Wildvögel

Falknerei ist mehr als nur die Jagd

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Sie kommen auf Friedhöfen zum Einsatz und helfen, an Flughäfen die Gefahr von Unfällen zu minimieren. Der Gießener Veterinär Dominik Fischer betont: Die Falknerei sei mehr als nur die Jagd.

Es gibt unter Falknern diese sympathisch nüchterne Sicht auf ihre Leidenschaft: Sie entscheiden zwar, wann ihr Greifvogel losfliegt. Aber es liegt am Vogel, wann er wieder auf dem Arm des Falkners landet. Warum das Tier immer wieder zurückkehrt? Dr. Dominik Fischer kennt einige Gründe, die nichts mit verklärter Romantik zu tun haben. Er muss sie kennen: Denn der Gießener ist Vorsitzender des hessischen Landesverbandes des Deutschen Falkenordens und Veterinär an der Justus-Liebig-Universität.

Fischer sagt: "Er liebt uns nicht, aber er sieht in uns einen Jagdgefährten." Außerdem jage der Vogel immer nur in seinem Revier. Warum sollte er woanders hinfliegen? Außerdem sei der Mensch eine einfache Nahrungsquelle. Der letzte Grund, den er nennt, hat dann doch etwas mit Gefühlen zu tun. "Er muss den Falkner mögen. Sonst könnte der mit einem halben Schwein winken, der Vogel würde nicht zurückkehren."

Kulturerbe der Menschheit

Bereits vor mehreren Jahrtausenden hat der Mensch Greifvögel abgerichtet, um mit ihnen zu jagen. Spuren der sogenannten Baizjagd lassen sich bis in die Steppengebiete des alten China zurückverfolgen. Die Unesco zählt die Falknerei seit 2010 zu der Liste der immateriellen Kulturerben der Menschheit. Für Fischer ist die Faszination für Falke und Co. schnell erklärt: "Wer einmal bei einer Beiz dabei war oder einen Greifvogel bei der Suche nach Beute beobachtet hat, den packt es." Seitdem er vier Jahre alt ist, spielen Greifvögel im Leben von Fischer eine große Rolle. Seine Familie ist Besitzer des Wildfreigeheges Hellenthal in der Eifel; dort angeschlossen ist eine Greifvogelstation. "Susi war mein erstes Tier", sagt er. Sein Vater habe ihm den zehn Jahre alten Turmfalken anvertraut.

Wer Falkner werden will, muss vorher eine Jagdausbildung gemacht haben. Das geht frühestens im 16. Lebensjahr. In Hessen muss man im 18. Lebensjahr sein, um dann die Falknerausbildung zu absolvieren. Anders als bei der Jagd mit dem Gewehr, sagt Fischer, sei es bei der Beiz offen, welches Tier die Oberhand behalte. Die Chance, dass ein Greifvogel seine Beute fängt, liege bei rund 40 Prozent. Die Jagd sei aber nur ein Aspekt für Falkner: "Wer das macht, liebt die Tiere sowie die Natur und will sie schützen."

Vier heimische Arten sind unter Falknern als Jagdgenossen geläufig: Der Habicht ist der am häufigsten gehaltene Greifvogel. Eingesetzt werden auch Wanderfalken, Sperber und Steinadler. Ausgesucht werden die Tiere nicht nach der Optik, betont Fischer, sondern anhand des Jagdreviers. So braucht der Wanderfalke offene Flächen, um seine Beute zu fangen, während sich der Habicht im Wald wohlfühlt. Es gibt aber auch Alternativen zu den heimischen Arten. Fischer und seine Verlobte beispielsweise halten ein Wüstenbussardpaar. Im Gegensatz zu ihren hier ansässigen Verwandten jagen die in Amerika heimischen Greifvögel in der Gruppe.

Falkner dürfen ihre Tiere nicht irgendwo fliegen lassen. Sie müssen entweder selbst eine Fläche pachten oder sind Gast im Revier eines anderen Jägers. Häufig werden Falkner aber auch beauftragt, mit ihren mit einem Sender versehenen Tieren zu jagen. Und zwar dort, wo ein Gewehr nicht eingesetzt werden darf. Zum Beispiel von Unternehmen oder Behörden. Fischer nennt als Einsatzorte in Gießen Friedhöfe, auf denen sich zu viele Kaninchen tummeln, das Universitätsgelände oder Parkanlagen. Die Greifvögel werden aber auch gezielt an Startbahnen von Flughäfen eingesetzt. Dort helfen sie, Unfälle von Flugzeugen mit Vögeln zu minimieren.

