Woche der Wahrheit

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Verspielt die Frankfurter Eintracht auf der Zielgeraden all das, was sie sich zuvor über Monate hinweg erarbeitet hat? Die Hessen müssen beißen und fighten. Am Donnerstag in London. Am Sonntag im Derby gegen Mainz.

Die ein wenig ins Schlingern geratene Frankfurter Eintracht macht die Schotten dicht, verschanzt und kapselt sich komplett ab. Das wohldosierte Training findet im Geheimen hinter Sichtschutzfolien statt, Zuschauer und Journalisten sind unerwünscht, Medientermine werden auf ein Minimum heruntergeschraubt, nur noch die offiziellen Pressekonferenzen werden eingehalten. Die müden und ausgelaugten Spieler sollen nicht abgelenkt werden, sondern sich sammeln, noch einmal zusammenreißen und sich voll auf den Endspurt in der Bundesliga und das große Halbfinale am Donnerstag in London fokussieren.

Eintracht Frankfurt versucht auf den letzten Metern dieser lange, lange Zeit so furiosen Runde alles, um die Saison zu retten, um nicht in letzter Sekunde noch den fast schon obligatorischen Einbruch zu erleben. Die Kräfte sollen gebündelt, alles dem Erfolg und den letzten entscheidenden Wochen untergeordnet werden. Das ist nicht nur nachvollziehbar, sondern richtig. Ob so die mentale und physische Frische wiederhergestellt werden kann, steht freilich auf einem anderen Blatt. Aber probieren müssen sie es ja, die wackeren Frankfurter, die zuvorderst diese deftige 1:6-Packung von Leverkusen verdauen und irgendwie abschütteln müssen.

Zeit dazu haben sie nicht viel, am Mittwoch schon hebt der Flieger von Frankfurt Richtung London ab, wo die Eintracht die große Überraschung schaffen und doch noch ins Finale von Baku einziehen will. Nach der Demontage unterm Bayer-Kreuz kann man sich nur schwerlich vorstellen, dass es den Frankfurtern gelingen wird, den FC Chelsea nach dem 1:1 im Hinspiel ernsthaft in Gefahr zu bringen.

Der Mannschaft geht die Puste aus, sie geht auf dem Zahnfleisch Richtung Ziellinie. "Die körperliche und geistige Frische hat gefehlt, ganz klar", sagte Trainer Adi Hütter. Von den letzten sieben Pflichtspielen hat das Team nur eines gewinnen können, 2:0 in der Europa League gegen Benfica Lissabon. Von den letzten vier Bundesligapartien holte es nur zwei Punkte bei einem Torverhältnis von 3:10. Der letzte Sieg in der Liga datiert vom 6. April, 2:1 auf Schalke. Die Ergebnisse sind kein Zufall, sie hängen kausal mit dem Leistungsabfall in den zurückliegenden Wochen zusammen. Hier hilft ein Blick in die Statistik, die interessante Fakten zutage fördert. Seit dem letzten Eintracht-Sieg in der Liga, eben jenem 2:1 in Gelsenkirchen, haben sich die Passquoten und die Ballbesitzphasen dramatisch verschlechtert. In jeder der folgenden sieben Begegnungen hatte der Gegner häufiger die Kugel am Fuß. Noch entlarvender ist die Passgenauigkeit, die in allen Spielen bei rund 65 Prozent liegt. In der erfolgreichen Phase mit sechs Bundesligasiegen in Serie lag sie oft jenseits der 75 Prozent, in Düsseldorf sogar bei 83. Diese statistischen Erhebungen decken sich auch mit dem Eindruck im Spiel, die Frankfurter schaffen es nicht mehr, klare, konstruktive Angriffe zu fahren, weil sie eben zu unpräzise und hektisch sind.

Das liegt an einer generellen Müdigkeit und Abgeschlagenheit, was eben zu einer verminderten Konzentrationsfähigkeit und folgender Ungenauigkeit führt. Und es hängt gewiss damit zusammen, dass Sebastien Haller seit längerer Zeit unpässlich ist. Der Mittelstürmer ist der Zielspieler im Zentrum, der die Bälle halten und verarbeiten kann, der seinen Mitspielern die Zeit gibt, um nachzurücken. Die Sturmpartner Luka Jovic und Ante Rebic haben andere Qualitäten. Auffällig auch, in welch hohem Maß Jovics Form unter dem Fehlen Hallers leidet. Und es findet auch kein geregeltes Aufbauspiel mehr statt, seit Kapitän David Abraham in die Mannschaft zurückgekehrt ist. Der Argentinier greift vermehrt zu Langholz, befindet sich in einem bedenklichen Leistungstief.

Die besten Spiele hat die Eintracht mit Makoto Hasebe, Martin Hinteregger und Evan Ndicka in der Abwehrkette gemacht, doch Trainer Hütter hat gerade Ndicka nach seinem Platzverweis samt verursachtem Strafstoß in Lissabon abserviert und ihn erstmals in Leverkusen wieder in die Startelf beordert. Nach 37 Minuten nahm er ihn wieder vom Feld – er hätte auch jeden anderen rauspicken können. Ndicka, 19 Jahre jung, wird sich davon wohl so schnell nicht erholen. Die Eintracht wird sich nun auf das zurückziehen, was sie stark gemacht hat. Die Zeit der Experimente, die Coach Hütter seltsamerweise nach 46 Pflichtspielen begann, wird genauso schnell wieder beendet sein. Für die Eintracht geht es in den letzten Spielen nur noch darum, sich mit Willen und Mentalität ins Ziel zu retten – was am Ende dabei herauskommt, wird man sehen.

Im zweiten Halbfinale am Donnerstag in London wird sie sicher ein anderes Gesicht zeigen. "Es liegt an uns, dort eine Sensation zu schaffen", sagt Sportvorstand Fredi Bobic. Doch an der Stamford Bridge kann man gegen Chelsea auch mit einer Topleistung ausscheiden. Die Frage ist, wie sich die Hessen verkaufen. Das wird auch für den Schlussakkord in der Bundesliga von Bedeutung sein. Denn um sich überhaupt für die Europa League zu qualifizieren, ist mindestens noch ein Sieg zwingend erforderlich. Der Partie am Sonntag im heimischen Stadion gegen Mainz 05 kommt Endspielcharakter zu. Es sind schwere, entscheidende Tage, und Frankfurt scheint dafür nicht optimal gerüstet.

Quelle: Gießener Allgemeine

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