1. Wetterauer Zeitung
  2. Stadt Gießen

Eine ganz besondere Eröffnung

Erstellt:

Von: Karola Schepp

Kommentare

PosthumanJourney-2__2809_4c
Probenszene aus »Posthuman Journey«. © Red

Mit gleich allen drei Stücken der Trilogie »Posthuman Journey« von Pat To Yan startet das Stadttheater die Spielzeit im Großen Haus. Inten- dantin Simone Sterr und Regisseur Thomas Krupa versprechen, der Abend biete eine »Schablone für viele Dinge, die uns aktuell beschäftigen«. An diesem Freitag ist Premiere - und die Zuschauer erwartet manch Ungewohntes.

Drei Stücke an einem Abend. Ein Saal ohne die übliche Bestuhlung, aber als Ort, an dem sich Agierende und Zuschauende unmittelbar treffen. Und Theater, in dem Akteure aus allen Sparten gemeinsam als Ensemble agieren - »Posthuman Journey« wird zum Auftakt der Spielzeit im Großen Haus des Stadttheaters zeigen, mit welchem Verständnis das Haus in die neue Intendanz startet. Simone Sterr und ihr Team verstehen das Theater als einen Ort, an dem die Welt neu verhandelt wird. Und da passe Pat To Yans Trilogie als ein »Projekt, das auf vielen Ebenen funktioniert«, betont Sterr vor der Premiere an diesem Freitag.

Multimedialer Erlebnisraum

Der Hongkong-Chinese Pat To Yan war in der vergangenen Spielzeit Hausautor am Theater in Mannheim, arbeitet aktuell wieder in Hongkong. Seine nun erstmals als Trilogie gezeigten drei Stücke - »Eine kurze Chronik des künftigen Chinas«, »Eine posthumane Geschichte« und »Überall im Universum Klang« - sind konzeptionell zwar im Dreiklang gedacht entstanden, aber einzeln an unterschiedlichen Theatern uraufgeführt worden. Nun werden sie erstmals gemeinsam gespielt, denn Sterr und Regisseur Thomas Krupa sind überzeugt davon, dass sich diese »Gesamtwahrnehmung« lohnt. Eine Idee, die auch bei Autor und Verlag auf Zustimmung gestoßen ist und mit der Simone Sterr seinerzeit bei der Findungskommission für die Neubesetzung der Gießener Intendanz punkten konnte.

Nun also verwandelt sich das Stadttheater in einen multimedialen Erlebnisraum, in dem Schauspiel, Tanz und Musiktheater gleichberechtigt agieren. Wer welcher Sparte zugerechnet wird, ist unerheblich. Simone Sterr (Schauspiel) und Christian Frönzler (Musiktheater) teilen sich die Dramaturgenaufgabe. Auch die Grenzen zwischen Bühne und Zuschauerraum sind aufgehoben.

Gespielt werden die jeweils etwa einstündigen Stücke mit zwei Pausen. Besonders im ersten Teil kann sich das Publikum frei bewegen und selbst entscheiden, von welchem Blickwinkel aus es alles betrachten, hören, erleben will. Licht, Videos (von Stefano di Buduo) und die Akteure lenken dabei die Aufmerksamkeit. Musik von Hannes Strobel und Michael Emanuel Bauer vermischt abstrakte, instrumentale und elektronische Klänge. Monika Gora hat Kostüme entworfen, die den Bogen von der Gegenwart bis ins Jahr 3500 schlagen. Choreograf Raphael Moussa Hillebrand setzt den Inhalt der Szenen mit Tänzern, Sängern und Spielern auf körperliche Weise fort. Der von Jan Hoffmann einstudierte Chor ist dabei, ebenso ein Streichensemble.

Wie in einer Art »moderne Orestie« (Krupa) geht es in »Posthuman Journey« um eine im Stil des magischen Realismus beschriebene Reise durch Zeit und Raum, vom Planeten Erde in andere Territorien, von diktatorischen Staatssystemen in demokratische Utopien. »Posthuman Journey« will die Zuschauer dazu einladen, in Geschichten »einzutauchen«, »immersive Räume« zu erleben und aus verschiedenen Blickwinkeln auf die Welt zu schauen.

Wilde Reise durch Raum und Zeit

Im ersten Teil, den Pat To Yan unter dem Eindruck des brutal niedergeschmetterten Aufstands in Hongkong von 2019 geschrieben hat, gelangt ein Wesen aus der Zukunft auf die Erde, auf der die Gesellschaft demokratische Rechte aushebelt. Es sammelt Geschichten über Flüchtende und Anpassungsfähigkeit, die einmal in einem Theater erzählt werden könnten. Im zweiten Stück - »das ist der politischste Teil« (Krupa) - geht es um künstliche Intelligenz, Krieg und die rasante Entwicklung der Menschheit. Ein Paar bekommt einen Sohn. Dessen fehlenden Po ersetzt ein Cyberpo, der zwar hochintelligent ist, aber das Kind rapide altern lässt. Die Eltern suchen zu erkunden, warum sie dieser Fluch getroffen hat. Der dritte Teil (der habe »Oratoriencharakter«, sagt Krupa) spielt schließlich auf einem fernen Planeten, der zusammen mit seinen Bewohnern eine Transformation durchmacht. Und am Ende schaut das Publikum, das Teil eins wie auf einer Straße und Teil zwei wie auf einem öffentlichen Platz erlebt hat, durch eine Art Fenster in das Universum.

Auch interessant

Kommentare