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Polizisten im sportlichen Dauereinsatz. Wenn sie morgens zum Dienst kommen, rätseln sie: Haben wir es heute mit »gedopten« Ultras oder mit Ultragedopten zu tun? Zu Letzteren später, zu den Ultras wenig. Von mir. Denn ich war nicht dabei und kann mir daher kein Urteil erlauben. Aber klar: Das Stadion ist kein rechtsfreier Raum, auf der Tribüne gelten dieselben Gesetze wie überall. Sie durchzusetzen, ist Aufgabe der Polizei. Wird Widerstand geleistet, hat sie das Gewaltmonopol. Dabei muss die Verhältnismäßigkeit gewahrt bleiben. War dies in Frankfurt der Fall? Weiß ich nicht, siehe oben. Aber jedenfalls hat ein Populismus-König den ersten Schreckschuss abgegeben.

Von GW

Polizisten im sportlichen Dauereinsatz. Wenn sie morgens zum Dienst kommen, rätseln sie: Haben wir es heute mit »gedopten« Ultras oder mit Ultragedopten zu tun? Zu Letzteren später, zu den Ultras wenig. Von mir. Denn ich war nicht dabei und kann mir daher kein Urteil erlauben. Aber klar: Das Stadion ist kein rechtsfreier Raum, auf der Tribüne gelten dieselben Gesetze wie überall. Sie durchzusetzen, ist Aufgabe der Polizei. Wird Widerstand geleistet, hat sie das Gewaltmonopol. Dabei muss die Verhältnismäßigkeit gewahrt bleiben. War dies in Frankfurt der Fall? Weiß ich nicht, siehe oben. Aber jedenfalls hat ein Populismus-König den ersten Schreckschuss abgegeben.

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Geburtstag der Woche. Sepp Maier ist 75 geworden. Glückwunsch. Dass er aber als »Karl Valentin des Fußballs« gefeiert wurde, kann nur bedeuten, dass die Lobredner Karl Valentin nicht kennen. Wer Maier mit Valentin vergleicht, sieht auch in Mario Barth einen Bruder im Geiste von Matthias Beltz.

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Mein Ärgernis der Woche ist nicht die Auswechslungs-Verweigerung des Chelsea-Keepers Kepa. Die war nur zum Lachen (nicht für den blamierten Trainer) und zum Lernen. Denn hätten Sie gewusst, dass der Schiedsrichter nicht eingreifen durfte? Dass er weiterspielen lassen muss, wenn ein Spieler bockig auf dem Platz bleibt? Der große und viele kleine Ronaldos hatten jedenfalls ihr Aha-Erlebnis ...

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»Kriminal ärgern« (altes Wort, nicht von Valentin, sondern Hüsch) könnte ich mich über Kylian Mbappé. Faustet den Ball dreist ins Tor, lässt sich spitzbübisch feiern – mit geballter Faust! – und wird erst vom Videoassistenten überführt (gesehen hat’s sowieso jeder). Die Gelbe Karte war so angemessen wie ein augenzwinkerndes »Du, du!« für den in flagranti mit der Blutspritze im Arm Ertappten. Narrenfreiheit im Fußball.

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Auch dem Bundespräsidenten wurde die Gelbe Karte gezeigt. Das Telegramm an Iran »im Namen meiner Landsleute« reißt aber auch in mir alte Wunden auf. Ebenso alte Leser erinnern sich an die »Schmach von Gijon« bei der WM 1982. Damals gab ich zunächst in einem aktuellen Kommentar die Schuld dem Reglement, weil der Modus noch keine zeitgleichen letzten Gruppenspiele vorsah. Als sich aber ganz Medien-Deutschland aufregte, dachte der kleine »gw«: Das kann ich auch, das toppe ich ... und schickte »im Namen unserer Leser« ein heuchlerisches Entschuldigungs-Telegramm an die algerische Botschaft. Aber au weia! Ein Sturm der Entrüstung brach über den verdutzten Opportunisten herein. Schmähbriefe der übelsten rechtsradikalen Art und, was fast noch am schlimmsten war, auch viel Zustimmung aus den Reihen sportferner Gutmenschen, die jede deutsche Entschuldigung von vornherein begrüßenswert finden. Ein Leser brachte es dann auf den Punkt und traf mich an meinem wundesten: Zuerst einen vernünftigen Kommentar schreiben, dann scheinheilig die Empörung der Medien toppen wollen und damit kräftig auf die Schnauze zu fallen, das nenne er eine gerechte Strafe. Und ich eine Lektion fürs Leben.

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Zu den Ultradopern. Die Süddeutsche folgert nach der Blutdoping-Razzia: »Der Betrug im Sport ist keine ›Charakterfrage‹, wie oft behauptet wird, sondern ein Systemzwang.« Ja, klar. Langsam dürften es alle kapiert haben. Aber bitte weiterfolgern: Wenn ich mich dem Systemzwang beuge, wer ist dann der Betrüger? Ich oder das System?

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Es ist ja alles dermaßen verkuddelmuddelt und vermuddelkuddelt. Die SZ schreibt auch, Eigenblutdoping zeige »den Grad der Perversion, den der moderne Spitzensport erreicht hat«. Da hinkt die SZ der Entwicklung allerdings fast ein halbes Jahrhundert hinterher. Schon bei Olympia 1972 hat ein Doppel-Olympiasieger mit seinem Blut gepanscht, folgenlos. Damals gab es in Deutschland sogar einen »Wunderheiler« namens Manfred Köhnlechner, zu dessen Angebots-Palette als »Naturheiler« der Eigenblutaustausch gehörte. Prominentester Köhnlechner-Patient (und -Freund) war eine kaiserliche deutsche Lichtgestalt. Und einige Jahre später erzählte der französische Rock-Sänger Johnny Hallyday stolz, sein Freund Zinedine Zidane habe ihm eine gute Schweizer Klinik zur Blutauffrischung empfohlen.

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Aparte Doping-Girlande: Erst wurde mit Eigenblut gearbeitet. Dann kam EPO, das die gleiche Wirkung hatte, aber gesundheitlich weniger riskant war. Als EPO nachgewiesen werden konnte, kam das Blutdoping wieder in Mode, das ein viel geringeres Nachweis-Risiko hatte. Jetzt freuen sich alle über die gelungene Doping-Razzia, während schon längst mit Kobalt Medaillen gewonnen werden. Und das Horror-Gespenst Gendoping wankt auch schon als Zombie über Loipen und Laufbahnen.

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Vorfrühlingsschnupfen. Sobald ich in der Horizontalen liege, macht die Nase zu wie der Muskel von Arjen Robben. Da liegt man röchelnd im Bett und kann nicht schlafen. Es helfen nur Otriven oder Wick Medinait. Beides Doping. Weil Ephedrin drin ist. Aber ruhig Blut, Razzia nur bei Sportlern. Wir sind alle Dopingsünderlein, ’s war immer so, bleibt immer so. – Helau! (gw)

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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« / Mail: gw@anstoss-gw.de)

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