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Alfred Anderschs »Abendstudio«

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Hans Sarkowicz (Ressortleiter HR2-Kultur), Dr. Norman Ächtler (M.) und Stephan Reinhard (SWR-Mitarbeiter und Andersch-Biograf) diskutieren über die Geschichte des Hessischen Rundfunks und Alfred Anderschs »Abendstudio«.		(Foto: gl)
Hans Sarkowicz (Ressortleiter HR2-Kultur), Dr. Norman Ächtler (M.) und Stephan Reinhard (SWR-Mitarbeiter und Andersch-Biograf) diskutieren über die Geschichte des Hessischen Rundfunks und Alfred Anderschs »Abendstudio«. (Foto: gl) © Karola Schepp

Bis 30. September ist im Ausstellungsraum der Uni-Bibliothek die Ausstellung »70 Jahre Rundfunk in Hessen« zu sehen. Im Mittelpunkt stehen Alfred Andersch und sein »Abendstudio«.

»Seit 1948 arbeitete er an Rundfunkanstalten.« Selten hat ein Satz weniger ausgedrückt. Zu finden ist er in einer Ende der 70er Jahre erschienenen Schrift, die Leben und Werk Alfred Anderschs zum Thema hat. Der Autor, der unter anderem mit »Sansibar oder der letzte Grund« bekannt geworden ist, war nämlich nicht nur Schriftsteller im Nachkriegsdeutschland, sondern auch richtungsweisender Hörfunkredakteur. Als Gründer und Leiter des »Abendstudios« im Radio Frankfurt setzte er von 1948 an Maßstäbe für ein experimentierfreudiges Kulturprogramm.

Eine Schau in der Universitätsbibliothek über »70 Jahre Rundfunk in Hessen« widmet sich dem Phänomen »Alfred Andersch und das Frankfurter Abendstudio«. Sie wurde von Dr. Peter Reuter (Leiter der Uni-Bibliothek) und Norman Ächtler (Institut für Germanistik) eröffnet. Zur Vernissage gehörte auch eine Podiumsdiskussion mit Hans Sarkowicz (Ressortleiter von HR2-Kultur) und Stephan Reinhard (Mitarbeiter des SWR und Andersch-Biograf).

Die Ausstellung zeichnet die Anfänge des Kulturradios in Hessen nach dem Zweiten Weltkrieg nach. Nachdem Medien im Nationalsozialismus zu Propagandazwecken missbraucht worden waren, unterstützten die Alliierten eine Neuordnung. Bei der Demokratisierung der Deutschen kam dem Rundfunk eine wichtige Rolle zu.

Kurz nach Kriegsende nahm Radio Frankfurt, als Vorläufer des Hessischen Rundfunks, seinen Betrieb auf und begann 1948 mit einem Kulturprogramm. Leiter der Sendereihe, die unter dem Titel »Abendstudio« stand und im Untertitel »Strömungen der modernen Kultur« lautete, wurde bis 1954 der Publizist und Autor Alfred Andersch.

Die Redaktion des »Abendstudios« wollte unter dem Motto »Zumutung höchster Ansprüche« nicht nur neue Inhalte vermitteln, sondern entwickelte auch radiofone Formen wie die Hörfolge, aus der später das Feature entstand. Immer dienstags um 22.15 Uhr wurden Gespräche und intellektuelle Debatten über Streitfragen der Philosophie, Ästhetik und Literatur gesendet, aber auch Vorträge, Autorenlesungen und Hörspiele. Später wurde die Sendung in HR2 gesendet und erst im September 2003 bei einer Programmreform zugunsten der Gesprächsreihe »HR2 Doppel-Kopf« eingestellt.

Zu den bekanntesten Stücken, die für das »Abendstudio« produziert wurden, zählen Siegfried Lenz’ »Die Nacht des Tauchers« (1955) und Hans Magnus Enzensbergers »Acht Minuten Welt in Scherben« (1957). Auch die spätere RAF-Terroristin Ulrike Meinhof schrieb Anfang der Sechzigerjahre Features für die Sendereihe. Zu den Autoren zählten nicht nur namhafte Schriftsteller, sondern auch Philosophen, vor allem Vertreter der Frankfurter Schule wie Theodor W. Adorno oder Jürgen Habermas.

Die von Germanistikstudenten unter Ächtlers Leitung erarbeitete Ausstellung – in Kooperation mit dem Archiv des Hessischen Rundfunks und der Uni-Bibliothek – bietet eine Auswahl von bislang meist unbekanntem Text- und Tonmaterial. Die Beiträge geben Einblick in die Arbeit Anderschs als Redakteur und Rundfunkautor. Typoskripte von Sendungen, Konzeptpapiere und Programmhefte aus den 1940er und 1950er Jahren werden ausgestellt. Vier Hörstationen an alten Röhrenradios demonstrieren die thematische Vielfalt des »Abendstudios« und die Qualität der Sendeformate – zu erleben bis 30. September zu den UB-Öffnungszeiten (Montag bis Sonntag von 7.30 bis 23 Uhr). gl

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