Frauentag

»Frauen an der Spitze sind Ausnahmen«

  • Karen Werner
    VonKaren Werner
    schließen

Heute ist Frauentag. In Gießen wird er drei Wochen lang gefeiert. Ist ein solcher Tag überhaupt noch zeitgemäß? Wir haben die Stadt-Frauenbeauftragte Friederike Stibane befragt.

Frau Stibane, wir haben eine Bundeskanzlerin, eine Oberbürgermeisterin, eine Landrätin. Ist ein Frauentag überhaupt noch nötig?

Friederike Stibane: Das wird immer wieder gesagt. Sicherlich haben wir viel erreicht. Aber nur weil es eine Oberbürgermeisterin, eine Feuerwehrchefin und eine Kanzlerin gibt, heißt das nicht, dass der Weg an die Spitze allen Frauen offen steht, die dafür geeignet wären. Nur wenige bekommen diese Chancen, das sind Ausnahmen. Auf sie wird sehr geguckt. Aber Führungspositionen sind nach wie vor zu einem Großteil von Männern besetzt.

Steht denn dieses Thema bei den Frauentag-Veranstaltungen in Gießen im Fokus?

Stibane: Wir in Gießen sagen: Es ist nach wie vor nötig, um Gleichberechtigung zu kämpfen. Dabei kann häusliche Gewalt im Mittelpunkt stehen, berufliches Fortkommen, Bildung, Selbstbehauptung oder der Wunsch, mit sich selbst im Reinen zu sein ... Ich finde es toll, dass es hier so ein großes Bündnis gibt, das 30 Veranstaltungen auf die Beine gestellt hat.

Das Frauentag-Programm hat ja schon letzte Woche begonnen und dauert drei Wochen. Ist das nicht etwas zerfasert?

Stibane: Ich würde sagen: Es ist vielfältig. Ich finde es schön, dass wir so ein breites Spektrum bieten. Die eine kann sich mit Schönheitskult befassen, die andere mit Minijobs, eine dritte mit Migrantinnen in der Politik.

Es gibt ja derzeit einen Richtungsstreit im Feminismus. Manche jüngere Frauen grenzen sich stark ab von Alice Schwarzer und Co. und legen anscheinend viel Wert auf politische Korrektheit. Ist das auch in Gießen spürbar?

Stibane: Jüngere Frauen machen sich natürlich andere Gedanken als Frauen in den Fünfziger- und Sechzigerjahren. Sie reflektieren bewusst ihre Rolle. Ich empfinde sie als offen, nicht als dogmatisch. Auch junge Männer sind heute Feministen. Die Welt hat sich gewandelt, das finde ich super.

Noch mal zurück zum Sinn des Frauentags. Müsste man ihn erfinden, wenn es ihn nicht gäbe – oder begeht man ihn eher aus einer Tradition heraus wie den 1. Mai?

Stibane: Von beidem ist etwas dabei. Die Tradition ist jedenfalls sehr wichtig: Zu wissen, was unsere Mütter und Großmütter erkämpft haben. Noch vor wenigen Jahrzehnten konnte eine Frau nicht berufstätig sein und kein Konto eröffnen ohne das Einverständnis ihres Mannes. Erst letztes Jahr wurde der Grundsatz »Nein heißt Nein« für Vergewaltigungsprozesse anerkannt. Viele Beispiele zeigen: Es gibt noch viel zu tun für ein respektvolles Miteinander. Beim Frauentag geht es auch darum, über den Tellerrand hinaus und in die Vergangenheit zurückzublicken.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare