Büchner-Preisträger Wilhelm Genazino liest bei Thalia

Der Schriftsteller stellt aus seinem neuesten Buch "Idyllen in der Halbnatur" nur scheinbar alltägliche Begebenheiten vor. Bereitwillig beantwortet er Publikumsfragen.

Keine unterhaltsam-leichte, vielmehr anspruchsvolle, zum Nachdenken anregende Texte las Wilhelm Genazino am Donnerstagabend in der Thalia-Buchhandlung. Der Büchner-Preisträger präsentierte seinen neuen Essayband "Idyllen in der Halbnatur". Im zu Beginn vorgetragenen Text "Der verlorene Schuh" ging es um eine scheinbar alltägliche Begebenheit. Genazino beleuchtet, was dahinter steht, wenn Menschen sich von Kleidungsstücken trennen und lässt seine Fantasie schweifen: Ein betrunkener Mann verliert einen Schuh, ohne es zu merken, eine Frau erlaubt sich auf der Party einen Spaß. Herumliegende Schuhe seien wie "kleine Denkmale, die uns erinnern, nicht vom rechten Weg abzukommen". Man entwickele zu solchen Gegenständen ein persönliches Verhältnis; verlassene Schuhe stießen auf Befremden, lieber lasse man sie liegen.

Der zweite Text, den Genazino vortrug, nahm eine weitere scheinbar gewöhnliche Situation zum Ausgangspunkt für philosophische Betrachtungen. Szenerie ist hier der Savignyplatz in Berlin. Der Erzähler holt sich dort eine Bratwurst mit Brötchen und schlendert an den Schaufenstern vorbei. Ängstlich wird er von einem Buchhändler beäugt und isst die Wurst schnell auf. Dann betritt er den noblen Laden, sagt statt "darf ich mich hier ein bisschen umschauen" versehentlich "rumsauen". Eine Situation entsteht, die kaum peinlicher sein könnte. Derartige Versprecher zeigen für den Autor eine Diskrepanz zwischen dem Sprachzentrum und dem, was man sich eigentlich vorstellt zu sagen.

Anders verhalte es sich etwa bei einer laut redenden obdachlosen Frau, bei der man nur mit einigem Aufwand aus den hemmungslosen Wortfragmenten rekonstruieren könne, was sie ausdrücken will. Hier gibt es folglich die erwähnte Diskrepanz nicht mehr, die Rede ist vielmehr zerstört. Der Essay machte anschaulich sprachliche Grenzen deutlich beim Prozess von Empfindungen zu Gedanken.

In "Der Ernstfall Langeweile", einem weiteren kürzeren Text, beobachtet der Erzähler Prostituierte und Freier im Amsterdamer Bordellviertel und erkennt darin eine "öffentlich verödete Sexualität".

Langeweile greift auch bei einer Reisegesellschaft im Zug um sich bei einem außerplanmäßigen Halt. Ebenso scharfsichtig wie ironisch beschreibt Genazino, wie die Leute auf ihrem Ausflug aus dem psychischen Gleichgewicht geraten, in dieser Situation unter der inneren Leere leiden, gar Angst bekommen.

In "Der Kampf gegen die eigene Biographie" schildert der Autor Erlebnisse eines Kindes auf dem Rummel; als dieses der Mutter davon später berichtet, neigt es zu Vereinfachungen, nimmt es mit der Wahrheit nicht genau. Von dort aus schlägt Genazino eine Brücke zu Lügen bei Erwachsenen. Man lüge oft, weil man nicht zugeben könne, wie merkwürdig die Wirklichkeit für einen sei. Offenkundig sei eine Doppelmoral – die große Mehrheit der Erwachsenen lüge ständig und bringe den Kindern bei, dies nicht zu tun.

Während sich in der Kindheit im Lügen Lebensnot widerspiegele, steigere sich diese Verhaltensweise bei reifen Menschen zur Kunst; sie verbögen den Lebenslauf, weil sie nicht zufrieden damit seien. Recht kritisch schien das Fazit: Alltagslügner seien Spieler, die den richtigen Bezug zu sich selbst verloren hätten. Zum Abschluss trug Genazino noch seine Dankrede für den Rinke-Sprachpreis vor und beantwortete bereitwillig Publikumsfragen. Sascha Jouini

Quelle: Gießener Allgemeine

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