In Zukunft, sagt Fischer, werden auch Nilgänse ein Thema für Falkner werden. Es gäbe bereits erste Badeanstalten, die sich über die Tiere beschwerten. In Holland, erzählt der Veterinärmediziner, wurde die Jagd auf Gänse auf Druck der Tierrechtsorganisationen verboten; stattdessen werden sie nun vergast und entsorgt. Er schüttelt mit dem Kopf. "Wie sinnlos. Jedes jagdlich erlegte Tier wird entweder vom Greifvogel gefressen oder vom Falkner verwertet."

Von Falknern trainierte Tiere sind Saisonjäger. Während der Brut- und Setzzeit ihrer Beutetiere befassen auch sie sich meist mit ihrem Federkleid und der Fortpflanzung. Wenn sie ab Herbst wieder auf Beutezug gehen, machen sie das drei bis vier Mal in der Woche. Pro Jagd fangen sie höchstens zwei bis drei Tiere; meist die Jungen, die Alten oder die Schwachen. Das sind keine hohen Zahlen, sagt Fischer. Aber die Greifvögel würden dabei helfen, einen Tierbestand - wie von Kaninchen - langfristig zu regulieren.

Gehalten werden die Tiere entweder in großen Volieren oder an einer Flugdrahtanlage. "Es ist für Menschen schwer zu begreifen", sagt Fischer, "aber Greifvögel brauchen einen Grund, um zu fliegen." Wie Löwen seien sie Raubtiere, die die meiste Zeit des Tages Energie sparen. In die Luft gehen würden sie nur, um Nahrung zu erbeuten, das Revier abzufliegen und zur Partnersuche.

Apropos Fortpflanzung. Den Falknern sei es mit zu verdanken, sagt Fischer, dass viele Greifvögel heute nicht mehr vom Aussterben bedroht seien. In den 60er und 70er Jahren habe die Gefahr durch den Einsatz von Pestiziden in der Landwirtschaft sehr wohl bestanden: Die Schlupfrate bei den Tieren sei massiv eingebrochen. Erst durch die Nachzucht und Auswilderung von 1100 Wanderfalken habe sich deren Bestand in Deutschland stabilisiert - und Hessen habe dabei eine zentrale Rolle gespielt.

Wichtig ist Fischer die Rehabilitation von verletzten Wildvögeln - wenn sie zum Beispiel nach Starkregen oder einem Sturm aus dem Nest gefallen sind. Sie werden dann, erzählt Fischer, im Idealfall wieder ins Nest der Elterntiere gesetzt. Ist dies nicht möglich, würden sie auch von Adoptiveltern, also andere Artgenossen, versorgt. "Altvögel zählen ihre Brut nicht", sagt Fischer. Falkner würden auch dabei helfen, verletzten und kranken Jungtieren beizubringen, was sie fressen und wie sie ihre Beute jagen können, um sie dann wieder auszuwildern.

Falkner sind auch Ansprechpartner für die Wissenschaft. So helfen sie an der Uni Gießen dabei, Krankheitserregern auf die Spur zu kommen, die Greifvögel befallen. Deutschlandweit unterstützen sie Artenschutzprojekte und Initiativen zum Schutz von Rebhuhn und Feldhase. Dennoch gibt es Aktivisten, die Falknern vorwerfen, die Greifvögel zu unterwerfen, in Käfige zu sperren und als Statussymbol zu missbrauchen. Fischer widerspricht dem entschieden und erklärt: "Wir haben doch ein gemeinsames Ziel", sagt er. "Greifvögeln und Wildtieren soll es besser gehen." Falkner seien bereit, mit anderen Naturschützern und Wissenschaftlern zusammenzuarbeiten. Denn die Falknerei, betont Fischer, sei mehr als nur die Jagd. (Foto: Sylvia Urbaniak)

Quelle: Gießener Allgemeine

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