+
10 000 Bücher hat Annemarie Zellmer im Angebot. Die Inventarliste hat sie nicht im Computer, sondern im Kopf gespeichert. (Foto: Schepp)

Bücher-Paradies für Leser und Sammler

Gießen-Wieseck (jri). Seit zehn Jahren betreibt Annemarie Zellmer das "Antiquariat am alten Lindenplatz" in Wieseck. Das teuerste Buch, das die 74-jährige ehemalige Buchhändlerin bisher verkauft hat, ging für 3400 Euro weg.

Das wertvolle Exemplar war das "Hohe Lied Salomo", eine in nur 50 Exemplaren erschienene, prächtig illustrierte Sonderausgabe des Bibeltextes, in dem ein junges Paar zärtlich die Liebe preist. Einen Erlös von immerhin gut 2000 Euro strich Zellmer für eine achtbändige Ausgabe von "Goethes gesammelten Werken" aus dem Jahr 1795 ein. "Mit dem Antiquariat habe ich nach Ende meines Berufslebens eine Beschäftigung gefunden, die mir viel Spaß macht und über die ich sehr froh bin", sagt sie. Den zehnten Geburtstag ihres Bücherparadieses, eingerichtet in ihrem Wohnhaus in der Rabenauer Straße 4, feierte sie am vergangenen Wochenende mit Kunden, Freunden und Nachbarn.

Wer das kleine Häuschen betritt, dem strömt sofort der charakteristische Duft von alten Büchern in die Nase. Von Thomas Mann bis Tucholsky, von Gottfried Keller bis Kleist, vom Kinderbuch bis zum Konversationslexikon findet sich in den Regalen eine bunte Auswahl der unterschiedlichsten Werke. Über 10 000 stehen zur Auswahl. Eine Inventarliste darüber, welche Bücher sie besitzt, hat Zellmer nicht im Computer, sondern im Kopf gespeichert.

Ihre Kunden teilt Zellmer in zwei Kategorien ein: Leser und Sammler. Während im persönlichen Verkauf vor Ort in Wieseck meist die übliche "Feld-Wald-Wiesen-Literatur" nachgefragt wird und die Menschen das kaufen, was sie gerade spontan lesen wollen, erfüllt sie für Sammler auch außergewöhnliche Wünsche. Sie recherchiert und kauft in der Regel im Internet, aber auch bei Haushaltsauflösungen.

Dabei ist sie inzwischen wählerisch geworden, nachdem sie einige hochwertige Sammlerbibliotheken erwerben konnte. "Ich kaufe nicht mehr alles, schließlich muss ich die Bücher ja auch in meine Wohnung tragen, und das fällt mir mit den Jahren schwerer", schmunzelt sie. Als Schwerpunkt hat sich regionale Literatur herausgebildet: Die hessische Heimat in Geschichte, Brauchtum und Mundart. Wirklich wertvolle Bücher verkauft die leidenschaftliche Antiquarin aber nicht selbst, sondern über ein Berliner Auktionshaus, das die kostbaren Druckerzeugnisse in ihrem Auftrag versteigert. Das Wissen über den Wert des Lesestoffes hat sich Zellmer im Laufe der Jahre angeeignet – das musste sie erst lernen, "als Buchhändlerin verkauft man schließlich neue Bücher und nicht alte."

Ihr ganzes Leben lang ist Annemarie Zellmer Buchhändlerin gewesen. Schon ihr Vater betrieb die Bindernagel’sche Buchhandlung in Friedberg. Nach Wieseck kam die Mutter dreier Kinder im Jahr 1972, weil ihr Mann – der vor drei Jahren starb – Leiter des Rechtsamtes in der Kreisverwaltung wurde. Nach Erreichen des Rentenalters gründete Zellmer ihr Antiquariat, eine analoge Oase in der zunehmend digitalen Bücher-Wüste, in der E-Books oder Internet-Händler wie Amazon den "Buchhandlungen zum Anfassen" das Grab schaufeln. "Die goldenen Zeiten im Buchhandel, die gab es früher mal", erinnert sie sich. Doch inzwischen habe sich das Leseverhalten geändert, meint sie. Vor allem junge Menschen lesen weniger als früher. Das Bücherregal im Wohnzimmer – einst ein ganz selbstverständliches Möbelstück – sei aus vielen Familien verbannt worden.

Was sie selbst am liebsten liest? "Je älter ich werde, desto kürzer wird die literarische Form, die ich mag", lächelt sie. "Lyrik und Gedichte, Erzählungen. Auf gar keinen Fall dicke Schinken."

So lange es ihr noch Spaß macht und die Gesundheit es zulässt, will sie das Antiquariat – das Dienstag bis Donnerstag von 10 bis 13 Uhr und von 15 bis 18 Uhr sowie nach Vereinbarung geöffnet ist – weiterführen. Zellmer dankt dabei ausdrücklich ihren Nachbarn rund um den Albert-Osswald-Platz in Wieseck, von denen sie viel Unterstützung erhält, etwa kürzlich bei den Vorbereitungen zu dem Geburtstagsfest ihres Antiquariats.

Dass Annemarie Zellmer verkaufstüchtig ist, weiß nun übrigens auch der Fotograf dieser Zeitung: Er wollte die Wieseckerin eigentlich nur kurz ablichten, verließ aber dann ihr Antiquariat mit 15 Euro weniger im Geldbeutel und trug stattdessen drei Foto-Bildbände unter dem Arm.

Quelle: Gießener Allgemeine

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare