt die "reine, schöne Kunst" Rühmkorfs, sein "ungewöhnlich originelles, schönes Deutsch", inhaltlich aber sei jeder Satz "ganz falsch". Dann weiter: "Sie bestätigen alle Vorurteile, dass ein Gespräch mit einem Lyriker eigentlich gar nicht möglich ist". Jahre später revanchiert sich Rühmkorf, indem er Ranicki kleinliches, pedantisches Versezählen vorwirft. "Sie sind wohl ein total weltfremdes Individuum, das sich nicht zurecht finden kann auf dieser Erde", kontert der Attackierte.

Doch erst Ranickis berühmter Verriss des Grass-Romans "Ein weites Feld" ließ Rühmkorf 1995 die Zusammenarbeit aufkündigen. Nach fünfjährigem Schweigen sein Friedensangebot. Das, so erfuhr man aus den Briefen, der Kritikerpapst nur im Tausch gegen eine positive Besprechung seiner Autobiografie annehmen wollte.

Ob Mahnschreiben oder Lobestelegramm: Beide Schreiber haben die Streitkultur gepflegt. Für die Zuhörer bedeutete das keine einzige langweilige Sekunde und, ja, auch literarischen Hochgenuss. Julian Wessel

Quelle: Gießener Allgemeine

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