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Mit Cindy Crawford fängt es an

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Von: Christoph Hoffmann

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In den 90ern erlebte das Piercing eine Renaissance – und ebnete die Karriere von Manfred und Tanja Jäntsch. Heute gehört ihnen das deutschlandweit größte Piercing-Unternehmen. Es sitzt in Gießen.

Über dem Eingang von Tanjas Piercingstudio prangt eine Banane. An der Spitze ist sie von einem Ring durchstoßen. Ein Logo, das schmerzt. Trotzdem haben sich in der Wolkengasse schon Tausende Gießener Löcher in den Körper stechen lassen. Auch an diesem Nachmittag streift eine Gruppe junger Leute durch den Laden und inspiziert den Inhalt der Vitrinen. Manfred und Tanja Jäntsch haben derweil im Büro Platz genommen. Neben dem Geschäft in Gießen betreiben sie noch Filialen in Frankfurt, Wiesbaden und Marburg. »Das macht uns zum deutschlandweit größten Piercing-Unternehmen«, sagt Manfred Jäntsch. Doch bis dahin war es ein weiter Weg.

An Schweinefleisch geübt

Kennen Sie das Musikvideo zu »Cryin’« von Aerosmith? Alicia Silverstone räkelt sich darin in einem Cabrio. Bauchfrei. Und mit einem Piercing durch den Nabel. Der metallische Stift sorgte 1993 für einen regelrechten Piercing-Hype. Doch es war nicht Silverstone, die die Jäntschs auf den Zug aufspringen ließ, sondern ein anderer Superstar. »Ich war damals Betriebsleiter bei Universal Pictures und habe Cindy Crawford begleitet. Eine Frau aus ihrer Entourage hatte hier ein Piercing«, sagt Manfred Jäntsch und tippt an seine Augenbraue. »Da habe ich zu meiner Frau gesagt: Das müssen wir auch machen.«

Tanja Jäntsch war für den Job prädestiniert. Als gelernte Arzthelferin kannte sie sich nicht nur mit Hygiene aus, sie konnte auch Blut sehen. Als ihr damaliger Mann, heute leben die beiden getrennt, sie vom Piercen überzeugen wollte, war sie dennoch skeptisch. »Ich kannte das nicht, hatte das zuvor nur mal im Fernsehen gesehen.« Trotzdem ließ sich die heute 49-Jährige überreden – und übte erstmal an einem Stück Schweinefleisch.

In Schmuck investiert

Ihr erstes Piercing am Menschen, ein Ring durch die Augenbraue, stach sie dann in ihrer Wohnung. »Das ging dann relativ schnell durch die Decke. Also sind wir umgezogen.« Manfred Jäntsch hatte seinerzeit eine Videothek in der Grünberger Straße. Und so räumte er einige Regale zur Seite und richtete eine Piercing-Fläche ein. Erst zwei Quadratmeter, dann vier, irgendwann waren es 100. »Als ich dann von dem leerstehenden Geschäft in der Wolkengasse erfuhr, haben wir zugeschlagen.«

Die Jäntschs wussten: Um erfolgreich zu sein, mussten sie sich von der Szene lösen. Und dafür sorgen, dass die Kunden nach dem ersten Stich auch wiederkommen. Also investierten sie vor allem in Schmuck. »Heute haben wir insgesamt 140 Vitrinen davon«, sagt Manfred Jäntsch. Auch das Klientel habe sich geändert, fügt seine Geschäftspartnerin an und erzählt von den vielen Mädchen, die sich in der Wolkengasse die ersten Ohrlöcher stechen ließen. »Da fließen schon mal Tränen«, räumt die 49-Jährige ein. Aber spätestens beim anschließenden Blick in den Spiegel sei der Schreck vergessen.

Heute hat das Tattoo dem Piercing längst den Rang abgelaufen. Tätowierte Arme sind angesagter als Ringe in der Nase. »Natürlich haben wir nicht mehr so viele Kunden wie in den 90er Jahren«, sagt auch Tanja Jäntsch. Aber es kämen immer noch genügend – wenn auch mit anderen Wünschen als vor 20 Jahren. »Früher war es nur Bauch, Bauch, Bauch. Dann kam die Lippe. Später dann das gedehnte Ohrläppchen. Heute haben wir viele Kunden, die ein Piercing durch das Septum wollen, also die Nasenscheidewand.«

Kein »Prinz Albert«

Was Menschen antreibt, sich ein Loch in den Körper stechen zu lassen? Vermutlich genau das selbe wie vor Tausenden von Jahren: Die Abgrenzung von der Masse. Früher vor rivalisierenden Stämmen, heute vom Mainstream. Und auch der schmückende Aspekt ist Grund für die schmerzhafte Prozedur.

Apropos Schmerz: Was hat es eigentlich mit dem Logo auf sich? Manfred Jäntsch lacht: »Wir wollten es schon mehrfach ändern, weil es nicht mehr unserem seriösen Charakter entspricht. Unsere Berater haben uns aber abgeraten. Der Wiedererkennungswert ist einfach zu hoch.« Dabei ist es nicht mal sonderlich aussagekräftig. Denn Risikopiercings durch die Eichel, auch »Prinz Albert« oder »Ampallang« genannt, werden in der Wolkengasse nicht gestochen. Jäntsch lächelt: »Für so etwas gehen die Männer in ganz andere Länden.«

Zusatzinfo

Nicht ohne Risiken

Das Stechen eines Piercings birgt Gefahren. Viren oder Bakterien können in die Wunden eindringen und Entzündungen verursachen. Schlimmstenfalls müssen die Betroffenen operiert werden. Wer sich piercen lassen möchte, sollte daher auf strenge Hygiene achten und sich vorab ausführlich über die Risiken informieren.

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