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Egidius Braun

Weiche Schale, harter Kern

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Seinen berühmtesten Auftritt hatte Egidius Braun am Tag, nachdem deutsche Hooligans in einem Akt der Feigheit, Gewissenlosigkeit und Brutalität den schon am Boden liegenden französischen Gendarmen David Nivel im WM-Spielort Lens fast totgetreten hätten. Später bezeichnete Braun, der am heutigen Donnerstag 95 Jahre alt wird, diese ungeheuerliche Tat am 21. Juni 1998 als "schwärzeste Stunde meines Lebens".

Als damaliger Präsident des Deutschen Fußball-Bundes vergoss er Tränen und dachte öffentlich sehr ernsthaft darüber nach, die deutsche Nationalmannschaft aus Scham und Trauer freiwillig aus dem WM-Turnier in Frankreich zu verabschieden. Bald darauf - und nachdem er sich das geballte Unverständnis von Bundestrainer Berti Vogts eingehandelt hatte - verwarf Braun diesen Gedanken und kommunizierte später: "Wir hätten vor dem Ungeist und dem Verbrechen kapituliert."

Vor dem Ungeist und dem Verbrechen auf ganz andere Art und Weise kapituliert hatte bereits sein autokratischer Vorgänger Hermann Neuberger, mit dem der vormalige DFB-Schatzmeister Braun dennoch eine vertrauensvoll-freundschaftliche Zusammenarbeit pflegte. Neuberger, DFB Präsident von 1975 bis 1992, nach dem die DFB-Zentrale nach wie vor benannt ist, ist verantwortlich für das laut "FAZ" "dunkelste Kapitel in der Nachkriegsgeschichte des größten Sportverbandes der Welt". Denn Brauns Spezi Neuberger fungierte als Vorsitzender des Organisationskomitees der Fifa für die Weltmeisterschaft 1978 in Argentinien, damals eine Militärjunta unter der grausamen Führung von Jorge Rafael Videla. Der General ließ missliebige Regimekritiker aus Flugzeugen über dem offenen Meer abwerfen und wurde später zu langer Haft verurteilt. Neuberger machte sich zum willfährigen Helfer der damaligen argentinischen Regierung, Der DFB unter seinem seinerzeit gerade neu im Amt befindlichen Präsidenten Braun würdigte dessen Vorgänger in einer 260-Seiten-Hommage dennoch nahezu kritiklos, Braun selbst sprach gar von einem "großartigen Wirken einer einzigartigen Persönlichkeit". Unter dem weichen Kern von "Pater Braun" lag eine harte Schale.

Der bekennende Katholik hat Spuren des sozialen Gewissens in den DFB-Annalen hinterlassen. Die von ihm unter dem Eindruck der Kinderarmut bei der WM 1986 in Mexiko initiierte Egidius-Braun-Stiftung gilt als soziales Gewissen des DFB und hat sich etwa mit dem Projekt "1:0 für ein Willkommen" sehr konkret mit finanzieller Unterstützung für die Vereine für die Integration von Flüchtlingen stark gemacht. DFB-Direktor Oliver Bierhoff ließ es sich nicht nehmen, im November vergangenen Jahres für die Egidius-Braun-Stiftung persönlich nach Mexiko zu reisen.

Der betagte Ehrenpräsident selbst, der intern auch sehr direkt sein konnte, ist zu Fernreisen aufgrund seiner körperlichen Konstitution nicht mehr in der Lage. Zur Jahrtausendwende überstand er eine schwere Herzoperation, Sein bislang letzter großer Auftritt fand im Juni 2019 in seiner Heimatstadt Aachen beim öffentlichen Training der deutschen Nationalmannschaft statt. Er hielt sich dort sehr wacker.

Braun war der letzte DFB-Präsident, der sein Amt (im Jahr 2001) ohne krisenhaften medialen Widerhall niederlegen konnte. Danach kamen der 2017 verstorbene Gerhard Mayer-Vorfelder, der das Amt gegen seinen Willen im Zuge einer tiefen sportlichen Krise 2004 mit Theo Zwanziger teilen und 2006 endgültig abgeben musste, Zwanziger zog sich 2012 unter einigem Tamtam und im Kreise nur noch weniger Fußballfreunde zurück, Nachfolger Wolfgang Niersbach kapitulierte 2015 im Zuge der Sommermärchen-Affäre, auch der dann ins Amt gehievte Reinhard Grindel schaffte nur drei Jahre an der Spitze, ehe eine als Geschenk von einem ukrainischen Oligarchen angenommene Uhr ihn zum Rücktritt zwang.

Der aktuelle DFB-Präsident Fritz Keller schickt sich nun an, in seiner etwas pastoralen Außendarstellung an die Ära des "Pater Braun" anzudocken. Dessen Motto "Fußball - Mehr als ein 1:0" gewinnt im DFB jedenfalls gerade neue Aktualität. Jan Christian Müller

FOTO: DPA

Quelle: Gießener Allgemeine

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