Amt und Auswärtsfahrten

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Beruflich stellt er Reisepässe aus, privat füllt er den eigenen mit Länderstempeln: Wenn Thomas Weber nicht gerade in einer der Zweigstellen der Stadtverwaltung die Wünsche der Bürger erfüllt, besucht er Fußballspiele auf der ganzen Welt. Weber ist Groundhopper. Von Belgrad bis Botswana hat er alles gesehen.

Nein, mit den lichtdurchfluteten und vollklimatisierten Räumen des Gießener Rathauses kann der Arbeitsplatz von Thomas Weber nicht mithalten. Er sitzt an diesem Nachmittag in seinem kargen Büro im Rödgener Bürgerhaus. Ein Ort, an dem Zahlungen noch schriftlich auf dem Quittungsblock festgehalten werden und bei Hitze bestenfalls das offene Fenster für etwas Frischluft sorgt. Das Büro von Weber ist das, was man gemeinhin als Amtsstube bezeichnen würde. "Trotzdem kann man hier die gleichen Dinge erledigen wie im Stadtbüro", betont der Verwaltungsbeamte, der nicht nur die Außenstelle in Rödgen, sondern auch jene in Allendorf und Lützellinden betreut. Weber ist also der verlängerte Arm der Stadt, der Außenposten der Bürokratie. Während er beruflich über die Gießener Dörfer tingelt, bereist er privat jedoch die ganze Welt. Oder besser gesagt: ihre Fußballstadien.

Der VfB 1900 Gießen war Webers Herzensverein. Kaum ein Spiel, das der gebürtige Gießener nicht gesehen hätte. Nach einigen Misserfolgen hatte sich der Verein wieder nach oben in die Oberliga gekämpft, durch die Verpflichtung von Uwe Bein schien sogar die 2. Liga möglich. Doch der Aufstieg misslang, die Zuschauerzahlen gingen zurück, die Kosten jedoch nicht. 2001 meldete sich der VfB 1900 dann vorübergehend vom Spielbetrieb ab – und Weber stand ohne Verein da. "Also brauchte ich ein neues Hobby." Es wurde das Groundhopping.

Groundhopper sammeln nach einem komplizierten System Stadienpunkte. Sie fahren also um die ganze Welt, um Fußballspiele zu sehen. Und Weber nahm sein Hobby ernst. 67 Länder hat er mit der Zeit bereist, bei 750 Stadien hat er aufgehört zu zählen. Wenn jemand vom Derby Schalke gegen Dortmund schwärmt, kann Weber nur müde lächeln. "Roter Stern gegen Partizan Belgrad, das ist ein Derby." Den berüchtigten Klassiker zwischen CSKA und Levski im bulgarischen Sofia hat er genauso gesehen wie das Spiel der beiden verfeindeten griechischen Teams Paok Saloniki und Olympiakos Piräus. Spiele, bei denen es im Stadion nicht nach Bratwurst, sondern Tränengas riecht.

So ausgefallen Webers Hobby ist, so geradlinig ist sein Werdegang. "Der Thomas", wie ihn viele seiner Kunden nennen, arbeitet schon seit 38 Jahren für die Stadt. "Ich habe 1980 eine Ausbildung als Verwaltungsbeamter gemacht. Danach war ich mehrere Jahre im Gießener Standesamt und anschließend noch einmal zehn in der Finanzverwaltung." Bis 1998, als ihm die Materie mit der Zeit doch zu trocken geworden war, er statt Zahlen auch mal wieder Menschen betreuen wollte. Also übernahm er die Leitung der städtischen Außenstellen, erst Allendorf und Lützellinden, seit fünf Jahren auch Rödgen. Seither können die Stadtteilbewohner bei dem 54-Jährigen nicht nur Ausweise, Meldebescheinigungen oder Führungszeugnisse beantragen, sondern auch Müllsäcke kaufen, amtliche Beglaubigungen einholen, Fischereischeine beantragen, Gewerbebetriebe anmelden oder Busfahrkarten erwerben. Und wenn er nicht gerade im Büro sitzt, schaut er im Ort nach dem Rechten, kontrolliert als Gefahrengutbeauftragter der Stadt die Ladungen von städtischen Fahrzeugen oder leitet die jährlichen Obstversteigerungen.

Weber ist ein offener, jovialer Typ, man merkt ihm an, dass der Kontakt mit Menschen die Basis seiner Arbeit ist. Und vor allem: Er möchte den Leuten helfen. "Geh’ doch mal zum Thomas" ist ein Satz, der in den Stadtteilen häufiger zu hören ist. Weber hilft den Bürgern auch bei Angelegenheiten, die mit der Verwaltungsstelle nichts zu tun haben. Und wenn die Oma von nebenan Probleme mit der Hüfte hat, bringt er den neuen Ausweis auch mal eben vorbei. "Das gehört einfach dazu. Ich arbeite gerne hier. Es ist alles persönlicher."

Es ist jetzt 17 Jahre her, dass sich Weber erstmals als Groundhopper ins Auto gesetzt hat. Heute lässt er es etwas ruhiger angehen. "Das Alter zollt seinen Tribut. Ich will nicht mehr jedes Wochenende auf irgendeiner Raststätte oder einem Flugplatz stehen." Ein viertägiger Tripp nach Namibia, um ein Spiel gegen Botswana zu sehen, muss also nicht mehr sein. Vor allem aber stört ihn die Kommerzialisierung, die schon längst nicht mehr nur die europäischen Topligen betrifft. "Ich war letztes Jahr bei der U17-WM in Indien. Selbst da durfte man keine Kameras mit ins Stadion nehmen, Essen und Trinken gab es nur von den autorisierten FIFA-Sponsoren." Weber vermisst das urige, landestypische, einfache und dreckige. Die gebackenen Frösche auf den Rängen in Kambodscha oder die von der Oma gereichte Grillwurst auf dem Balkan. "Ich wähle meine Reisen daher heute gezielter aus und verbinde das mit ein wenig Sightseeing." Demnächst geht es zum Beispiel ins neue Nationalstadion des Kosovo, eines der wenigen europäischen Länder, das er noch nicht abgehakt hat. Im Herbst stehen dann Hin- und Rückspiel zwischen Myanmar und Laos auf dem Programm.

Nur auf einer Tribüne wird man Weber vermutlich nur sehr selten sehen: Jene im Gießener Waldstadion. "Mit dem neuen FC Gießen bin ich noch nicht warm geworden. Das ist nicht mehr mein VfB." Weber mag noch so viele Stadien besucht haben: In seinem Herzen ist nur Platz für einen Verein.

Quelle: Gießener Allgemeine

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