Vom Blatt zum Blättern

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Neun Studentinnen der Kunstpädagogik haben sich im Wintersemester 2018/19 im Projektseminar unter Leitung von Sylvia Matzke mit dem Thema Buchkunst und Künstlerbücher auseinandergesetzt. Die Ergebnisse sind nun im Ausstellungsraum der Unibibliothek zu sehen.

Buchkunst als eigenständige Ausdrucksform kam in den 1970er Jahren auf, bedeutete damals auch eine Abkehr von Kunstinstitutionen und dem Kunstmarkt. Obwohl Buchkunst auf den beiden Dokumentas 1972 und 1977 eine eigene Sektion erhielt, konnte sich diese Kunstform nicht durchsetzen. Sie befindet sich quasi zwischen den Stühlen, weder Museen noch Bibliotheken sammeln sie, allenfalls Spezialisten wie das Klingspor-Museum in Offenbach.

Interessanterweise ist die aktuelle Ausstellung des Instituts für Kunstpädagogik (IfK) in der Unibibliothek innerhalb kurzer Zeit bereits die dritte in Gießen, die sich der Buchkunst widmet. In der UB waren zuvor die Künstlerbücher der Gießenerin Hella Nohl zu sehen und beim Kunstverein im Juni 2018 die Buchobjekte von Anja Harms und Eberhard Müller-Fries. Vielleicht wird diese Ausdrucksform ja derzeit neu entdeckt.

Heute um 18 Uhr Vernissage

Das Buch als künstlerischer Ausdruck bedeutete für die neun Seminarteilnehmerinnen offensichtlich die Fokussierung auf den privaten Bereich. Und doch unterscheiden sich die Ergebnisse auf faszinierende Weise voneinander. Svenja Brinckmann hat einen Monat lang, immer wenn eine (damit beauftragte) Bekannte sie anrief, zu Stift und Papier gegriffen, hat gezeichnet was ihr gerade in den Blick fiel. Egal, wann und wo sie war. All die verschiedenen Papiere und Kartons, auch abgerissene Zettel, hat sie mit Datum versehen und zum Buch verklebt; dazwischen dünne, aber blickdichte Zwischenblätter.

Jenny Giesbrecht erinnerte sich an ein Spiel ihrer Kindheit, als sie Magazintexte mit dem Stift durchwanderte, wodurch zeichnerische Labyrinthe entstanden. Das hat sie nachempfunden und künstlerisch variiert: durch Einbrennen und Ausschneiden, Überkleben und Übermalen.

Carolin Käs liebt offenbar Blumen und ihre Familie. Im Verfahren der Lithografie hat sie querformatige Blätter nach und nach weiterbedruckt, sodass eine bunte Pflanzen- und eine große Menschenfamilie entstanden.

Lina Marie Katz fand Dias ihres Großvaters, auf denen Architekturfotografie zu sehen ist. Diese hat sie analog entwickelt und mit eigenen Fotografien kombiniert. Ein fast grafisches Buch mit Rastern und Mustern ist daraus geworden. Joline Müller-Thümen hat ein Jahr der Verluste hinter sich, ihr Großvater und ihre Katze sind gestorben, wie man den Fotografien entnehmen kann. Vor allem aber die Trennung von ihrem Freund hat sie sehr gründlich bearbeitet, in Wort und Bild, und das gleich in zwei Alben.

Madeleine Schneider hat im Bekanntenkreis herumgefragt, was für die Einzelnen Stress bedeutet, in welcher Form er sich ausdrückt. Die kleine soziologische Erhebung hat sie in ein selbst gestaltetes Buch mit Leineneinband und Prägedruck überführt. Das extreme Querformat erhielt vier Ringbuchhalterungen zum Einheften der Ergebnisse. Die gedruckten Worte auf Pergamentpapier überlagern einander, auch symbolisch, die Originalzettel hängen an der Wand. Thi Vankhanh Tran hat ein Traum-Tagebuch auf Stoff gestickt und mit Leuchtstift geschrieben. In einem kleinen Zelt lässt sich das bei Kunstlicht betrachten.

Olivia Wissel hat eine psychologische Erkenntnis bildnerisch umgesetzt: "Kristalline Intelligenz" ist das Wissen, das Menschen über Lesen und Bücher erwerben. Auf der Oberfläche sind ihre Bücher bunt, dann sinken sie tiefer ein und werden zwar farblos, bilden aber die tief liegende Wissensbasis. Das wird in ihrem Objekt anschaulich durch den Glaskasten darunter. Zoe Ziegler stammt aus einer Patchwork-Familie und hat versucht ihren komplizierten Familienstammbaum in einem Mehrfach-Leporello sichtbar zu machen: mit Zeichnungen, Namensfolgen und einem Erzähltext.

In den ausliegenden Kunstbüchern darf geblättert werden, aber nur mit den weißen Handschuhen, die am Eingang zum Überstreifen liegen. Das Betrachten und Sich-Vertiefen ist noch bis 23. Juni möglich. Ein Katalog liegt vor. Vernissage ist am heutigen Mittwoch um 18 Uhr.

Quelle: Gießener Allgemeine

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