"Der Video-Assistent ist ein armes Schwein"

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Der Video-Assistent in der Fußball-Bundesliga hat in den vergangenen Monaten für viele Diskussionen gesorgt – völlig zu Recht, sagt der ehemalige Weltklasse-Schiedsrichter Urs Meier. Der Schweizer sagt: "Momentan werden zu viele Grau- Entscheidungen geklärt." Im Interview macht er auch Verbesserungsvorschläge.

Mit der Einführung des Video-Assistenten in der Fußball-Bundesliga wird das Spiel gerechter und die Anzahl der Fehlentscheidungen der Unparteiischen deutlich sinken. Das war die Hoffnung vieler Spieler, Trainer und Fans vor Saisonbeginn. Tatsächlich haben die Eingriffe aus dem Studio in Köln, wo der Videoschiedsrichter sitzt, in den vergangenen Wochen immer wieder für Diskussionen gesorgt – hauptsächlich, weil nicht allen klar ist, wann und warum er zum Zug kommt und weil es zu längeren Unterbrechungen kommt. Der frühere FIFA-Schiedsrichter und TV-Experte Urs Meier äußert sich im Gespräch zu den Problemen – und macht Verbesserungsvorschläge.

Urs Meier, wären Sie noch aktiver Schiedsrichter, würden Sie den Video-Assistenten in seiner bisherigen Handhabung als Fluch oder als Segen einordnen?

Urs Meier: Ich denke, man muss es so sehen, wie es momentan ist: Es ist ein Test. Und in einer Testphase kommen die guten Sachen hervor, aber auch die Schwachstellen. Ich glaube, wir haben einiges Gutes, aber momentan auch sehr viel Schlechtes. Das ist etwas, was eigentlich niemanden richtig glücklich macht – weder die Fußballer, noch die Fans, noch die Schiedsrichter. So kann es ja nicht sein. Das Endprodukt muss so sein, dass jeder einen Mehrwert hat, dass jeder darauf baut. So ist es zum momentanen Zeitpunkt ganz sicher nicht.

Aber es hat ja vor der Einführung schon eine einjährige Testphase gegeben, um das Projekt offline zu prüfen. Finden Sie es normal, dass es in der Praxis trotzdem so viele Schwierigkeiten gibt wie bisher?

Meier: Das hat mich auch überrascht. Ich habe es ganz toll gefunden, was die DFL mit dem DFB da zusammen gemacht hat. Zu sagen, wir testen das schon ein Jahr vorher. Da habe ich wirklich gedacht, dass das von Beginn an funktionieren wird. Dass man dann noch so große Probleme hat – im Prinzip im zweiten Jahr –, hat mich auch überrascht. Vor allem hat es auch Punkte gegeben, die man eigentlich im Vorfeld hätte ahnen müssen.

Welche Punkte meinen Sie?

Meier: Zum Beispiel, dass das Ganze aus einem Studio in Köln gesteuert wird. Für mich war von Anfang an klar, dass das nicht der richtige Weg ist, sondern dass der Video-Schiedsrichter vor Ort ins Stadion gehört, dass er die Atmosphäre mitnehmen und das Spiel selbst schauen kann und nicht in einem Kämmerchen sitzt.

Halten Sie das vom Personalaufwand für machbar? Denn so würde ja in jedem Stadion noch ein zusätzlicher Unparteiischer benötigt.

Meier: Das ist so. Denn bei Uefa-Spielen haben wir im Moment zwei Torrichter. So hast du eben nicht zwei davon, sondern nur einen mehr. Und dieser eine gehört zum Team, ist aber eben nicht am Feld, sondern sitzt oben auf der Tribüne. Das ist absolut machbar. Auch in Köln sind es am Ende zwei pro Spiel, die auf die Bildschirme schauen. Der Personalaufwand wäre nicht zu groß.

Welche Fehler sind aus Ihrer Sicht noch gemacht worden? War es problematisch, dass der DFB das Projekt nach außen nicht transparent dargestellt hat, dass nicht klar ist, wann der Video-Assistent eingreifen soll und wann nicht?

Meier: Ich halte es schon für problematisch – gerade in Deutschland –, dass versucht wird, zu perfekt zu sein. Dass man versucht, jede mögliche Fehlentscheidung zu korrigieren und einzukreisen. Das halte ich grundsätzlich für falsch. Die Grundidee dieses Video-Beweises ist ja eigentlich gewesen, dass man Fehler wie die ›Hand Gottes‹ von Maradona oder das Handspiel von Thierry Henry (in den Playoff-Spielen der Qualifikation zur WM 2010 gegen Irland, Anmerkung d. Red.) nicht mehr sieht. Jetzt wird aber bei jedem kleinen Stoß im Strafraum der Video-Schiedsrichter einberufen. Man sollte eigentlich nur bei den ganz krassen Fehlern einschreiten.

Der beim DFB zuständige Projektleiter Lutz-Michael Fröhlich sagte, es gehe nicht um Perfektion, sondern um ein Stück mehr Gerechtigkeit. Ist das Motto "Weniger ist manchmal mehr" beim Video-Schiedsrichter der richtige Weg?

Meier: Ja, vor allem, dass man ihn überall gleich einsetzt. Was ist mehr Gerechtigkeit? Dass man in Frankfurt einen Spieler, der schon vom Platz geflogen ist, wieder zurückholt (Frankfurts Marius Wolf in der Partie gegen Bayern München, d. Red.), dafür im gleichen Spiel den Münchener Vidal, der wahrscheinlich auch hätte vom Platz fliegen müssen, nicht hinunterstellt?

