Ganztagsbetreuung wird am meisten nachgefragt

Gießen (mö). Ganztags ist die mit Abstand am meisten nachgefragte Betreuungsform in den Gießener Kindertagesstätten. 58 Prozent oder 1187 aller Kita-Plätze werden von Familien gebucht, in denen beide Eltern berufstätig sind, was die Voraussetzung für die Inanspruchnahme eines Ganztagsplatzes ist.

Die am Donnerstagabend im städtischen Jugendhilfeausschuss vorgelegte Datensammlung zur "Entwicklungsplanung Kinderbetreuung 2011-2015" macht an vielen Stellen deutlich, welcher gesellschaftliche Wandel sich in den letzten Jahrzehnten vollzogen hat. So spielt die einst dominante Halbtagsbetreuung mit knapp 80 Plätzen (vier Prozent) kaum noch eine Rolle. Und: Fast 50 Prozent der Familien, die Kinder in eine der städtischen oder freien Betreuungseinrichtungen geben, haben einen Migrationshintergrund.

Die von den Jugendhilfeplanerinnen Christiane Keßler und Anja Frindt vorgestellten Zahlen, die die Situation der Jahre 2010 und 2011 abbilden, sollen Politik, Verwaltung und Trägern Hinweise auf die weitere Entwicklung der Kinderbetreuung geben. Was die Ausbauziele der Stadt Gießen betrifft, sind die momentan durch einen Mangel an Erzieherinnen offenbar noch nicht gefährdet. Auf Nachfrage hieß es vom Jugendamt, die Lage sei in Gießen diesbezüglich "noch nicht so kritisch". Bis zum kommenden Jahr will die Stadt bei der Betreuung der unter Dreijährigen den gegenwärtigen Versorgungsgrad bekanntlich von 32 auf dann 42 Prozent steigern. In einigen Teilen Gießens wie Süd, Rödgen und Ost ist er schon heute erreicht oder sogar höher.

Im vergangenen Jahr standen für "U3" in Gießen 500 Plätze zur Verfügung. Das entspricht binnen fünf Jahren mehr als einer Verdoppelung.

Eine gewisse Planungssicherheit gibt die recht stabile demografische Entwicklung; die Zahl der Geburten bewegt sich seit Jahren zwischen 650 und 680. Wobei die Stadt allerdings die Wanderungsbewegung im Auge behalten muss. Von den insgesamt gut 6700 Familien leben die meisten in der Innenstadt, im Norden und Osten Gießens. In 53 Prozent aller Familien lebt nur ein Kind, in 34 Prozent zwei, in nur drei Prozent mehr als drei. Über ein Drittel aller Eltern ist alleinerziehend, worunter auch Paare ohne Trauschein fallen. Sie machen aber nur fünf Prozent der Alleinerziehenden aus.

Was die Sozialstruktur jener Familien betrifft, die ihre Kinder in Betreuungseinrichtungen geben, sagt eine Statistik aus, dass in zwei Dritteln dieser Familien vorrangig Deutsch gesprochen wird. Betrachtet man nur die Migranten, verschieben sich die Prozentanteile ins Gegenteil, was einen Hinweis darauf gibt, was an Betreuung im Bereich der vielzitierten "interkulturellen Kompetenz" geleistet werden muss.

Was die Platzverteilung unter den Trägern betrifft, hatte die Stadt zuletzt mit 816 Plätzen noch knapp die Nase vorn vor den evangelischen Einrichtungen (800), denen die katholischen (597 Plätze) folgen. Hier wird es in diesem Jahr zu einer weiteren Verschiebung kommen, denn bekanntlich wird unter anderem die Kita Ederstraße von einem freien Träger übernommen. Wie Jugendamtsleiter Holger Philipp mitteilte, liegen der Stadt zwei Bewerbungen vor. Bei seiner nächsten Sitzung soll der Jugendhilfeausschuss über die Vergabe entscheiden. Was der Anteil der Träger an den verschiedenen Betreuungsformen betrifft, bilden die kirchlichen Einrichtungen und die Elternvereine das Rückgrat der "U3"-Betreuung. Die Auslastung aller Betreuungsformen lag im März vergangenen Jahres durchschnittlich bei 93 Prozent, was über "sozialräumliche" Probleme erst einmal nichts aussagt. Bei den Betreuungsformen "U3" und vor allem beim Hort liegt die Nachfrage stellenweise über dem Angebot. Der Versorgungsgrad mit Kita-Plätzen bewegt sich zwischen gut 70 Prozent in Allendorf und 123 Prozent in Rödgen und weist demnach beachtliche Unterschiede auf.

In der kurzen Diskussion des präsentierten Papiers ging es vor allem um Probleme beim Übergang von der Kinder- in die Schülerbetreuung. Diesbezüglich soll die Abstimmung zwischen Jugend- und Schulverwaltungsamt sowie dem Staatlichen Schulamt – Stichwort Gestattungsverträge – verfeinert werden. Jugenddezernentin Gerda Weigel-Greilich (Grüne) setzt weiterhin auf die "gebundenen Angebote" der Familienzentren.

In einem weiteren Tagesordnungspunkt hatte der unter Leitung von Klaus-Dieter Grothe tagende Ausschuss den Bericht zu den Hilfen zur Erziehung für den Zeitraum 2004 bis 2010 beschlossen. Danach war die Zahl der Fälle von 585 auf 497 rückläufig. Auch unter dem Kostengesichtspunkt ein Problem bleiben jene Fälle, bei denen Jugendliche einer besonders intensiven Betreuung zusätzlich durch Ärzte und Therapeuten bedürfen. Jugendhilfeplanerin Birgit Schlathölter sprach von "extrem beschädigten" Kindern und Jugendlichen, die häufig noch sehr jung (10 bis 12 Jahre alt) seien.

Quelle: Gießener Allgemeine

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare