Dr. Erhan Basad informierte über kranke Kniegelenke

Gießen (if). Das Knorpelgewebe im Knie, so erfuhren die Zuhörer einer Seniorenvorlesung am Gießener Klinikum, ist kaum regenerierbar, weil es fast nicht teilungsfähig und kaum durchblutet ist.

Was haben der Gletschermann "Ötzi" und die amerikanische Schauspielerin Jane Fonda gemeinsam? Die "Aerobic Queen" der 80er Jahre hat es unlängst am Rande einer Benefiz-Gala in Berlin verraten. "Ich werde nur noch durch ein Kunstgelenk zusammengehalten", scherzte die mittlerweile 70-Jährige. Sie litt, wie schon der Gletschermann vor 5000 Jahren, an einer "Gonaerthrose" und hat jetzt ein künstliches Kniegelenk bekommen.

Allein im Vorjahr sind in Deutschland neben 157 000 künstlicher Hüften 156 000 Kniegelenksprothesen implantiert worden. Dabei drängt sich die Frage auf: Ist es nicht möglich, beispielsweise durch Maßnahmen der modernen "regenerativen Medizin", diese enorme Zahl zu reduzieren oder zumindest den Zeitpunkt eines Gelenkersatzes hinauszuzögern- oder ist die Gelenkzerstörung, wie es scheint, schicksalhaft, sobald erst einmal - in der Regel unbemerkt - Schäden, mechanisch oder durch Überlastung bedingt, am Gelenkknorpel aufgetreten sind?

Dass sich diese Frage zahlreiche Betroffene offenbar schon selbst gestellt haben, zeigte der bemerkenswert große Zuspruch der jüngsten "Seniorenvorlesung" im großen Anatomiehörsaal mit älteren, sportlich wirkenden Herren in der Überzahl. Eingeführt durch den Direktor der Orthopädisches Universitätsklinik, Prof. Henning Stürz, vermittelte in der folgenden Stunde mit Dr. Erhan Basad ein Experte die Probleme, die die Therapie von Knorpelschäden aufwirft: Der Leitende Oberarzt der Uni-Orthopädie beschäftigt sich seit Jahren mit diesem Thema.

Das Knorpelgewebe, so erfuhren dabei die "Hörer mit Silberhaar", das die Funktion eines Stoßdämpfers hat, ist kaum regenerierbar. Interessanterweise hat sich mittlerweile, wie Professor Stürz bemerkte, zusätzlich ein neuer Aspekt ergeben: Offenbar wirken bereits schon erste , unbemerkte Knorpelschäden über die von der Gelenkinnenhaut gebildete "Gelenkschmiere" und die darin gelösten Abbauprodukte beschleunigend auf den Zerstörungsprozess.

So mancher stolze Marathonläufer, fit und um die Fünfzig, weiß nicht, was sich in seinen Kniegelenken bereits abspielt. Selbst das Röntgenbild ist "stumm": Klarheit wäre nur über eine Arthroskopie - die Inspektion des Gelenks - und die bildgebende Kernspintomographie zu gewinnen. Wüsste er es, würde der Läufer vermutlich fortan auch auf eine Zigarette verzichten. Auch sie steht, übrigens auch wie Diabetes, im Verdacht eines Beschleunigungsfaktors.

Basad schilderte die über ein halbes Jahrhundert zurückreichenden Behandlungsansätze zur "Reparatur" des Gelenkknorpels bis hin zur mit hohen Kosten und kurzer Operation verbundenen "Transplantation" einer Suspension körpereigener vermehrter Knorpelzellen oder der Übertragung solcher über einen "auf Ma? zugeschnittenen Zellträger - ein Verfahren, das als "MACI" maßgeblich in der Gießener Orthopädie mitentwickelt wurde. Ein anderes Verfahren - ebenfalls für lokale Knorpelschäden bestimmt, ist die "Mosaikplastik", bei der aus wenig belasteten Bereichen des Gelenks gewonnene Knorpel-Knochenzylinder in die Schadstellen eingepasst werden. "Zwar niedrigere Kosten, aber nur begrenzt verfügbares Material mit Defekten an der Entnahmestelle" lautet dazu der Befund: Es wird dabei gesunder Knorpel geopfert.

Vorbeugend wirkt eine "Achskorrektur" auf bereits in jungen Jahren programmierte Knorpelschäden. Was schließlich die breite Palette konservativer Ansätze angeht, von Medikamenten bis hin zu angepriesenen Nahrungsergänzungsstoffen: Fragen über Fragen dazu bestimmten den abschließenden, lebhaften Dialog der Hörer mit Dr. Basad und Professor Stürz. Dabei erhob sich auch beispielsweise die Frage nach dem Nutzen einer Magnetfeldtherapie. "Keine Therapie, mit der man den Knorpel wiederherstellen kann", nahmen dazu die Hörer als Antwort mit nach Hause.

Der Leiter der Kerckhoff-Klinik für Rheumatologie in Bad Nauheim, Prof. Ulf Müller-Ladner, wird die Reihe der Seniorenvorlesung am 8. Dezember fortsetzen und die oft gestellte Frage beantworten: "Was ist eigentlich Rheuma?".

Quelle: Gießener Allgemeine

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare