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Videobeweis: DFL beruft Krisengipfel ein Pechvogel Nicolai Müller Gräfe kritisiert Ex-Kollegen

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Weltmeister Mario Götze ist wieder da, HSV-Torjäger Nicolai Müller nach seinem Torjubel schwer verletzt. Die Bayern starten standesgemäß, die Aufsteiger Stuttgart und Hannover mit Niederlage und Sieg.

Der gefeierten Premiere folgte ein Technik-Blackout: Nach massiven Problemen mit dem Videobeweis zum Bundesligaauftakt hat die Deutsche Fußball Liga den Anbieter Hawkeye heftig kritisiert und die Geschäftsführung zu einem Krisengipfel nach Frankfurt einbestellt. "Für die DFL ist diese Situation nicht hinnehmbar", teilte die Dachorganisation des deutschen Profifußballs verärgert mit. Bei dem Treffen Anfang der Woche "sollen die Hintergründe der technischen Schwierigkeiten schonungslos offengelegt und die Konsequenzen für das weitere Vorgehen besprochen werden".

Bei den Partien TSG 1899 Hoffenheim gegen Werder Bremen (1:0) und Hertha BSC gegen VfB Stuttgart (2:0) kam der Videoassistent erst mit Beginn der zweiten Halbzeit zum Einsatz. Bei der Partie des Hamburger SV gegen den FC Augsburg (1:0) fiel das technische Hilfsmittel ganz aus. "Mit der Technik müssen sie noch ein wenig üben", stellte Hoffenheim-Trainer Julian Nagelsmann süffisant fest.

Zudem stand bei keinem Spiel die zur Unterstützung bei Abseitsentscheidungen vorgesehene kalibrierte Hilfslinie zur Verfügung. Der Fehler war auch am Sonntag beim Spiel SC Freiburg gegen Eintracht Frankfurt noch nicht behoben.

Immerhin stimmte die Verbindung zwischen Schiedsrichter Manuel Gräfe und dem Videoassistenten, der den Berliner Referee über Headset vor einer krassen Fehlentscheidung bewahrte. Nachdem Gräfe einen Treffer des Freiburgers Tim Kleindienst zunächst gegeben hatte, nahm er ihn nach Intervention aus Köln wegen einer vorangegangenen Abseitsstellung des Vorbereiters Florian Niederlechner zurück.

Bei der Bundesligapremiere am Freitagabend hatte das Zusammenspiel zwischen Referee und Videoassistent in der Schlüsselszene des Saisoneröffnungsspiels Bayern München gegen Bayer Leverkusen (3:1) noch prächtig funktioniert. Schiedsrichter Tobias Stieler hatte ein Halten des Leverkuseners Charles Aranguiz an Robert Lewandowski im Strafraum nicht eindeutig wahrgenommen. Nach Rücksprache mit Videoassistent Jochen Drees, der am Bildschirm in Köln die Szene überprüfte, zeigte er dann doch auf den Punkt. "Wir kamen rasend schnell zu der richtigen Erkenntnis, dass es Strafstoß für Bayern München geben muss", berichtete Stieler.

Doch es lief nicht alles rund. Bei einem rüden Foul von Leverkusens Karim Bellarabi an Joshua Kimmich, das Stieler nicht einmal mit Gelb ahndete, griff der Videoassistent nicht ein. Dabei hätte es Rot geben müssen. "Bei solch einer klaren Szene muss es ein Einschreiten geben. Es ist unbegreiflich, dass es keine Konsequenzen gab", monierte TV-Experte Thomas Strunz am Sonntag im "Doppelpass" bei Sport1.

Schon der erste Spieltag der 55. Fußball-Bundesligasaison hat es in sich. Für die neuen Trainer Peter Bosz und Domenico Tedesco war der Einstand perfekt: Beiden gelang mit ihren Clubs ein Sieg. In etlichen Stadien gab es Protestplakate gegen den DFB. Mario Götze ist wieder da und Kevin-Prince Boateng feiert sein Comeback.

Götze: Gut ein halbes Jahr war Weltmeister Mario Götze wegen seiner Stoffwechselkrankheit beim BVB außen vor. In Wolfsburg fand er den perfekten Gegner für das Comeback – und Götze zeigte Spielfreude. "Da lacht einem das Herz", sagte Clubchef Hans-Joachim Watzke.

Premierentor: Das erste Tor der 55. Bundesligasaison erzielte Niklas Süle. Es war im ersten Spiel für den FC Bayern eine "Hoffenheimer Co-Produktion" mit Sebastian Rudy. Der Premierentreffer fiel wie im Vorjahr in der 9. Minute – damals traf Xabi Alonso für die Bayern.

Matchwinner: Für sein erstes Bundesliga-Tor hätte sich Nico Elvedi kaum ein besseres Spiel aussuchen können. Im prestigeträchtigen 87. Bundesliga-Derby der rheinischen Erzrivalen zwischen Mönchengladbach und Köln sorgte der Schweizer für den 1:0-Erfolg der Borussia.

Protest: In zahlreichen Stadien haben Fans gegen den DFB protestiert. Ob mit den üblichen Gesängen "Scheiß DFB" oder mit Transparenten à la "Was uns an euch stört...", "Eure Zerstückelung des Bundesligaspieltages! Pro Samstags 15:30!!!" und "F… Dich DFB!".

Tedesco: Kompakt, leidenschaftlich im Verteidigen, tolle Konter: Domenico Tedesco gelang mit Schalke ein perfekter Einstand. Und der 31-Jährige scheint variabel zu sein. Wenn Plan A nicht funktioniere, müsse man auch Plan B, C oder D haben – so einfach kann Fußball sein.

Werner: Alle Leipziger wurden bei ihrer Präsentation auf Schalke im Bild gezeigt – bei Timo Werner blieb die Videowand schwarz. Den Schalkern lag, so die Erläuterung, kein aktuelles Foto vor. Werners Schwalbe vom 2:1 im November soll nicht ursächlich gewesen sein.

Pechvogel: Beim Hamburger SV waren ein grotesker Unfall und seine fatalen Folgen der Abschluss einer turbulenten Woche. Beim Torjubel über den 1:0-Siegtreffer gegen Augsburg zog sich HSV-Profi Nicolai Müller einen Kreuzbandriss zu. Diagnose: sieben Monate Pause.

Glücklich: "Das war eine spezielle Woche", sagte Mathew Leckie nach der Zwei-Tore-Show für Hertha gegen Stuttgart. In der Vorsaison hatte der Australier für Ingolstadt kein einziges Mal getroffen. Jetzt wurde in Berlin seine Tochter geboren – und Leckie traf.

Comeback: Kevin-Prince Boateng ist zurück. Der erst am Freitag von UD Las Palmas verpflichtete prominente Frankfurter Neuzugang wurde beim 0:0 der Eintracht in Freiburg eingewechselt (67. Minute). In der Bundesliga war er letztmals im Mai 2015 für Schalke aufgelaufen.

Mit brisanten Vorwürfen hat der Berliner Referee Manuel Gräfe das deutsche Schiedsrichterwesen erschüttert. In ungewöhnlicher Offenheit griff Gräfe vor seinem ersten Bundesliga-Einsatz in dieser Saison die früheren Schiedsrichter-Chefs Hellmut Krug und Herbert Fandel an. "Es ging zu oft nach Gusto und nicht nach Leistung", sagte Gräfe dem "Tagesspiegel" (Sonntag). "Die beiden haben sich ihre Schiedsrichterliste so zusammengebastelt, wie sie es wollten." Er stellte in dem Interview die Frage, ob Fandel und Krug den jetzigen FIFA-Schiedsrichter und früheren Gräfe-Assistenten Felix Zwayer wegen dessen großer Loyalität bevorzugt hätten.

Trotz eines sofortigen Rüffels durch den jetzigen Schiedsrichter-Chef Lutz Michael Fröhlich legte Gräfe in der "Bild am Sonntag" nach: "Diese Vetternwirtschaft sollte aufhören", verlangte der 43-Jährige, der seit 2004 in der höchsten deutschen Spielklasse pfeift

Krug war zuletzt von der Deutschen Fußball-Liga als Schiedsrichter-Manager zum Deutschen Fußball-Bund zurückgekehrt, Fandel war nach der vergangenen Saison als Vorsitzender der DFB-Schiedsrichterkommission zurückgetreten, Fröhlich ist sein Nachfolger. "Seitdem er die Verantwortung trägt, geht es ausschließlich nach Leistung", sagte Gräfe.

Schon kurz nach der Veröffentlichung der Vorwürfe am Samstag pfiff Fröhlich in einer DFB-Stellungnahme seinen früheren Assistenten Gräfe zurück. "Bei allem Verständnis zu einer öffentlichen Meinungsäußerung geht es entschieden zu weit, wenn ein Schiedsrichter einen Kollegen öffentlich und in dieser Form attackiert", sagte Fröhlich. Noch in der neuen Woche solle es ein offenes Gespräch mit allen geben. Gräfe hat Fandel und Krug seine Sichtweise nach eigenen Worten schon mehrfach persönlich mitgeteilt, es habe sich aber nichts geändert und erst unter Fröhlich einen Neuanfang gegeben.

In den vergangenen Jahren seien alle, "die nicht uneingeschränkt auf einer Wellenlänge mit der Führung lagen, also nicht zu allem Ja und Amen gesagt haben, auf verschiedenen Ebenen bearbeitet" worden, sagte Gräfe und nannte als ein Beispiel Ex-Referee Babak Rafati. "Er empfand die Atmosphäre als so bedrückend und belastend, dass er sich das Leben nehmen wollte" – auch wenn Rafati nicht in allem recht gehabt habe.

Während einerseits Leute in Positionen gekommen seien, für die sie nicht gut oder weit genug gewesen seien, wären andere unter ihren Möglichkeiten eingesetzt worden. So auch die in diesem Jahr als erste Frau in die Bundesliga aufgestiegene Bibiana Steinhaus, deren Hochstufung aus Gräfes Sicht nach einem Jahr unter Fröhlichs Führung exemplarisch für die neue Herangehensweise ist.

Quelle: Gießener Allgemeine

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