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Als die Bundesliga Winterpause machte, zogen die Fußball-Sachverständigen per Sky gen Engeland und rasteten aus vor Begeisterung über die Spiele in der Premier League. Diese Rasanz! Dieses Tempo! Diese Dramatik! Diese Rasse & Klasse!

Als die Bundesliga Winterpause machte, zogen die Fußball-Sachverständigen per Sky gen Engeland und rasteten aus vor Begeisterung über die Spiele in der Premier League. Diese Rasanz! Dieses Tempo! Diese Dramatik! Diese Rasse & Klasse!

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Falls die Engländer mal ausnahmsweise nicht auf ihren eigenen Nabel schauen sollten (in meinen passt nur ein kleines Fusselwollmäuschen, in den englischen alles very Britishe von Brexit bis Premier League), sondern gen Fränkfort, wären sie am Samstag ausgerastet. Diese Rasanz! Dieses Tempo! Diese Dramatik! Diese Rasse & Klasse!

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Und wir in Hessen – und natürlich auch unsere Fußball-Freunde aus dem benachbarten BVB-Land – lehnen uns bzw. sich stolz und vergnügt zurück und genießen die Momentaufnahme einer großen, einer ganz großen Partie, einer tollen Fußball-Party. Wobei die Momentaufnahme sogar einen verheißungsvollen Vorteil hat: Wenn nicht alles täuscht, scheint sich der Moment zu einem Momentum und über dieses zu einem stabilen Phänomen zu entwickeln. Ein Unentschieden, zwei Sieger. Alle Wetter! Prima Klima hier wie dort.

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Genug geschwärmt. Zum Trauerspiel. Ein Patriarch, ein Überschätzter, ein Überforderter. Am Ende der fallenden Befehlskette lauschen Mitarbeiter in kurzen Hosen ihrem neuen Abteilungsleiter, der die üblichen Phrasen drischt. Tenor: Ihr seid nicht fit, daran ist mein Vorgänger schuld, reißt euch zusammen, ich kann schließlich nicht selbst die Tore schießen, ihr kennt ja meine Referenz: Ich konnte Fußball spielen. Ihr nicht. Und der vor mir war eine Pfeife.

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Um wen geht’s? Egal. Jedenfalls nicht um die Ancelottis der Branche. Wenn der zu einem neuen Klub kommt, fällt kein böses Wort über den Vorgänger, wenn er geht, rechnet er nicht ab, schweigt souverän. Ein Herr und Meister seines Fachs. Wenn einer der anderen kommt, wirft er die Plattheiten-Windmaschine an, und wenn er schon bei der ersten Pressekonferenz mit den simpelsten Blech-Worthülsen um sich wirft, tut das den Beworfenen oft nicht mal weh, sie fangen sie als weise Worte auf und leiten sie an ihre lesende, sehende oder hörende Kundschaft weiter, denn viele von ihnen haben eine Schmerzgrenze nahe an der des Ochsen, dem man ins Horn petzt. Den anderen gilt mein kollegiales Mitgefühl. Ihr habt keinen dollen Job.

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Na ja, auch Namensscherze schmerzen empfindliche Freunde des geschriebenen Wortes. Ich bitte um Entschuldigung. Nächstes Thema. Hand. Was ist das? Aktuelle Fußball-Definition: Wenn die Hand zum Ball ... der Ball zur Hand ... die Körperfläche vergrößert ... absichtlich ... alles klar? Hilfe! Letzte Rettung bietet nur die alte Bolzplatz-Regel "Hand ist Hand". Danach setzen wir "Drei Ecken – Elfmeter" auf die Tagesordnung.

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Bolzplatz-Regeln haben etwas zutiefst Darwinistisches. Survival of the fittest (lebt da noch wer bei "96"?). Es beginnt schon ... beim Beginn. Harald Schmidt kann das bestätigen. In einem Beitrag für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung denkt er "an die schlimmsten Demütigungen meiner Kindheit und Jugend". Dazu gehörte, "dass ich nicht mal als Letzter gewählt wurde; ich wurde gar nicht gewählt". – Ich schon. Wenn’s nass und matschig war. Dann wollte niemand ins Tor. Und es schlug die Stunde von Toni Turek, dem Fußball-Gott.

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Mehr aus dem "Denk ich an Sport"-FAS -Text von Schmidt morgen in "Ohne weitere Worte". Mit weiteren Worten, weil Schmidt auch einen hübschen Satz zu Klopp und Raab schreibt, fällt mir eine steil abfallende Humorkette ein. Harald Schmidt verhält sich zu Stefan Raab wie Stefan Raab zu Mario Barth.

Und sonst? Bild fragt: "Holt Silbereisen Helene zum Traumschiff?" Darf der das? Leichtmatrose heuert als Kapitän auf einem untergehenden Kreuzfahrer an und will seine unschuldige Ex mit in den Abgrund reißen? Oder hier, der FAS- Aufmacher von gestern: "Schnitzel, Pommes. Mayo. Kindergerichte in Deutschland fast immer ungesund." Da bin ich ja ein vorbildlich gesunder Esser. Ich ziehe Pizza, Pasta und Schokolade vor.

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Mir gefällt natürlich auch sehr die Meldung vom hochrangigen Ökonetz-Manager, einem Vorkämpfer für eine erfolgreiche Energiewende in einer nachhaltigen Welt" und dafür 2017 zum "Energiemanager des Jahres" gekürt, der sich beruflich verändert. In die Atomwirtschaft. Er wird Uranhändler. Nun kämpft er also für saubere Energie. Sauber.

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Die dreisteste Schlagzeile kommt natürlich aus den USA. Boo ist gestorben, der laut Facebook- "Likes" "niedlichste Hund der Welt". Aber dass und warum Boo gestorben ist (gebrochenes Herz, weil sein bester Hunde-Kumpel vor einem Jahr über die Regenbogen-Brücke gegangen ist), geißele ich nicht als dreiste Lüge der Fake-News-Art, sondern: "Niedlichster Hund der Welt"? Der lebt zum Glück, hoffentlich noch lange, und zwar bei uns. Ich höre das bestätigende Echo der Leser, die ebenfalls mit einem Hund (oder zweien) leben dürfen: ... bei uns ... bei uns ... bei uns. (gw)

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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog "Sport, Gott & die Welt" / Mail: gw@anstoss-gw.de)

Quelle: Gießener Allgemeine

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