Also sind Sie der Meinung, dass trotz des Video-Schiedsrichters nach wie vor zu häufig mit zweierlei Maß gemessen wird?

Meier: Ich finde, dass man beim genannten Beispiel auf der einen Seite mehr Gerechtigkeit geschaffen hat, aber auf der anderen Seite gibt es immer noch Ungerechtigkeit. Es wird versucht, eine Gerechtigkeit hinzubekommen, die man nicht hinbekommen wird. Ich glaube, man muss sich von dem Gedanken verabschieden, dass der Fußball gerecht wird. Er kann vielleicht etwas gerechter werden. Aber es geht eher darum, dass man die ganz großen Aufreger, die klaren Schwarz-Weiß-Entscheidungen, mit dem Videobeweis abdeckt. Die Grau-Entscheidungen, bei denen der Schiedsrichter seine Position, sein Spielverständnis, sein Gefühl für das Spiel einbringt, sollte man stehen lassen. Momentan werden zu viele Grau-Entscheidungen vom Video-Schiedsrichter geklärt. Der zudem keinen Bezug zum Spiel hat, der die Absicht nicht erkennt und die Geschwindigkeit nicht auf dem Radar hat.

Die Lösung auf dem Weg zu mehr Einheitlichkeit bei den Interventionen aus Köln liegt für Sie also in der Zurückhaltung – und somit darin, den Schiedsrichter vor Ort zu stärken.

Meier: Schlussendlich wird der Referee nicht schwächer durch den Video-Schiedsrichter. Das Problem ist momentan, dass es zu viele Schiris gibt, die ihre Verantwortung an den Video-Schiedsrichter abgeben. Das ist falsch. Die Unparteiischen müssen Verantwortung übernehmen. Sie sind auf dem Platz, sie sind der Chef und haben das Steuer in der Hand. Das muss der Fan spüren, die Spieler und das Umfeld. Wir brauchen auf dem Platz selbstständige und starke Schiedsrichter, die nur im Notfall auf den Video-Assistenten zugreifen können. Es ist wie mit dem Airbag im Auto: Den möchte ich nicht missen, aber eigentlich will ich ihn nicht brauchen. Aber wenn, dann ist es eine Notsituation, dann muss dieser Airbag zu hundert Prozent funktionieren. Es reicht nicht aus, zu sagen, es funktioniert zu 80 Prozent, das ist eine tolle Quote. Das ist einfach Quatsch.

Zurück zum Thema Transparenz: Für die Zuschauer im Stadion ist derzeit schwer erkennbar, wann und warum der Video-Assistent interveniert und wie in der Kommunikation mit Köln eine Entscheidung fällt. Könnte man das Projekt Video-Schiedsrichter auch dadurch stärken, dass man dem Publikum vor Ort die Eingriffe deutlicher erklärt?

Meier: Ich bin absolut der Meinung, dass die Entscheidungen auf der Leinwand transparent gemacht werden sollte. Der Video-Beweis soll ein Teil des Spektakels, des Fußballspiels sein. Der Zuschauer im Stadion verdient es, so informiert zu werden wie der Fernsehzuschauer zu Hause. Dann sind auch ein, zwei Minuten bis zur Entscheidungsfindung keine Zeit, die einem unglaublich lange vorkommt, sondern man ist ein Teil des Ganzen, sieht, was passiert.

Wie stehen Sie zu dem Kritikpunkt, dass der Video-Assistent das Spiel zu oft und zu lange unterbricht?

Meier: Das Problem ist: Der Video-Assistent ist eigentlich ein armes Schwein. Er sitzt in Köln, bekommt die ganze Atmosphäre nicht mit, er hat nur ein Bild, einen Ausschnitt, und hat das Gefühl, es ist etwas falsch, ist sich aber nicht hundertprozentig sicher. Dann muss er noch weitere Kamerapositionen auswerten. Unterdessen läuft die Zeit weg, er ist grausam unter Druck. Es ist unglaublich schwierig, anhand von TV-Bildern einen Entschluss zu fällen. Da kommen wir wieder zu diesem Punkt: Wir haben zu viele Grau-Entscheidungen – und diese am Fernsehen zu klären, ist fast ein Ding der Unmöglichkeit. Wenn es ganz klar ist, wenn es jeder sieht – das sind die Fälle, die auch ein Schiedsrichter am Video viel schneller bewerten kann. Und diese Entscheidungen müssen viel schneller kommen. Da braucht man sich auch nicht fünf verschiedene Kamerapositionen anschauen.

Sie gelten als Anhänger der Einführung des Profi-Schiedsrichters. Wäre er ein guter Ersatz für den Video-Assistenten oder eher eine notwendige Ergänzung?

Meier: Der Idealfall wäre, wenn man beides hat. In den großen Ligen müsste mit den Schiedsrichtern genauso professionell gearbeitet werden wie mit Fußballern. Die Referees sind in der Bundesliga das 19. Team, und genauso müssen sie aufgestellt sein: Trainer, Co-Trainer, Psychologen, Physiotherapeuten, drei Trainingstage. Wenn ich hier in Deutschland eine Entscheidung treffen könnte, würde ich sagen, wir müssen zur neuen Saison die Professionalisierung einführen.

Quelle: Gießener Allgemeine

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