Andrea Sawatzki eröffnet das Gießener Krimifestival

Die ehemalige »Tatort«-Kommissarin Andrea Sawatzki las zur Eröffnung des Krimifestivals aus ihrem Kriminalroman »Ein allzu braves Mädchen«.

zappenduster ist es in der Sparkassen-Zentrale. Die Verbrecher gehen hier ein und aus – doch keine Angst. Es handelt sich nicht um echte Bankräuber, sondern – wie seit mittlerweile zehn Jahren – um die Figuren aus den Kriminalromanen, die traditionell zur Eröffnung des Gießener Krimifestivals von einem prominenten Gast dem Publikum dort vorgestellt werden. Diesmal liest die ehemalige »Tatort«-Kommissarin Andrea Sawatzki vor (natürlich) ausverkauftem Haus – und hat dazu noch ihren eigenen Kriminalroman »Ein allzu braves Mädchen« mitgebracht.

Andrea Sawatzki kennt keine Grenzen: Im Fernsehen ist die Schauspielerin omnipräsent, sie tourt mit eigener Band, im Herbst erscheint ihr neuer Roman »Tief durchatmen, die Familie kommt« – eine schwarze Komödie –, sie ist Mutter zweier Teenager-Söhne, prominente Ehefrau von Christian Berkel und mit einem Trio aus Mops, Boxer und Dogge vielbeschäftigte Hundebesitzerin. Ganz schön viel auf einmal, findet auch Sparkassen-Vorstandsvorsitzender Peter Wolf, der den Star beim eröffnenden Small-talk zu seinem vielfältigen Engagement befragt.

Doch schon nach wenigen Sekunden wird klar: Diese Frau bewältigt alle Herausforderungen mit Grazie und Energie, lässt sich nicht so leicht unterkriegen. Sie ist eben kein »allzu braves Mädchen« und liebt es, »Erwartungen zu brechen«.

Und dennoch gibt es deutliche Gemeinsamkeiten zwischen ihr und der Figur der Manuela Scriba, die sie sich für ihren Debütroman »Ein allzu braves Mädchen« ausgedacht hat. Die leuchtend roten Haare, die klarblauen Augen und die grazile Gestalt sind dabei nur Äußerlichkeiten. Wie die Romanfigur, die sich als Prostituierte durchs Leben schlägt, hat Sawatzki als Mädchen sechs Jahre lang ihren an Alzheimer erkrankten Vater gepflegt. Um gut mit den eigenen Kindern umgehen zu können, habe sie sich mit ihrer eigenen Kindheit auseinandersetzen müssen, erzählt Sawatzki. Motive und Erlebnisse aus dieser Zeit sind in ihr vielbeachtetes Romandebüt eingeflossen und dennoch ist er, wie Sawatzki stets betont, nicht autobiografisch. Es ist eben die Kunst, aus Bruchstücken der Realität eine spannende Fiktion zu entwerfen.

Sawatzki ist dies bravourös gelungen. Ihre Erfahrung als Filmschauspielerin hat dabei sicherlich geholfen. Das Buch schreit mit seinen knappen Sequenzen und den drastischen Bildern förmlich nach einer Verfilmung. »Tatort«-Atmosphäre eben: In einem Wald wird eine junge Frau völlig verstört aufgefunden und in die Psychiatrie gebracht. Was ist mit ihr geschehen? Und hat sie eventuell etwas mit jenem alten Mann zu tun, der mit eingeschlagenem Schädel in seiner Villa liegt? Ist die Frau im grünen Pailettenkleid Täterin, Zeugin oder gar Opfer? Im Gespräch mit der Psychiaterin kommt in Rückblenden nach und nach die Wahrheit ans Licht – eine Wahrheit, die zeigt, dass eine Kindheit nicht automatisch ein Hort der Glückseligkeit ist, und Narben, die einer Seele in jungen Jahren zugefügt werden, niemals so ganz verheilen.

Andrea Sawatzki kennt diese düstere Seite des Lebens – nicht nur aus ihrer eigenen, mit allzu viel Verantwortung belasteten Kindheit, sondern auch als Schirmherrin der Stiftung »Ein Platz für Kinder«, die sich um Jungen und Mädchen kümmert, die zumindest vorübergehend aus ihren Familien herausgeholt werden müssen. Eindringlich wirbt sie an diesem Krimifestivalabend um Spenden für die gute Sache.

Dass der Abend trotz inhaltlich schwerer Kost dennoch zum wahren Vergnügen wird – auch das ist Sawatzkis Verdienst. Die gefragte Hörspielsprecherin gehört eben zu den »starken Stimmen« in Deutschland, ist eine ausgesprochen angenehme Vorleserin. Da macht das Zuhören Freude – und bringt strahlenden Glanz in die noch immer zappendustere Sparkassenhalle. Karola Schepp

Krimifestival-Organisator: Literatur zur Entschleunigung Höchst vergnüglicher Abend mit Christian Berkel

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