Mit "Pickles" zum Titel

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England könnte Weltmeister werden, denn England hat wieder einen "Pickles". Harry Kane, der Stürmerstar, sagte nach dem Achtelfinalsieg über Kolumbien: "Pickles war fantastisch."

Der "Pickles", den der englische Kapitän meint, ist Jordan Pickford, Englands neuer Fußballtorwart. Englischer Torwart, ha ha, das ist der internationale Reflex, sichere Lachnummer. Doch vielleicht wird Jordan Pickford, 24, rotwangig, noch sehr jünglich wirkend, keiner, den sie auf den Titelseiten der Boulevardpresse schmähen. Sondern feiern wie den Original-Pickles. Der war ein Hund, ein Mischling, der 1966 in England, kurz vor Beginn der WM, die eine Woche zuvor bei einer Ausstellung geraubte Jules-Rimet-Trophäe bei einem Spaziergang mit seinem Herrchen erschnüffelte. Und irgendwie das Turnier rettete. Bei dem dann England Weltmeister wurde.

Vielleicht 2018 ja wieder. Denn man muss fragen: Was kann die Engländer aufhalten, wenn sie jetzt auch noch Elfmeterschießen beherrschen, die Disziplin des Schreckens in ihrer Geschichte? Gareth Southgate stand bisher für diese spezielle Misere. EM-Halbfinale 1996, England – Deutschland, der Spieler Southgate bugsiert den entscheidenden Elfmeter dem DFB-Keeper Andy Köpke in die Arme. "Das", sagt er auch in der Nacht, in der die Geschichte sich gewendet hat, "werde ich nie loswerden".

Und als ob ihm die englische Elfmeterschwäche auch im Moment, da sie überwunden scheint, immer noch peinlich ist, redet Southgate lieber über andere Aspekte des Spiels: "Wir haben das Spiel kontrolliert, haben große Disziplin gezeigt. Herausragend, wie wir die Disziplin gewahrt haben." Die kolumbianischen Zweikämpfer machten es den Engländern wirklich nicht leicht. Was Southgate mitnehmen möchte aus diesem Match: "Der Sieg ist wertvoll, weil wir in diesem Stadion leiden mussten. Unsere Fans waren wirklich gut – aber die kolumbianischen fünfmal so viele". Die Engländer sind verhalten gereist. Die politischen Beziehungen zu Russland sind kompliziert, in keinem Land war so ernsthaft ein WM-Boykott erwogen worden wie in England – Grund war ein in London verübter Giftanschlag auf die Familie eines ehemaligen russischen Agenten; man rechnet die Aktion Moskaus Machthabern zu (wofür es aber an Beweisen fehlt). Es gibt jedoch auch eine sportliche Seite, die die Zurückhaltung der englischen Anhänger begründet. Southgate: "Wir haben sie über Jahrzehnte enttäuscht."

Nun begeistert sich das Land für ein Team, dem es an Glamour fehlt. Es hat keinen David Beckham und keinen Wayne Rooney mehr. Doch die Geschichte rund um die Mannschaft ist diesmal auch nicht die von anspruchsvollen Begleiterinnen (den Wags, Wives and Girlfriends), die die Läden leer kaufen (in Russland gäbe es großartige Möglichkeiten), sondern von einer Ansammlung überwiegend unerfahrener junger Spieler, die mit leuchtenden Augen in die WM gegangen ist und nur an Fußball denkt.

Einzige Kritik, die das Team erfährt: Die Spieler würden leicht fallen, das sei nicht mehr die Generation von Haudegen, wie Southgate auch einer war: von Spielern, die standen wie ein Fels. Der jetzige Trainer lächelt ob dieser These, er weist sie aber zurück: "Wenn meine Spieler fallen, dann weil sie gefällt wurden." Kolumbien hatte schon eine spezielle Spielweise.

Ach ja, das Elfmeterschießen. "Gemischte Gefühle", stellte Harry Kane fest. England geriet durch einen Fehlschuss in der dritten Runde in Rückstand, doch in der vierten und fünften trat Pickles auf den Plan. "Man hat dann unseren Charakter gesehen", meinte Kane. Englands Gegenüber hatte freilich auch mit einem Elfmetertrauma zu kämpfen. Kolumbiens Trainer José Pékerman war Coach jener argentinischen Auswahl, die bei der WM 2006 in Berlin das Elfmeterschießen gegen die Deutschen verlor.

Womöglich kommen auf England 2018 weitere Elfmeterschießen zu. Gareth Southgate erwartet nämlich auch im Viertelfinale ein enges Match: "Schweden wird verdammt schwierig. Wir haben eine schlechte Bilanz gegen sie, wir unterschätzen sie immer."

Aber jetzt hat England ja seinen neuen Pickles.

Quelle: Gießener Allgemeine

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