Die letzte Ungerechtigkeit

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Die deutsche Box-Welt trauert um Graciano Rocchigiani. Der einstige Weltmeister stirbt mit nur 54 Jahren bei einem Verkehrsunfall auf Sizilien. Wir blicken auf ein Leben mit Höhen und Tiefen zurück.

Graciano Rocchigiani war neulich erst in München. Sport1 hatte ihn engagiert für die Castingshow »The Next Rocky«, einen Versuch, »Deutschland sucht den Superstar« aufs Boxen zu übertragen. 150 Boxer bundesweit meldeten sich, der Sieger soll einen Vertrag bei der Sauerland-Promotion und einen Live-Kampf im Fernsehen bekommen.

Rocchigiani war der Box-Bohlen, das Aushängeschild des Formats. Gedreht wurde im »Boxwerk« in Schwabing, vorletzte Woche für vier Tage. Nick Trachte, der Hausherr des Gyms und Mitglied der Jury, erinnert sich daran, wie es war mit Rocchigiani. »Anfangs war er mürrisch, doch mit der Zeit ist er aufgetaut. Und schließlich wurde es ein sympathisches und herzliches Miteinander.«

Die letzte Verabschiedung war dann eine für immer. Am Dienstag wurde publik, dass Graciano Rocchigiani (54), die Boxfigur, die die Deutschen beschäftigte und bewegte, auf Sizilien ums Leben gekommen war. Es ist mysteriös: Rocchigiani war am Montag um 23.30 Uhr in der Dunkelheit auf einer Schnellstraße ohne Standspur zu Fuß unterwegs. Ein Smart erfasste ihn, Rocchigiani war wohl sofort tot. Der Fahrer war nicht alkoholisiert. Und Rocchigiani? Das wird untersucht.

Im »Boxwerk« trauert man um den prominenten Gast und Kollegen. »Rocky war gerade im Aufwind«, so Trachte. Die Fernsehshow hatte Rocchigiani eine neue Rolle geboten. Er hatte immer nach einem Platz gesucht, nachdem es im Ring zu Ende gewesen war, betrieb zeitweise Gyms in Berlin und Duisburg, zuletzt hatte er immer wieder Trainerjobs angenommen, 2017 etwa bereitete er den Münchner Shefat Isufi auf einen Kampf vor. Acht Wochen war »Rocky« dafür in München, die Leute erkannten ihn auf der Straße immer noch. Sein Ruf war ja auch ein besonderer: Deutschlands meistbetrogener Boxer.

»Ach, diese alten Geschichten«, sagte er im Gespräch im Juli 2017 in einem etwas abgewetzten Lokal im Münchner Arbeiterstadtteil Laim, »sicher wurde ich einige Male beschissen in meiner Karriere. Aber wenn ich verloren habe, war das nicht immer ungerechtfertigt. Und immerhin war ich ja auch zweimal Welt- und Europameister.« Die Nikotinglocke, die ihn umgab, ließ schon erahnen, dass auch der Trainer Graciano Rocchigiani nicht nach strengen sportlichen Kriterien lebt – aber insgesamt wirkte er wie ein Mensch, der aus dem Gröbsten raus ist.

Die Deutschen lernten ihn kennen, als er 1988 der dritte deutsche Weltmeister im Profiboxen wurde, nach dem legendären Max Schmeling und Eckhard Dagge. Vorgestellt wurde er als »Sohn eines sardischen Eisenbiegers«. Jahrzehnte später, als er in einer Talkshow neben der Publizistin Alice Schwarzer saß, fragte die: »Rocky, was ist denn ein Eisenbieger?« Rocchigiani berlinerte: »Na, dit is eener, wo Eisen biecht.« Eine echte Rocky-Antwort: auf den Punkt. Gracianos Beruf war übrigens Gebäudereiniger.

Die große Zeit waren die 90er-Jahre: die Kämpfe gegen Henry Maske und Dariusz Michalczewski. 1995 zwei Punktniederlagen gegen Maske. »Rocky« und »Sir Henry« standen für unterschiedliche Stile, unterschiedliche Publikumsschichten. Maske, für die DDR 1988 Olympiasieger gewesen, war ein Faustfechter, einer, der die Gegner taktisch und mit perfekter Kondition zermürbte; er wurde zum Coverboy von RTL, unter seinem Namen erschien eine CD-Reihe »Power and Glory«, ihn liebten die Bürger und die Intellektuellen. Rocchigiani war einer, der die Entscheidung über den Vorwärtsgang, den Infight, den Punch suchte, eher der Typ Straßenschläger, der das alte, aber überschaubar große Boxpublikum band. Der nun groß werdende Event-Boxsport hatte ein Drehbuch, in dem einer wie »Rocky« nicht siegen sollte. Die erste Niederlage gegen Maske war ein Skandalurteil (die zweite jedoch ging in Ordnung).

1996 wurde Rocchigiani im WM-Kampf gegen »Tiger« Michalczewski disqualifiziert. Vor 25 000 Zuschauern am Millerntor nahm Michalczewski einen Tiefschlag seines Gegners dankbar an, wälzte sich auf dem Ringboden, stand nicht mehr auf. Großes Schauspiel. Der Revanchekampf wurde vier Jahre später angesetzt. »Rocky« provozierte im Vorfeld: »Dummer Pole.« Er wurde vermöbelt, sagte hinterher: »Dariusz, du bist ein guter Boxer – aber trotzdem ein dummer Pole.«

Unverschämte Bemerkungen, Schlägereien, Freiheitsstrafen, Autofahrten ohne Führerschein, bei denen er sich erwischen ließ, unglückselige Frauengeschichten – »Rocky« ließ nichts aus. Irgendwann, als all die großen Rivalitäten Geschichte waren, sich alle vertrugen und Rocchigiani Henry Maske sogar fragte, ob er ihn trainieren würde, sahen die Deutschen im Sohn des sardischen Eisenbiegers aber den Typen: Harte Schale, aber im Grunde ein gutmütiger Kerl. Und er war immer noch da, obwohl Verbände, Promoter und Ringrichter ihn beschissen hatten.

»Berliner Schnauze, gerade raus, ehrliche Haut« – das sagt auch Nick Trachte über Rocchigiani, dem im »Boxwerk« eine Marienstatue mit der Inschrift »Geben ist seliger denn nehmen« gefallen hatte. Trachte ließ für »Rocky« ein T-Shirt mit dem Motiv anfertigen. Beim nächsten Besuch wollte Rocchigiani sich mit einem Rocky-Pulli revanchieren. Dazu kommt es nicht. »Rocky« ist früh gestorben, eine letzte große Ungerechtigkeit.

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