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Corinna Straka-Schmidt, Geschäftsführer Andreas Schlüter-Baur, Sieglinde Schieferstein, Ilona Wiegel-Weller und Margitta Schneider blicken zurück und nach vorn. Foto: Schepp

"Anlassmode" war vorgestern

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Es existieren nur noch wenige inhaber- geführte Geschäfte in der Innenstadt. Das Modehaus Schlüter gehört dazu - seit 125 Jahren. In Gießen gibt es seit 2005 statt eines großen Ladens im Seltersweg einen kleineren in der Sonnenstraße. Mitarbeiterinnen berichten von Modesünden der 80er und vom glücklichen Wandel in der Damenmode. Sie verraten, warum eine gute Verkäuferin heute Eventmanagerin ist.

Vor 1980 gab es im Modehaus Schlüter noch keine Jeans. "Und deshalb hätte ich auch im Geschäft keine tragen dürfen", erinnert sich Ilona Wiegel-Weller, die 1977 als 16-Jährige ihre Lehre als Verkäuferin begonnen hat. Morgens um 7 Uhr fuhr sie mit dem Bus in die Stadt, vor der Ladenöffnung musste Staub gewischt werden und die Spiegel glänzen. Und abends kam der "Lehrling" nicht vor 19.30 Uhr nach Hause. "Und wehe, man kam morgens fünf Minuten zu spät". Ihr Taumjob war das damals nicht gerade, erinnert sich die 58-Jährige heute. Bedauert hat sie die Entscheidung aber nicht, denn sie ist - trotz (oder wegen) des strengen, aber wohlwollenden Regiments des damaligen Chefs Werner Schlüter glücklich geworden in ihrem Beruf. "Ich durfte auch in der Schauwerbeabteilung arbeiten, da hatte ich viel Freiraum und konnte Ideen umsetzen."

Die Schaufenster spielten früher eine viel größere Rolle als heute, ergänzt ihre Kollegin Sieglinde Schieferstein. "Sonntags wurde im Seltersweg flaniert, die Dekoration und Präsentation der Mode hatte einen ganz hohen Stellenwert und diente der Orientierung. Klassisch elegante Garderobe war dort ebenso zu sehen wie - aus heutiger Sicht - schlimme Modesünden. An die langen Wollröcke, die schrillen Farben und breiten Schulterpolster der späten 80er und frühen 90er Jahre denken die Expertinnen mit Grausen zurück.

Wer hochwertige "Anlassmode" wollte, hatte früher in Gießen gleich mehrere Adressen. Imheuser, Brückner + Mund, Schneider und Horn waren bekannte Namen - und eben das Modehaus Schlüter. Ob eine Hochzeit, ein 80. Geburtstag, eine Konfirmation oder eine goldene Hochzeit anstand - wenn es etwas Schickes zu einem besonderen Anlass sein sollte, waren die Gießenerinnen hier richtig.

Das sind sie immer noch, aber insgesamt hat sich ein gewaltiger Wandel vollzogen, sagt Andreas Schlüter-Baur. Er hat den Familienbetrieb 1991 übernommen - in einer schwierigen Zeit. Die Rahmenbedingungen veränderten sich: Die Mieten in den 1a-Lagen stiegen drastisch, es gab immer mehr Markenshops, im Seltersweg eröffnete mit Peek & Cloppenburg ein Riese, gegen den schwer anzukommen war. Schlüter-Baur beschloss, sich auf komprimierter Fläche auf die Kernkompetenz des Hauses zu besinnen. 2005 wurde der Laden in der Sonnenstraße eröffnet, zudem gibt es eine Filiale in Wetzlar und eine in Frankenthal. Insgesamt 15 Mitarbeiterinnen kümmern sich um die Kunden. "Regional und menschlich statt digital und anonym" ist das Credo. Das gilt für den Umgang mit den Kunden, aber auch in Sachen Mitarbeiterführung. "Nur was blüht, kann Früchte tragen", sagt der Chef. Er legt großen Wert auf ein vertrauensvolles Verhältnis, er möchte, dass sich seine Angestellten wohlfühlen. "Es ist wie in einer großen Familie", sagt denn auch Margitta Schneider. Sie hat 1986 bei Schlüter begonnen, vor drei Jahren ist sie in den Ruhestand gegangen. Sie schaut aber immer wieder mal hinein.

Heute ist das Ziel eines Einkaufs nicht mehr, Lücken im Kleiderschrank zu füllen oder "Abgetragenes" auszutauschen, sondern es geht darum, sich selbst eine Freude zu bereiten. Auswahl, Anprobe und Beratung sollen Spaß machen - und das alles ist der Job der Verkäuferinnen. Sie sind für die Wohlfühlatmosphäre verantwortlich. Schlüter-Baur: "Sie sind so etwas wie Eventmanagerinnen". Die Hosen, Blusen oder Jacken gibt es auch im Warenhaus oder im Online-Shop. "Der Unterschied im Fachgeschäft ist jedoch, dass die Verkäuferinnen passende Teile zusammenstellen und Vorschläge machen. "Wir kennen uns in den Kleiderschränken unserer Stammkundinnen bestens aus", sagt Sieglinde Schieferstein und lacht. Diese Kenntnisse sind in der Tat ein Bestandteil des Erfolgsrezepts: Für viele Gießenerinnen ist der Besuch bei Schlüter Familientradition. Mütter, Tanten und Großmütter ließen sich hier einkleiden, und irgendwann ist es Zeit für die nächste Generation. "Junge Frauen sind nicht unsere Zielgruppe", sagt Schlüter-Baur. Gestandene Frauen in der zweiten Lebenshälfte gehören vorrangig zum Kundenkreis - eine Gruppe, die zu umwerben sich lohnt: Sie ist stilbewusst, verfügt über ein gehobenes Budget und hat kein Interesse an "Wegwerfmode".

Und im Gegensatz zu früher haben die Frauen heute bis ins hohe Alter Spaß an Mode. Längst gehört es der Vergangenheit an, dass Kleidung für Seniorinnen trist und im ewigen Grau-beige daherkommt. Früher haben sich alte Frauen selten etwas Neues gekauft. Wozu? Heute kleiden sich Frauen mit 70, 80 oder 90 Jahren bunt, sportlich oder elegant. Die "altgedienten" Verkäuferinnen bei Schlüter haben diese Veränderung mit großer Freude begleitet - es sind gute Aussichten für das eigene Alter, finden sie.

Quelle: Gießener Allgemeine

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