Der Mann für große Matches

  • Ulrich Strack
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Stan Wawrinka ist der Mann für große Matches. In New York besiegte er Novak Djokovic, den er selbst als »mentales Monster« bezeichnet, dank seiner einzigartigen Leidensfähigkeit und Hingabe.

Stan Wawrinka tippt sich nach gelungenen Ballwechseln oft mit dem Zeigefinger an die Stirn, als wolle er seinem Gegner den Vogel zeigen. Mangelnden Respekt soll diese Geste natürlich nicht bekunden, sie ist für ihn selbst gedacht. Wawrinka sagt sich: »Jetzt, in diesem Moment, bin ich voll da. Nichts kann mich gerade stoppen!« Im Finale der US Open gegen Novak Djokovic tippte sich Wawrinka besonders häufig an die Stirn.

Später im Bauch des Arthur-Ashe-Stadium erklärte der Schweizer, wie er das »mentale Monster« Djokovic in einem faszinierenden, zermürbenden Schlagabtausch bezwungen hatte, die silberne Trophäe stand vor ihm auf dem Tisch. »Ich habe versucht, hart gegen mich selbst zu sein. Ich habe versucht, keine Schwäche zu zeigen, keinen Schmerz zuzulassen«, sagte Wawrinka nach dem 6:7 (1:7), 6:4, 7:5, 6:3. Mehr als vier Stunden zuvor hatte er noch wie ein Häufchen Elend in der Kabine gesessen, er sei so nervös gewesen, dass er angefangen habe zu weinen, aber er wollte einfach nicht verlieren, erzählte Wawrinka. Der 31-Jährige, nun ältester US-Open-Champion seit Ken Rosewall 1970, ließ tief blicken, als er über seine Leidensfähigkeit sprach. »Ich glaube, dieses Grand-Slam-Turnier war das schmerzhafteste, das ich jemals gespielt habe. Physisch und mental«, sagte Wawrinka. Knapp 22 Stunden stand er auf dem Platz, neun mehr als Djokovic, er spielte 27 Sätze, zehn mehr als sein Kontrahent, und wehrte in Runde drei gegen Daniel Evans einen Matchball ab. Der Weltranglistenerste aus Serbien, seit Wochen von kleineren Verletzungen und Problemen geplagt, schien von dieser Hingabe beeindruckt, wenn nicht sogar eingeschüchtert zu sein. Im gesamten Match gelang ihm nur ein Punkt weniger, doch wenn es darauf ankam, tippte sich Wawrinka wieder an die Stirn. Djokovic nannte ihn anerkennend einen »Spieler für die großen Matches« – und das nicht ohne Grund. Nach den Australian Open 2014 und den French Open 2015 triumphierte Wawrinka zum dritten Mal bei einem Grand-Slam-Turnier, einmal schlug er Rafael Nadal, zweimal Djokovic, jeweils die besten Spieler der Welt zu diesem Zeitpunkt. Von den »Fantastischen Vier«, zu denen Djokovic, Nadal, Andy Murray und sein derzeit pausierender Landsmann Roger Federer zählen, sei er weit entfernt, sagte Wawrinka dennoch. Dabei fehlt ihm nur noch der Titel in Wimbledon, um den Karriere-Grand-Slam zu vollenden.

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