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Mit Schattenriss am Boden: Die "Traum"-Formation hebt ab.

Einer tanzt immer aus der Reihe

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Sie meiden ausgetretene Pfade. Sie suchen nach Neuem. Sie leiden. Was die "Rebellen" beim Tanzabend im Stadttheater noch alles erleben, zeigen drei virtuose Choreografien.

Rebell - Revolte - Revolution! Und darf’s auch etwas Rebellion sein? Das fragen sich die Choreografen Asun Noales, Tarek Assam und Jörg Mannes. In ihrem Tanzabend "Rebellen" gehen sie am Stadttheater auf Spurensuche. Jeder auf seine Art. Herauskommt eine spannende dreiteilige Saisoneröffnung der Tanzcompagnie Gießen. Die allzeit pulsierenden Leiber ziehen in Bann - haben aber mit Rebellion nur bedingt etwas zu tun.

Wäre da nicht Tanzdirektor Assam. Für seinen kleinen Aufrührer mit dem Titel "We Are" hat er sich von Steve Reichs erstem Satz aus "You Are (Variations)" zu einer veritablen Revolte oppositioneller Querdenker inspirieren lassen. Die Komposition des Amerikaners treibt die Tänzer voran. Sie tragen knappe Leibchen und Masken. Die Gruppe übt den zivilen Ungehorsam, einer tanzt ja immer aus der Reihe. Michael D’Ambrosio springt dazu gewaltig erst mal eine Minute solo auf der Stelle. Der beeindruckende Gleidson Vigne verwandelt sich mit Springerstiefeln, Uniformjacke und Mütze in einen General in kurzen Hosen, der sein Terrain absteckt. Die einzige Politikerin (ausdrucksstark: Magdalena Stoyanova), umgeben von Endzeitaktivisten, lässt ihn gewähren. Reichs enervierende Musik pumpt das Blut in die Adern aller Protagonisten, ehe sie am Ende Bäumchen pflanzen und es von den Zuschauern im Großen Haus für die imponierenden Ensembleszenen viel Beifall und einen lauten Buhruf gibt - von einem Rebell im Publikum.

Zu Beginn sorgt Jörg Mannes, ehemaliger Ballettdirektor der Staatsoper Hannover, mit seiner neoklassizistisch anmutenden Choreografie "Euer Traum" für einen Höhepunkt. Mannes stellt Wladimir Majakowski (1893 - 1930) in den Mittelpunkt seiner Betrachtung. Der russische Dichter wollte die Welt verändern oder wenigstens das Regime. Beides gelang ihm nicht. Mit 36 Jahren beging er Selbstmord. Zur bombastischen Orchestermusik von Dmitri Schostakowitsch reflektiert Mannes das private Schicksal Majakowskis und wählt als Titel seiner Arbeit ein Gedicht des Poeten.

Der durchtrainierte Patrick Cabrera Touman tanzt sensibel den verzweifelten Antihelden, die elegante Laura Ávila verkörpert im weißen Herrenoberhemd (Marilyn Monroe lässt grüßen) mit nackten Beinen seine Geliebte Lilja, während Tausendsassa Sven Krautwurst den Verleger Ossip gibt, dessen Ehefrau eben jene Lilja ist. Es entspinnt sich eine detailverliebte Ménage-à-trois. Julie de Meulemeester schließlich agiert als sexy Tod im weißen Anzug. Ein Oberhemd trägt sie nicht. Das hat ja schon Lilja an. Beide Damen machen letztlich dem Dichter den Garaus.

Während Mannes eine Geschichte erzählt, bleiben Assam und Asun Noales abstrakt. Die Spanierin leitet die zeitgenössische Compañia Otradanza. Sie erfindet nach der Pause das "Frühlingsopfer" neu. In Igor Strawinskys berühmtem "Le sacre du printemps" lässt sie die Story eines rituellen Opfertanzes hinter sich. Sie will in ihrem Stück "Subversive" jugendliche Kraft und spirituelle Energie aufspüren. Ihre "Fridays for Future"-Rebellen, allen voran die biegsame Maria Adriana Dornio und die unvergleichliche Caitlin-Rae Crook, tragen pastellfarbene Unterwäsche. Die 14 Tänzer der Compagnie hechten ohne Unterlass über die Bühne.

Noales teilt in ihrer Arbeit das Schicksal der 100 Jahre alten Komposition. Nach der Hälfte der Spieldauer geht ihr ein wenig die rumorende Luft aus, weshalb die Gruppenszenen in den ersten 20 Minuten imponieren und sich danach ein wenig auf rhythmische Gymnastikübungen im schattenrissreichen Dämmerlicht reduzieren. Das ebenfalls reduzierte Bühnenbild mit seinen roten Theatersesseln am hinteren Aufbau fungiert als visuelle Klammer für alle drei Stücke und stammt von Colin Walker. Die reizvollen Kostüme hat Angelika Lenz kreiert. Langer Applaus und Jubelrufe am Uraufführungssonntag vom begeisterten Publikum.

Quelle: Gießener Allgemeine

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