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Der Studierenden-Ansturm führt mittags zu Hochbetrieb in den Mensen. Nur dank unterschiedlich langer Laufwege und dadurch versetzter Essenszeiten finden in der Regel alle Hungrigen einen Sitzplatz, erklärt das Studentenwerk.

Studierende in Gießen

Anstieg der Studentenzahl in Gießen gestoppt

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Jahrelang jagte ein Rekord den nächsten, jetzt stagnieren die Studierendenzahlen in Gießen. Uni und Stadt sehen in dieser Entwicklung aber keinen Grund zur Sorge.

Wir überwinden einen "Studentenberg", ab 2020 schrumpfen die Zahlen wieder auf "Normalmaß": Diese einstige Vorstellung der Politik ist ad acta gelegt. Für einige Hochschulorte - vor allem in den "neuen" Bundesländern - werden zwar sinkende Studierendenzahlen erwartet. In Gießen sollen sie aber in den nächsten zehn Jahren stabil bleiben. Die Präsidenten der Justus-Liebig-Universität und der Technischen Hochschule Mittelhessen wie auch die Oberbürgermeisterin unterstreichen ihre Freude über den Zustrom. Zugleich räumen sie ein, dass die stetige Zunahme der letzten Jahre eine Herausforderung war. In Labors oder der Mensa gab und gibt es ebenso Engpässe wie in Stadtbussen.

Ein Teil des Wachstums in den letzten Jahren ist zurückzuführen auf Sondereffekte wie die doppelten Abiturjahrgänge G8/G9 sowie die Aussetzung der Wehrpflicht. Weniger planbar war der unerwartet starke Anstieg der Quote derjenigen Abiturienten, die sich für ein Studium entscheiden; derzeit liegt sie bei 60 Prozent.

"Die Stadt hat die steigenden Zahlen nicht als Belastung erlebt", betont OB Dietlind Grabe-Bolz. Dass Gießen nicht nur die höchste Studi-Dichte in ganz Deutschland hat, sondern auch die jüngste Stadt Hessens ist, sei eine Bereicherung. Die jungen Menschen brächten neue gastronomische Konzepte, Start-ups und kulturelle Ideen.

Der Druck auf den Wohnungsmarkt habe "immerhin zu stärkerer Bautätigkeit" geführt, sagt Grabe-Bolz. Die Zahl der zugelassenen Autos sei in Gießen nach wie vor vergleichsweise niedrig. Junge Menschen seien in der "Stadt der kurzen Wege" zu Fuß, per Rad oder Bus unterwegs. Die Stadt habe ihren Ruf "positiv gefestigt: Man kommt gerne nach Gießen". Auch dank der vielfältigen Bemühungen der Hochschulen bleibe Gießen "auf der Gewinnerstraße", freut sich die OB.

Für die Stadt wirkten die Hochschulen wie "Staubsauger", die talentierte junge Menschen in die Region holen, unterstreicht JLU-Präsident Joybrato Mukherjee. Die Uni wolle sich auf dem erfreulichen Erfolg der letzten Jahre nicht ausruhen. "Wir müssen den Rückenwind nutzen und uns konsequent weiterentwickeln." Das Lehr- und Studienangebot sei hoch attraktiv, doch man müsse es ständig "genau unter die Lupe nehmen".

Mukherjee mahnt: "Jetzt wird der Wettbewerb um gute Köpfe härter." Und damit auch der um das Geld: Ein Teil der Zuweisungen von Bund und Land sind pro Kopf bemessen. In den aktuellen Finanzierungsverhandlungen wolle die JLU deutlich machen, dass man "nicht nachlassen" dürfe. Namentlich bei Neubauten und Sanierungen sei der Nachholbedarf erheblich.

Bereicherung für die Stadt

Das sieht THM-Präsident Matthias Willems genauso. "Es gilt, gegenüber dem Land darauf hinzuwirken, dass der Hochschulpakt für die Jahre 2021 bis 2025 die Leistungen durch ein angemessenes Budget anerkennt." In den letzten Jahren seien die personellen, räumlichen und finanziellen Ressourcen langsamer gewachsen als die Studentenzahlen. Leicht rückläufige Erstsemesterzahlen und entstehende Neubauten könnten in den nächsten Jahren für etwas Entspannung sorgen. Derzeit liege die Auslastung der THM bei 140 Prozent. Willems unterstreicht, das Wachstum habe man nur "dank des großen Einsatzes der Beschäftigten" bewältigt.

Mukherjee ergänzt: An der JLU müsse man auch "ungeplanten Aufwuchs" organisieren, etwa weil mehr Studieninteressierte zusagen als üblich. "Eine Vorlesung kann man vor 300 Studierenden halten, aber bei Laborpraktika sind Plätze begrenzt." Das kurzfristige Einstellen zusätzlichen Personals erweist sich oft als schwierig, sei doch in Fächern wie Psychologie oder Wirtschaft "der Markt leergefegt".

In Mensen werde es auch mal eng, schildert Studentenwerk-Sprecherin Eva Mohr. Wohnheimplätze wolle man für zehn Prozent der Eingeschriebenen anbieten. Derzeit stünden nur 3469 zur Verfügung für 55 000 Studierende in Gießen, Friedberg und Fulda. Ein Ausbau der sozialen Infrastruktur sei nötig.

Zahlen im Vergleich

Ein Blick 20 Jahre zurück: Im Wintersemester 1999/2000 zählte die JLU 20 100 Studierende die THM 6500, davon 4600 am Studienort Gießen. Aktuell sind etwa 28 000 Menschen an der Uni eingeschrieben, an der THM 19 000, davon gut 11 000 in Gießen. Die JLU rechnet bis 2030 mit 6500 bis 7000 Erstsemestern pro Jahr. Wegen der starke Absolventen-Jahrgänge soll die Gesamtzahl leicht fallen auf 27 000. Die THM hat aktuell 3593 Erstsemester (Vorjahr 3876), in Gießen 1884 (2190). Die Kultusministerkonferenz erwarte einen weiteren Rückgang bis 2022, danach wieder einen Anstieg, erklärt die Hochschule.

Quelle: Gießener Allgemeine

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