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Autor Charly Weller, Superstar Til Schweiger und Moderator Ralf Kramp (v.l.) werden den Sonntagabend im Gießener Kinopolis in unterschiedlicher Erinnerung behalten.

Ein Autogramm und blöde Sprüche

Gießen (mac). 15 Euro Eintritt, vielleicht ein Autogramm oder ein Selfie und viele blöde Sprüche. Mehr als das dürfte von der Lesung von Superstar Til Schweiger am Sonntag im Kinopolis nicht übrigbleiben. Nach 64 Minuten war der letzte Abend des Gießener Krimifestivals beendet. Es war ein unwürdiger Abschluss.

Um 21.04 Uhr staunte sogar die Bedienung an der Getränketheke. "Schon fertig?" So schnell hatte auch das Personal im Kinopolis nicht mit dem Ende der Lesung von Til Schweiger gerechnet. Doch nach 64 Minuten war der als Höhepunkt des Gießener Krimifestivals angekündigte letzte Abend der Reihe schon wieder vorbei. Er wäre noch kürzer geworden, wenn er nicht durch die unpassende musikalische Begleitung von Autorengattin Ritchie Weller und Kollegen künstlich in die Länge gezogen worden wäre.

Immerhin zeigten sich die Kino-Angestellten professionell. Berufskleidung zuppeln, lächeln und weiter geht es! Dann eben früher als geplant.

Ein wenig von dieser Einstellung hätte vor allen Dingen auch Autor Charly Weller gutgetan, aus dessen Buch "Finsterloh" am Sonntag von seinem langjährigen Kumpel Schweiger vier Kapitelchen vorgelesen wurden. Bei allem Verständnis für das Feilen am Image: Für so viel Allüren steht beim Autor unterm Strich viel zu wenig Star.

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Statt die Fragen des bemühten Moderators Ralf Kramp ordentlich zu beantworten, ließ Weller ihn wortkarg ins Leere laufen und klopfte blöde Sprüche. "Es ist schwer, euch etwas zu entlocken", sagte Kramp dann irgendwann – und gab auf.

Wer zu einer Lesung von Schweiger geht, erwartet sicher keinen begnadeten Vorleser und selbstverständlich auch keine große Literatur. Schweiger hat am Sonntag geliefert, was man von ihm erwartet. Wenigstens der Schauspieler, Regisseur und Drehbuchautor war professionell, charmant, lokalpatriotisch und unterhaltsam. Und er hat am Ende der Lesung für alle Autogramme geschrieben. Deswegen war er da. Und deswegen waren die mehr als 450 Besucher da. Punkt. Sie wären nämlich auch gekommen, wenn Schweiger aus Thomas Mann vorgelesen hätte. Das hatte auch Kramp eingangs festgestellt.

Schweiger ist kein Vorwurf zu machen. Er las ordentlich und gab sich alle Mühe, den Text in Szene zu setzen. Bezeichnenderweise begeisterte sich das Publikum nahezu ausschließlich für Passagen in manischer Sprache und Stellen mit Lokalkolorit. So wurde gelacht über einzelne Wörter und Bezeichnungen wie "Ulai", "plotzen" und das "Schmale Handtuch".

In "Finsterloh" geht es um einen Mord in einer Gießener Altenresidenz. Ein 92 Jahre alter Bewohner wurde mit mehreren Messerstichen in die Brust ermordet. Neben der Leiche liegt eine Botschaft: "Letzte Nacht in Finsterloh". Ermittler Roman Worstedt, Kommissar mit manischen Wurzeln und hinter seinem Rücken daher oft Worschtfett genannt, muss sich mit einigen Fragen beschäftigen. Wo sind die 30000 Euro, die der Tote von seinem Sparbuch abgehoben hat? Und was hat es mit der Blutwurst auf sich, die am Vortag für ihn abgegeben wurde? Doch der Krimi ist nicht das, was bleibt.

Um es so in Weller-Manier zu beenden: "Das war nix!" Und warum? "Ei, hab ich doch gesacht: Es war halt nichts." Es war ein unwürdiger Abschluss eines tollen Festivals.

Quelle: Gießener Allgemeine

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